25.06.2010 / 10:10 / Viele lesen: Klagenfurttexte 2010
Ulrich Ditzen erzählte letzte Woche bei einer Lesung, dass sein Vater Hans Fallada immer früh ins Bett ging, gegen 22 Uhr, weil er schon um drei oder vier Uhr morgens wieder aufwachte, die Arbeit liess ihn nicht los, er kochte sich einen Kaffee und setzte sich an den Schreibtisch, arbeitete den ganzen Tag, bis er am nächsten Abend um zehn wieder vor Erschöpfung einschlief und in den sehr frühen Morgenstunden wieder aufstand. Seine eigene Vorgabe war es, niemals weniger zu schreiben als am Tag davor, ich nehme an, so kann man sich bestens selbst zugrunde richten. Auf die Frage, ob es nicht schwierig gewesen sei, einen solch besessenen Vater gehabt zu haben, sagte Ditzen: "Everyone has their fate."
Mein Schicksal ist es nun, dass ich zugesagt habe, etwas zu Christopher Kloebles Text zu schreiben, dem dritten Text des Bewerbs, einem Auszug aus dem Roman "Ein versteckter Mensch." Ein Sohn zieht zu seinem geistig behinderten Vater, der nur noch fünf Monate zu leben hat. Zunächst sind da die verunglückten Dialoge, ich weiss ja nicht, mit welchen geistig behinderten Menschen Kloeble so zu tun hat, aber die, die ich kenne, sprechen nicht so. Dann weint der Vater natürlich Krokodilstränen, wie es sich für einen geistig Behinderten gehört, es können keine einfachen Tränen sein, nein, wie ein Kind weint er Krokodilstränen. Die den Text durchdringende Überheblichkeit ist in der Sprache angelegt, ärgerlich und bevormundend, am Ende müssen wir dann auch noch das Selbstmitleid des Protagonisten ertragen, der mit seinem geistig behinderten Vater hadert. "Albert erwiderte seinen Blick und wünschte sich einmal mehr, er hätte Fred einfach eine Frage stellen und Fred sie ihm einfach beantworten können, ein stinknormales Gespräch, das wünschte er sich, bei dem Fred seine Worte so verstand wie Albert sie meinte." Das ist dann ein bisschen wie Jean-Louis Fournier auf Valium.
"Schweigen drang durch die Tür", heisst es gegen Ende, und ich wünschte mir, Schweigen wäre durch den Text gedrungen. Ich bin sicher, der Autor hat es gut gemeint, aber manchmal ist genau das bekanntlich das Gegenteil von gut.
Bewusstseinserweiterndes Bild: "Im selben Moment gab der Hahn des Nachbarn sein gekrächztes Kikeriki zum Besten."
Ratlose Frage: Warum war die Jury so gnädig mit dem Text?
Monika Scheele Knight / Dauerhafter Link / Kommentieren
25.06.2010 / 10:09 / Viele lesen: Klagenfurttexte 2010
Dass der Offizier die Seekarte "versonnen" betrachtet, okay. Zu viele Ausrufezeichen: geschenkt. Ein deplatziertes "rekapitulierte Rösch", naja. Ich bin nach Wie ich vom Ausschneiden loskam milde gestimmt. Ein Schiff vor Somalia, Giftmüll der italienischen Mafia, Piraten, Kurznasenseefledermäuse, das ist doch interessant – weniger dagegen aber leider die zu Hause verbliebene Frau Mathilde.
Und dann so Sachen wie: "...und plötzlich erinnerte sich der alte Mann an seinen uralten Traum vom Meer! Das Meer war dabei, ihm seinen Traum zu erfüllen. Es wollte ihn reich machen, damit er seinen Enkel auf eine grosse und wichtige Schule schicken konnte!" Ich mag es nicht, wenn ein Erzähler sich den Figuren gegenüber so überheblich zeigt ("der einfache Fischer").
In einem Kommentar auf zeit.de wird alles mögliche in den Text hinein interpretiert: die Kurznasenseefledermaus schaffe als Metapher eine "sphaerische Verbindung aus Unterbewusstem (Meer) und Bewusstem (Luft als Sphaere des Geistigen)." Psychoanalytische Literaturkritik, wer's mag. Natürlich ist "die Bindung zu Mathilde (Ursprung) und Freiheit auf dem Meer (Ursprungslosigkeit) ein zentrales Motiv des Textes", aber meines Erachtens eben nicht gut ausgearbeitet, weil das zweite Moment, die Ursprungslosigkeit, auf hohem Niveau dargestellt ist, das erste Moment Mathilde aber sehr banal daherkommt, bzw. recht unklar bleibt, weil man als Leser die Mathilde gar nicht kennenlernt. Für eine aussagekräftige Gegenüberstellung müsste der Autor beide Elemente mit derselben Tiefe ausarbeiten. Mir erscheint jedenfalls klar, dass das Herz des Autors viel mehr am Meer hängt als an Mathilde, ersteres Thema ist liebevoll erschrieben und zweiteres eher aus Pflichtgefühl dazwischen gesetzt. Im Videoporträt hat er versprochen, dass von ihm keine Liebesgeschichte zu erwarten sei – hätte er sich doch dran gehalten.
Harte Szenen des Häutens und dann wieder Kitsch, das geht alles nicht zusammen, ein etwas disparater und zwiespältiger Text, kein Preiskandidat, muss ich wohl sagen, verliert sogar nach dem Vortrag beim nochmaligen Abendlesen. Eine potentiell und in Ansätzen schöne Erzählung, aber nicht gut umgesetzt.
Monika Scheele Knight / Dauerhafter Link / Kommentieren
24.06.2010 / 19:49 / Viele lesen: Klagenfurttexte 2010
Klagenfurt, Bachmannpreis 2010, es ist so weit. Erster Text des Bewerbs: Sabrina Janesch, Katzenberge. Wir befinden uns in Schlesien. Männer sehen sich blinzelnd um, vom Staub verschmutzte Haare wirken grau, knochige Schultern, dampfende Erde, fremder Geruch von Beton, jemand meldet sich mit leiser Stimme, ein anderer streckt seine Nase in die Luft.
Vom Wiesenschaumkraut übersäte Felder. Konturen von Menschen in der Ferne verschmelzen fast mit dem Hintergrund. Hüte sitzen auf den Köpfen wie hässliche Tierchen, Rufe füllen jeden Winkel der Siedlung und der Felder, bis in den Wald, in die Flur und bis hinauf in den Himmel. Es wird an Toren gerüttelt, sich brüllend und schnaufend den Eingängen der Häuser genähert.
Einer hört sein Blut in den Ohren rauschen, sein Herz schlägt gegen den Brustkasten, er umschliesst die Klinke mit seiner Hand, fühlt die Kühle des Metalls. Hinter der Pforte lauert ein Brombeerstrauch. Ein Fenster ist sperrangelweit geöffnet, Schilf wiegt sich, Balken ächzen. Auch nachdem es ihm gelungen ist, das verzogene Holzfenster zu verriegeln, kann er kein Auge zumachen, mit fahrigen Händen streicht er sich über den Kopf.
Unter seinen Füssen quieken die Dielen, als sei er auf ein lebendiges Tier getreten. Dann die Erkenntnis: Herr Dietrich hat sich mit Hut und Krawatte aufgehängt. Mit einem dumpfen Laut fällt die Leiche zu Boden.
Prädikat: Der neue Juror Hubert Winkels stellt die ebenso bittere wie treffendste Diagnose: Literatur aus dem Setzkasten.
Streitbare Praxis, an die mich der Text erinnert: auf dem Oktoberfest in Chicago hing im Zelt neben den Flaggen von Niedersachen und anderen Bundesländern auch die Flagge von Schlesien.
Monika Scheele Knight / Dauerhafter Link / Kommentare (2)
23.06.2010 / 18:20 / Monika Scheele Knight liest: Klagenfurttexte
"In jede unserer Erfahrungen, so glaube ich inzwischen, ist etwas zutiefst Unreines, Verstörendes und Falsches eingeschrieben."
Thomas Ballhausens Asterios gibt mir in den "Unversöhnten" einen Satz für die nächsten Bachmanntage mit den auf Weg, das finde ich in Ordnung. Ansonsten kann ich zu der Erzählung wenig sagen, das 'Herumtasten in einer nebulösen Welt' hat ein bisschen was von akademisch hochgejazztem Paul Auster, im toten Briefkasten werden Aufträge hinterlegt, in der Bibliothek dient ein wahllos-intuitiv gewähltes Buch als Handbuch und Taktgeber der Auftragsbearbeitung, formal ist die Erzählung ziemlich experimentell, viele Doppelpunkte, ca. drei Kapitel pro Seite: 1.1., 1.2., 1.3. etc., ein fragmentarischer und hermetischer Text, distanziert, asketisch, sicher als anspruchsvolle Lektüre zu bezeichnen, Autor und Verlag sprechen selbst von schwieriger Literatur.
Seit Studiumsende mag ich so elitäre Texte nicht mehr besonders gern, ich sehe aber auf jeden Fall den Vergleichenden Literaturwissenschaftler am Werk und kann ein bisschen wehmütige Sympathie dafür nicht verhehlen, Oliver Kahn würde sagen: "Ich kann nicht sagen, dass es mir nicht gefällt." (Ich fände es gut, wenn jemand Oliver Kahn mal sagen könnte, dass er nicht ständig in Doppelverneinungen sprechen sollte, und ausserdem muss nicht jeder zweite Satz mit: "Ja, wenn Du..." beginnen. Wie lang dauert diese Weltmeisterschaft noch?) Jedenfalls bin ich einigermassen versöhnt mit Ballhausens Unversöhnten, rechne einem solchen Text aber wenig Chancen im Bewerb aus, es sei denn, die Jury sieht sich aus irgendeinem Grund gezwungen, ihre Intellektualität unter Beweis zu stellen.
Unklare Praxis: Postalische Verstreuungen
Pro: Zitate von The Smiths, The Decemberists und P.J. Harvey
Contra: Zitat von Billy Corgan und schwarzer Rollkragenpulli
Monika Scheele Knight / Dauerhafter Link / Kommentieren
18.06.2010 / 13:41 / Monika Scheele Knight liest: Klagenfurttexte
"Mensch, kriech raus! Deine Mauken will ich nicht auf meinem Bauch."
Fast möchte ich schon auf S. 48 ein abschliessendes Radisch-Urteil fällen: ein Text, in dem Mauken vorkommen, kann kein schlechter Text sein. Da der Roman aber auch jenseits der Erwähnung von Mauken sehr schön ist, lese ich gerne weiter. "Hinter ihnen war das Dorf Eldena, dessen Klosterruine Caspar David Friedrich gemalt und so die Deutsche Romantik begründet hatte. Natürlich nicht in Greifswald. Ich ahnte, dass man Greifswald verlassen muss, um etwas zu verwirklichen. Muss ich Greifswald verlassen, dachte ich und sah kurz auf die Aktfotos, dann wieder auf die Zweige des Setzlings, die versuchten, die Aussicht auf den Innenhof zu verbessern."
Das ist alles richtig gut erzählt, lakonisch und doch nah, in den Schilderungen der versoffenen Väter und Stiefväter sehr, sehr beklemmend, immer wieder unter Einbeziehung des überzeugend eingearbeiteten Ausschneidethemas. "Vielleicht musste man manchmal den Hintergrund behalten und die Figur wegwerfen", heisst es nach einer furchtbaren Konfrontation mit dem Stiefvater. "Die Menschheit hat zwei grosse Feinde: den Krieg und die Sucht. Das Leben besteht aus beidem, so viel ist sicher. Ein Drittel Krieg, ein Drittel Sucht und ein Drittel von Etwas, von dem ich nichts weiss." Das Ausschneidethema funktioniert nicht nur in Bezug auf Figuren, sondern auch in Bezug auf ein ganzes Land, die verschwindende DDR: "Tränen stiegen mir in die Augen, weil ich begriffen hatte, dass mein Vaterland gerade aus der Karte geschnitten wurde, während ich hier stand. Etwas anderes würde schon darüber geklebt werden; etwas, das aussah wie Sylt. Aber Sylt würde es niemals sein."
Man erfährt detailliert, wie das Heizen der Reichsbahndirektion funktioniert und komischerweise ist selbst das interessant, ein weiterer Beweis dafür, dass einen alles interessiert, solange es nur gut erzählt ist.
Auf der Fregatte 'Bremen' macht der Protagonist dem Neuankömmling Richard klar, was es heisst, Wehrpflichtiger zu sein: "Wir setzten uns in die Offene Registratur und warteten auf die Unteroffiziere und auf den Wachtmeister. Als Wehrpflichtiger erledigte ich keinen Handschlag selbständig und übernahm keinerlei Verantwortung. 'Wehrpflichtiger zu sein', hatte ich zu Richard gesagt, 'ist, Urlaub vom Leben zu haben.' Er verstand."
Wegen des Spiels Brasilien-Nordkorea muss ich bei Altwassers DDR die ganze Zeit an Nordkorea denken. Ein Freund von mir, in der DDR aufgewachsen, ist vor ein paar Jahren mit einer Reisegruppe nach Nordkorea in Urlaub gefahren, um sich anzusehen, wie so etwas heute noch geht. Nach Nordkorea kann man nur mit einer angemeldeten Gruppe reisen und vorher muss man bestimmte Sachen bezahlen, wie zum Beispiel 40 Euro oder so für einen Kranz, der an einem Denkmal für Kim Il-sung niedergelegt wird. In Pjöngjang besichtigte die Gruppe einen Park. In dem Park gingen Familien spazieren, Kinder spielten, wie man sich das von einem Park am Sonntagnachmittag vorstellt. Irgendwann wurde die Reisegruppe zum Bus zurückgebracht, der Reiseleiter sah hektisch auf die Uhr, da bemerkte mein Freund, wie sich die Menschen im Park alle an einer Stelle zusammenzogen und gemeinsam den Park verliessen. Er filmte das Ganze heimlich, während er in den Bus stieg. Gespenstische Aufnahmen, es sieht so aus, als wären die Menschen für einen bestimmten Zeitraum beordert worden, der Reisegruppe 'glückliche Familien im Park' vorzuspielen.
Irgendwann wechselt der Erzähler vom Ausschneiden zum Aufschreiben: "Aufschreiben war wie aus dem Erzählten etwas auszuschneiden; quasi aus Nichts Bilder zu machen; vielleicht sogar aus Scheisse Bonbons!"
Die FAZ macht auf dem Cover von "Wie ich vom Ausschneiden loskam" ostdeutschen Neorealismus à la "Halbe Treppe" aus, das geht in Ordnung, ein bisschen erinnert es mich tatsächlich sogar an "Müller haut uns raus", aber solche Vergleiche sind ja sinnlos. Die letzten zehn Seiten fallen raus aus dem Buch, Sopran hat recht, zu larmoyant, das ist plötzlich eine ganz andere Perspektive, die nicht reinpasst.
Prädikat trotz des abfallenden Endes: Mein erster Lichtblick der diesjährigen Bachmannvorbereitung. Wenn der Text für den Bewerb nur annähernd so unterhaltsam und gut geschrieben ist wie dieser Roman, wird Volker Harry Altwasser einen der Preise mit nach Hause nehmen, so weit würde ich mich aus dem Fenster lehnen, wenn ich nicht eh schon auf der Terrasse sässe. Allerdings habe ich ja auch erst Rossbacher und Schmidt als Vergleichsgrundlage.
Monika Scheele Knight / Dauerhafter Link / Kommentieren
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