19.11.2007 / 12:21 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)
Seite xv-xvi von Everything Bad Is Good For You enthalten vorbildlicherweise eine Zusammenfassung des restlichen Buchs, eigentlich könnte man das Lesen an dieser Stelle auch gleich wieder einstellen. Andererseits steht da auch nicht mehr, als man durch Osmose von Zeitgeistthemen ohnehin schon weiss, das Buch enthält aber sicher noch ein, zwei Informationen, die darüber hinausgehen.
Im Prokrastinationsbuch wird man auf die Einleitung verweisen müssen, in der Johnson ausführlich sein Kindheitshobby Baseball-Simulationen auf Papier beschreibt. Der Spielvorgang dürfte dabei für Ausserirdische ununterscheidbar vom Ausfüllen der Steuererklärung sein (bei beidem kommt gemeinhin ein 20-seitiger Würfel zum Einsatz). Was macht also die Arbeit zur Arbeit und das Vergnügen zum Vergnügen? Komplexität kann schon mal nicht das Unterscheidungskriterium sein.
Im ersten Kapitel, "Games", geht es dann um die Frage, warum Computerspiele keine Zeitverschwendung sind. Es ist natürlich genaugenommen in diesen glücklichen Zeiten gar nichts mehr Zeitverschwendung; die Tätigkeit, die einen nicht wenigstens zum Computerspielerezensenten oder Seriendrehbuchautor qualifiziert, muss erst noch erfunden werden. Beim Lesen der Johnsonschen Buch-Computerspiel-Vergleiche wird mir klar, dass die Lesemaschine ein fossiles Gerät aus dem vorigen Jahrtausend ist, man hätte eine Spielemaschine gründen müssen, warum sind wir da nicht selbst draufgekommen? Jetzt ist es zu spät, wir sitzen in der Falle und müssen uns mit einem Unterhaltungsmedium befassen, das seine beste Zeit hinter sich hat. Aber wer weiss, vielleicht kommt uns bald die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne unserer Generation zu Hilfe, alle Autoren verlieren das Interesse an der Lesemaschine, und wir können endlich die von Kai Schreiber intern bereits geforderten Projekte Musikmaschine, Filmmaschine und Belegte-Brote-Maschine in Angriff nehmen.
Fundort: Bücherregal von Aleks Scholz ("Hilft ungemein, wenn man mitreden will. Ich habe letztes Jahr eine ganze Tagung nur mit diesem Buch bestritten.")
19.11.2007 / 08:29 / Angela Leinen liest: Klagenfurttexte
1981 las Ilma Rakusa "Zwei wahre Geschichten"
Ilma Rakusa (rechts) 2006 mit Daniela StriglLesezeit: Donnerstagmittag
Anfang 1. wahre Geschichte: "Treffen in Reykjavik":
Weil ich nicht weiss, was ein Peristyl ist, stelle ich die Lektüre zurück und blättere im Literaturteil der Zeit herum, der ja von Iris Radisch (Jury 1995-2000 und seit 2003) verantwortet wird. Macht auf mit einer Besprechung der "Hefte aus Kriegszeiten" von Marguerite Duras. Bekannte Duras-Übersetzerin: Ilma Rakusa (Kandidatin 1981, Jury seit 2003). Diese nun hat aber Anne Weber (Kandidatin 2005) übersetzt. Hinten schreibt Hanns-Josef Ortheil (Kandidat 1982) über Robert Gernhardt. Ursula März (Jurorin seit 2003) rezensiert ein Buch namens "Manieren 2.0". Und innen bespricht Ulrich Greiner (Jury 1980) das neue Buch von Juli Zeh (Kandidatin 2004).Ann, Er und der Dritte gehen durch einen schütteren Birkenhain auf das Haus zu. ... das Peristyl erinnert nur von ferne an ein Peristyl und steht im Norden von Reykjavik.
Ich finde das umständlich und blutleer, aber vielleicht ist "schwarzes Pulver" ein Hinweis, und später wird doch noch geschossen. In den letzten Tagen Schwierigkeiten einzuschlafen. Verschwunden. Den Text trage ich vom Sofa zum Bett und zurück.Er kommt auf Kaffee zu sprechen, macht schon Anstalten, das schwarze Pulver aufzustöbern, aufzukochen, aufzutischen, als der Dritte das Paar geradewegs anpeilt: "Wie kommt ihr zurecht?"
Marionetten, damit sind bestimmt diese Leute gemeint, Ann und Er. Hölzern, sprachlos, nebeneinanderher. Sowas halt. Das Baumeln macht mich müde. Morgen lese ich weiter. (Baumelnde Tapeten. Sinkende Hoffnung auf Schüsse.)Wände, mit Riesenmarionetten volltapeziert, die leblosen Dinger baumeln freundlich herab ...
18.11.2007 / 16:36 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)
Elmore Leonard, Jim Thompson, Charles Willeford, Chester Himes, James Crumley, James Lee Burke, Mickey Spillane, Joe R. Lansdale, Walter Mosley, James M. Cain, you name it, I read it. Damals, in der Krimibuchhandlung. Die Kunden: "Les mal was von James Ellroy!". Die Kundinnen: "Haben Sie was, was genau wie Elizabeth George ist?". Praktisch nur Kundinnen, Scheissladen. "Haben Sie was, wo eine Katze der Detektiv ist?" Davon geträumt, die jungen Mütter mit der abgesägten Schrotflinte zu beraten.
Fuck, ich hab's versucht. Trotzdem nach ein paar Seiten immer Schluss bei Ellroy. Bin jetzt über 30, kann nicht mehr alles ändern. Bleibe jemand, der nur die Anfänge von James-Ellroy-Büchern liest. Von allen anderen Büchern auch nur den Anfang, Problem gelöst.
Seite 3-8 von White Jazz: Zeitungsartikel von 1958. Fuck, das sind gar keine Rezensionen zum Buch. Muss also alles lesen. Gleich auf der ersten Seite sechs Namen. Fünfeinhalb zu viel. Nächste Seite: Fünf neue Namen, Andeutung politischer Verwirrungen. Verfilmung vermutlich: Elf Personen, identische Trenchcoats, Hüte, keine Chance. Fange an, mich nach einem Detektiv zu sehnen, der eine Katze ist.
Dann endlich Handlung. Weniger Redundanz als ein Loch zwischen den Augen. An sich kein Problem, bei James Crumley genauso. Muss man eben alles lesen, fuck it. Nur: Macht bei Crumley Spass. Hier nicht. Noch fünf Seiten. Another ten minutes of pure shitwork. Der Autor, kann man sich denken: "Kurze Sätze machen viel mehr Arbeit." Yeah right. Scheissdialoge: "But you've got the cojones to snitch." Fuck, fuck, fuck. Dann endlich Seite 20. Licht aus.
Fundort: Bücherregal von Aleks Scholz. ("Ich glaube, ich habe dieses Buch nur gekauft, weil ein Hund vorne drauf ist.")
18.11.2007 / 15:40 / Sascha Lobo liest: Der ewige Spiesser (Ödön von Horvath)
Aufmerksame Leser dieser Wiederverdauungsanlage werden wissen, dass ich mit Kathrin Passig gemeinsam ein Buch über Prokrastination schreibe. Das ist derzeit meine grösste von etwa dreizehn Aufgaben. Nun ist es so, dass sich in solchen Fällen bei mir die Prokrastination ändert; will sagen – wenn ich vor grossen Aufgaben stehe, tue ich auf ganz andere Art nichts, als wenn ich normale, kleinere Aufgäblein verschiebe. Bücher lese ich dann mit einer gewissen Unruhe, so mag es von aussen scheinen: Ich fange in der Mitte an, verliere nach drei Minuten die Geduld, springe an den Anfang, den ich aber auch schon fünf Mal angefangen habe, dann blättere ich nach vorn, versuche, eine mir wichtig erscheinende Figur wiederzufinden, lese zwei Seiten, verliere die Lust und versuche dort weiterzulesen, wo ich in der Mitte aufgehört habe, merke dann aber, dass ich das Anfangssetting schon wieder vergessen habe und werfe das Buch in die Laptoptasche, falls sich unterwegs eine Situation ergibt, in der das Buch gelesen werden kann. Das passiert übrigens nie. Der unvoreingenommene Betrachter interpretiert diesen gesamten hektisch-aktionistischen Vorgang als wirr, ungeordnet und uneffektiv und genauso ist es natürlich auch. Das macht es etwas schwierig für mich, ein Buch so zu lesen, dass ich dem Lesemaschinenleser die chronologische Passierlawine vermitteln kann. Aus diesem Grund klaube ich Mosaiksteinchen aus dem Buch, vermenge sie mit der Erinnerung, vor vielen Jahren habe ich das ja schon mal gelesen, und täusche so geschickt den Leser darüber hinweg, dass ich in Wirklichkeit zu fahrig bin, um mehr als eine Drittelseite hintereinanderweg zu lesen.
Kobler hatte aus einer Verbindung mit einer ältlichen Hofopernsängerin ein Cabriolet herausschlawinert, das er einem reichen Provinzler namens Portschinger verkauft. Das Cabriolet ist Schrott, aber Portschinger merkt es ironischerweise erst nach dem Kauf, weil er sich mit Speichelleckern umgibt, die ihm jede seiner Entscheidungen als die bestmögliche bestätigen. Kobler beschliesst, mit dem ergaunerten Geld zur Internationalen Weltausstellung nach Barcelona zu fahren, mit dem Zug durch die Schweiz, Italien, Frankreich bis nach Spanien. In Barcelona möchte er fremdländische Hofopernsängerinnen für sich einnehmen und Portschingers aus aller Welt ausnehmen; mit diesem Plan fühlt er sich so international, dass er beschliesst, Paneuropäer zu werden.
[Kathrin, mach doch bitte auch einen Prokrastinationsbuch-Progressbar für mich. SL
Ja, bau ich dir morgen oder übermorgen ein. KP]
Sascha Lobo / Dauerhafter Link / Kommentare (9) / Buch kaufen und selber lesen
17.11.2007 / 22:06 / André Fromme liest: Esra (Maxim Biller)
Gar nicht so einfach, ein Einstiegssatz zu diesem Buch, man will ja partout nicht im Stereotyp versinken.
Versuchen wir es hiermit: »Esra« zu lesen ist für mich ein Experiment. Das freut sicher zu lesen, da denkt man direkt an Zwölftonmusik und andere Annehmlichkeiten des täglichen Lebens. Wenn ich jetzt auch noch erwähne, dass ich ein verbotenes Buch lesen werde, sollten mir die Massen der 'In' Crowd ja eigentlich direkt zu Füssen liegen. Experimente mit verbotenen Substanzen, yeah. »Esra« also, frisch wirklich endgültig verboten1.
Durch das Verbot weiss man nun relativ genau Bescheid, dass Monsieur Biller in diesem Buch den geforderten, nötigen und gebotenen literarischen An- und Abstand zum Objekt seines Werkes vermissen lässt. Das lassen viele, aber Biller gibt sich laut Gerichtsentscheid nicht einmal eine Art Mindestmühe dabei, wenigstens notdürftig zu verschleiern, wer denn gemeint ist. Als frisch gebackener ehemaliger Medienwissenschafts-Nebenfachler mit entsprechend halbseidenem Halbwissen fühle ich mich berufen wie sonst kaum jemand, »Esra« zu lesen und herauszufinden, wie sich dieses Buch nach der vorangegangenen Diskussion liest, bzw. ob man es überhaupt noch lesen kann. Damit kann ich mich auch schön zwischen die Stühle setzen, denn mit unsolidem Ex-Nebenfach-MeWi-Wissen nervt man das gemeine Volk (»What the fuck is Medienwissenschaft?«) vermutlich ebenso sehr wie den gemeinen echten Medienwissenschaftler.
Das Buch2 macht einem den Einstieg leicht: die ersten 8 der 213 Nennseiten des Buchs werden darauf verwendet, dem Leser mitzuteilen, wie das Werk, das er gerade in der Hand hält, eigentlich heisst. Ich finde es irgendwie sehr beruhigend, auf drei aufeinanderfolgenden Seiten »ESRA« zu lesen. Das gibt einem Zeit, ein bisschen Vorfreude zu entwickeln und ein angenehmes Kribbeln im Nacken zu bekommen. Vielleicht ist mir so häufige Titelnennung bei anderen Büchern bisher auch schlicht nicht aufgefallen, weil ich sie nicht mit so viel Aufmerksamkeit für solche Oberflächlichkeiten gelesen und betrachtet habe. Egal – danke an den Setzer für diesen schönen Einstieg ins Buch. Schon jetzt volle Punktzahl in der B-Note, auch weil das Buch in der an und für sich ganz hübschen »Stempel Garamond« gesetzt ist.
Der eigentliche Romantext beginnt auf Seite 9 – womit dieser Beitrag abbricht, denn ich habe noch gar nicht angefangen zu lesen.
Um letztlich noch das Plansoll an Lesemaschine-Selbstreferenzialität zu erfüllen, hier noch eine Fussnote mit organisatorischen Erläuterungen: 3.
1Wie man so sagt – Klaus Manns »Mephisto« wurde auch 1966, jedenfalls in der Bundesrepublik, verboten und ist schon seit einer Weile wieder verfügbar.
2Dank gebührt einer ehemaligen Studienkollegin, die selbstlos ihre »Esra«-Erstausgabe an mich verliehen hat.
3Ein »Buch kaufen und selber lesen«-Link ist für verbotene Bücher aus naheliegendem Grund nicht möglich. Um dem Leser trotzdem die Möglichkeit zu geben, sich dem Grundbedürfnis Konsum hinzugeben, führe ich die Rubrik »Bei der Lektüre gehört und für empfehlenswert befunden« ein, in der es Kaufempfehlungen für die hochnotsuperen Musikalben gibt, die jeweils bei der Lektüre gehört wurden. Frohlocket!
André Fromme / Dauerhafter Link / Kommentare (2) / Buch kaufen und selber lesen