10.07.2011 / 22:46 / Viele lesen: Klagenfurttexte 2011

Die Geschwister-Nummer


Geschwister
Ich hatte mir in diesem Jahr fest vorgenommen, für die Veranstaltung in Klagenfurt und die von mir zu kommentierende Anne Richter mehr Zeit aufzuwenden als im vergangenen Jahr für Iris Schmidt. Donnerstag und Freitag fielen jedoch wieder wegen Büro aus, das war vorhersehbar gewesen und einkalkuliert. Am Samstag dagegen sass ich früh vor dem Fernseher, den fälligen Teilwasserwechsel hatte ich extra bereits in der Vorwoche besorgt, und hatte 3SAT eingeschaltet; die Kinder haben jetzt einen eigenen Fernseher und die Konfliktsituationen sich folgerichtig deutlich reduziert. Ich schalte übrigens öfters am Wochenende 3SAT ein, von 7.30 Uhr bis 9.00 Uhr läuft dort das Alpenpanorama, wo man bei unaufdringlicher bayrischer Volksmusik die zahlreichen Web- und Panoramakameras der alpinen Urlaubsorte und der südeuropäischen Grossstädte verfolgen kann, das ist ungeheuer entspannend. Heute (Sonntag) morgen konnte man mehrere Minuten das Schicksal einer Budapester Spinne verfolgen, die sich vor dem Objektiv ihr Netz gesponnen hatte, während im Hintergrund die ungarische Hauptstadt in Zeitlupe an einem vorbeizog. Zurück zum Samstag: Zwischen dem Ende des Alpenpanoramas und dem Beginn der Übertragung aus Klagenfurt zappte ich in eine alte Folge "Disco 1980" mit Ilja Richter auf ZDF Kultur und musste bei "Der Teufel und der junge Mann" von Paola gleich zum ersten Mal an diesem Tag vor Rührung weinen.

Anne Richter hatte Glück, dass am Samstag keine Bergankunft im Terminplan der Tour de France stand, sondern nur eine Flachetappe von Aigurande nach Super-Besse, weil ich mir ihren Vortrag sonst gar nicht hätte anhören können, wenn Eurosport ganztägig übertragen hätte. Samstag ging es ins Zentralmassiv, auf dem "welligen Terrain" würde es, so hatte radsport-seite.de gemeldet, aber das ist dem fachkundigen langjährigen Tourzuschauer, der sich auch von der öffentlich-rechtlichen Dopinghysterie seine Freude nicht hat vermiesen lassen, eigentlich sowieso klar, zu einem "ersten ernsthaften Abtasten zwischen den Klassementfahrern" kommen, wobei um den Etappensieg die "auf die Hügelklassiker spezialisierten Fahrer ein Wörtchen mitreden" würden, entweder "im Bergaufsprint oder sogar schon vorher mit einer Ausreissergruppe". Ein Ausreisser gewann schliesslich, ein einziger kam durch vor dem grossen Feld. Das Ganze würde sich jetzt wunderbar als Allegorie auf den diesjährigen Bachmannwettbewerb umdeuten und interpretieren lassen, aber ich habe wie erwähnt Donnerstag und Freitag gar nicht geschaut und also die diesjährigen Hügelklassikerspezialisten und Klassementfahrer gar nicht identifizieren können, selbst wenn ich gewollt hätte.

Namenstechnisch war ich aus der Zulosung der Termine wieder als Verlierer hervorgegangen, wie im Vorjahr mit Iris Schmidt, fast alle anderen Namen schöner: Lautmalerisch und an die unendliche Geschichte gemahnend Steinbeis, ebenfalls onomatopoietisch Prassler, da denkt man an ein heftiges Gewitter oder die Füsse unter der Decke am Kaminfeuer, einen Single Malt in der Hand, Haderlap, herrlich, Assoziation zum tautologischen Haderlump, Rabinowich, da kenne ich sogar ihren Bruder Tex aus dem Internet, Bussmann, da kommt die Silbermedaille von Frank Busemann bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta ins Gedächtnis, als der spätere Sieger Dan O'Brien nach dem ersten Tag rumlief und fragte, Who the fuck is Busemann, und Frank Busemann dachte, O'Brien sei auf der Suche nach dem Busfahrer, Popp, spielte bis gestern bei der Frauen-WM, Reichlin, das klingt nach Landadel mit Herrenhaus in den Ostgebieten, Jürgen Klupp und Roland Wisser, beides Klassenschläger damals in der Grundschule, sehr unschöne Assoziationen hier, Baum, da hatte ich mir schon ein schönes Wortspiel mit ihrem Geburtsort Borken zurechtgelegt, wenn sie mir zugelost worden wäre, allein Randt ähnlich unspektakulär wie Richter.

Anne Richter stand also als zu beurteilender Monolith vor mir, keinerlei Massstäbe hatte ich zur Hand, die guten Gewissens anzulegen gewesen wären, abgesehen von Iris Schmidt, die ich mir letztes Jahr mehr oder weniger gezwungenermassen angeschaut hatte. Anne Richter – Ayers Rock, das waren auch die gleichen Initialen, das konnte kein Zufall sein. Als Anne Richter ihren Vortrag begann, sass ich mit Kladde und Stift bereit, mir Notizen zu machen. Nach wenigen Minuten kam es leider zu mehreren aufeinanderfolgenden Störungen, die der Konzentration abträglich waren: Zunächst klingelte der DHL-Bote mit einem Paket von Amazon, in dem der Xoomy Profi-Comic-Zeichentisch geliefert wurde, den ich im Auftrag der Kinder vor drei Tagen bestellt hatte, kurze Zeit später der reguläre Zusteller mit einem Umschlag, der wegen Übergrösse nicht in den Briefkastenschlitz passte, darin endlich die lang erwarteten kostenlosen Werbelautsprecher von Pringles, die man direkt auf eine leere Pringlesdose aufsetzen kann und diese damit als Resonanzkörper verwenden, wenn man vorher drei Deckel dafür einschickt. Kurze Zeit später gab es Ärger von den Kindern, beim Xoomy Zeichentisch waren nicht wie versprochen 60 verschiedene Motivvorlagen beigelegt, sondern nur drei, die sich je zwanzig Mal wiederholten. Es muss also reklamiert werden. Immerhin weisen die paar Notizfetzen, die mir trotzdem gelangen, einen halbwegs akzeptablen Deckungsgrad auf zu dem, was die Juroren, von denen dieser Spinnen der mit weitem Abstand unerträglichste Schmierlappen ist (professoraler Habitus at its best, dabei ist er nicht mal einer), im Anschluss so zu kommentieren hatten: Mit Ausnahmen ganz gut gemacht, die Verknüpfungspunkte fehlen manchmal, teilweise unverständliche Abschweifungen, die Dialoge ein wenig zu plakativ, Bedeutung der Motive bleibt unklar, das Ganze sehr brav, man verliert mittendrin die Lust, den Schluss unbedingt hören zu wollen, bzw. nach dem Ende die Teile, die man wegen der Postboten und der fehlenden Xoomy Motivvorlagen verpasst hat, im Netz nochmal nachzulesen.

Direkt im Anschluss an die Übertragung fuhr ich, Duplizität der Ereignisse, auch in diesem Jahr wieder Fische kaufen, dieses Mal aber keine zum Essen, sondern einen Schwarm Rote Neon fürs Aquarium.


10.07.2011 / 01:03 / Viele lesen: Klagenfurttexte 2011

Besser im Bett

Wenn man die Bachmannzeit im Büro absitzt, hat man mit dem sofortigen Ausdrucken und Lesen des Textes zwar nur wenig vom Kick des Spektakels, aber immerhin kann man sich in Ruhe dem Geschriebenen widmen. Aussehen, Stimme und Vortragskunst des Autors spielen keine Rolle, kein peinliches Videoporträt voller Ich-kann-nur-bei-Regen-schreiben-Geschwurbel beeinflusst das Verhältnis von Erzählung und Leser. In den Sekunden, bevor man mit der Lektüre beginnt, ist man mit sich und seinem Textverdauungsapparat allein, der durch den Anspruch dieser Veranstaltung einerseits, durch die Eindrücke der letzten Jahre andererseits konditioniert ist.

Der Anspruch (implizit, aber vorhanden), dass in Klagenfurt Texte verhandelt werden, die den state of the art des gegenwärtigen Erzählens darstellen oder es zumindest verdienen, mit hochwertigem Besteck öffentlich zerpflückt zu werden, lässt mich das romantisch Übersteigerte wünschen: dass das ein Text ist, der mich restlos überzeugt, der neue Massstäbe setzt, mich nebenbei noch berührt wie nur die Bücher, die ich als Kind oder Jugendliche gelesen habe, und der die Juroren sprachlos macht, höchstens die Merkbefreiten unter ihnen Haltloses dazu meinen lässt. Gleichzeitig rechne ich mit dem Schlimmsten: mit einem Text, der Literatur sein soll. Das geht meistens peinlich schief.

Als ich anfange, Daniel Wissers Text "Standby" zu lesen, stellt sich innerhalb von Sekunden Literaturverdacht ein: "Die Stirn wird betastet. Es wird ein Wort gedacht [...]." Undsoweiter. Die Verwendung der Passivkonstruktion, die die meiste Zeit durchgehalten wird, signalisiert ein Kunstwollen, das mich misstrauisch stimmt. Und ist als Kunstgriff so leicht zu übersetzen und als Bild so unfrisch (Ah! Passiv – das ist doch nicht nur ein Modus, das ist auch ein Adjektiv! Ein nicht handlungsfähiger Mensch, dem die Dinge nur passieren, der sie erleidet, der sich selbst nicht als Agierenden wahrnimmt! Der Mensch in der unübersichtlichen Welt, ein Rädchen im Getriebe ... Und er ist in der Tat gesichtsloser Angestellter eines gesichtslosen Callcenters ...), dass ich mich vom Wunschtraum Text-der-mich-restlos-überzeugt verabschieden muss. Offenkundige, anscheinend unbegründete Mängel beim Einsatz dieses Kunstgriffs bestätigen diese Entscheidung. Ich ärgere mich, weil ich von einem Bachmanntext mehr Originalität in der Themen- und Mittel-Wahl erwarte, und wenn schon nicht das, dann immerhin ein bisschen mehr Sorgfalt.

Dann kommt ein Blödsinnssatz: "Es gibt nichts Schmerzhafteres, als darauf zu warten, dass ein Tag, eine Stunde, eine Woche vergeht." Wenn so eine Aussage erkennbar eine Figur demontieren soll, geht das in Ordnung, aber als allgemeines Statement ist es unerträglicher Unfug, der auf schnellen Konsens geschnitten ist (ja, jeder kennt Langeweile, Stillstand, Perspektivlosigkeit und findets doof), aber tatsächlich jeder Konsensfähigkeit entbehrt (zumindest, wenn Schmerz für Schmerz stehen und nicht eine Schlichtes-Gemüt-Metapher für Frustration, Depression, Apathie sein soll). Jetzt ist es vorbei. Ich steige aus. Der Rest des Textes wird mit verhaltener Aggression geprüft und für schlecht befunden.

Später, zu Hause, im Bett, lese ich das Ganze noch mal. Irgendwie, und es fällt mir weiss Gott schwer, das zuzugeben: gar nicht so scheisse, der Text. Ja, die mangelnde Sorgfalt an einigen Stellen, die nicht ganz schlüssige Ausdehnung des Passivs auf andere Personen, auf leblose Objekte. Muss ich mir noch mal in Ruhe ansehen. Aber im Grunde als Kunstgriff in Ordnung. Ist immerhin mehr nach vorn, als sich die meisten anderen trauen, und eine annehmbare Idee für diese Hauptfigur. Die mich nicht rasend interessiert, die mir trotz der vordergründigen Aktualität (Callcenter) ein bisschen zu künstlich ist, um mir was Brauchbares oder Neues über Mensch und Welt zu sagen, aber egal, der Text funktioniert halbwegs.

Der Satz mit dem Bis-zu-ihrem-Herzen-Sehen: Kann man auch hübsch finden, wie durch die papierne Pedanterie von "ihm" so ein Kitschrosa durchschimmert. Das Bild, wie er die Frau mit einem Schlag aufs Sofa weckt: ziemlich gut. Seine ihn als Handelnden nicht erfordernde Erlösungsperspektive (die weltumspannende Veränderung als einzig möglicher Lebenswendepunkt, sollte das Scheidung- und Vatertod-Abwarten nicht reichen, und dann das Matriarchat): stimmig. Das nebenbei erwähnte Duschverhalten der Frau, sein An-ihren-Klamotten-Riechen: unaufdringlicher, uneindeutiger Hinweis auf ihr mögliches Fremdgehen, den der Text nicht bräuchte und der ihm guttut.

Noch immer nicht der Text-der-mich-umhaut. Wird es auch nicht mehr. Aber dass er bei der zweiten Lektüre mehr Spass macht als bei der ersten, ist nicht das Schlechteste, was man von einem Text sagen kann.

Britta Krawtschik / Dauerhafter Link / Kommentieren


09.07.2011 / 23:48 / Viele lesen: Klagenfurttexte 2011

Romanauszug


Theatercafé Klagenfurt, Home of my Heart. Foto von Angela Leinen
Nachdem ich die Geschichte einmal überflogen habe, schau ich mir noch die Aufzeichnung auf 3sat an. In der kurzen Ansprache am Anfang macht Gunther Geltinger darauf aufmerksam, dass er manchmal leicht stottert, und bittet um Nachsicht. Er erwähnt gleichzeitig, dass auch der Junge in seiner Erzählung mit diesem Leiden geschlagen ist.

Wie jetzt? Soll das heissen, dass es sich um seine eigenen Erinnerungen handelt? In seinem Videoportrait stottert er aber nicht. Oder sind die kurzen Pausen, die er beim Lesen macht, Teil einer Inszenierung, um Spannung zu erzeugen? Eigentlich könnte es mir ja egal sein, ich könnte das Verwirr-Spiel um Erzähler ist gleich oder eben nicht Autor vielleicht sogar geniessen. Allein, die Möglichkeit, der Autor kämpfe mit Sprachproblemen, bedeutet auch, er selbst könnte Opfer eines ähnlich grausamen Schicksals wie sein Hauptdarsteller geworden sein. Was bei mir Mitleid hervorruft und meinen inneren Literaturkritiker in Konflikte bringt, der Autor hat es doch eh schon schwer genug, ausserdem macht man das nicht, jemanden hänseln, der stottert.

Es ist der Gedanke, Geltinger selbst könnte diesen Horror als Kind erlebt haben, der mich etwas wie Empathie für den Jungen in der Geschichte entwickeln lässt. Beim Lesen lässt mich das geschilderte Unglück eher kalt, es gibt einen kurzen Moment des Hasses auf die Mutter, als sie sich zum Sterben ins Bett des Sohnes legt, aber es ist ein lauer Hass. Auch die Kacke-Kotze-Sperma-Arie reicht nicht aus, um die Figuren für mich lebendig werden zu lassen.

Romanauszüge sind für die Zuhörer oft schwierig, es muss weit ausgeholt werden, die verschiedensten Handlungsstränge werden eingeführt. Was an Stimmigkeit einer abgeschlossenen Geschichte nicht erreicht werden kann, könnte durch die ausgelöste Neugierde aufgewogen werden; ich bleibe gerne unbefriedigt, wenn man mich mit lauter losen Enden entlässt, wenn ich dafür Figuren und Konstellationen kennengelernt habe, die mich so sehr interessieren, dass ich mehr von ihnen lesen möchte.

Hier interessiert mich der angerissene Konflikt zwischen der künstlerischen Mutter und den drögen Verwandten erst mal nicht so, was nicht zuletzt an der Ausstattung und am Kostüm liegt. Die Mutter mit ihren "Seidenfetzen, die kaum etwas verhüllen", die leere Flaschen und Tablettenpackungen produziert, kenne ich ebenso aus unzähligen Filmen und Geschichten wie die "bereits aus der Form gegangene Tante mit ihrem speckigen Morgenrock, den Filzpantoffeln" und den grausamen Söhnen – ich weiss auch schon, wie es weitergeht.
Dann freue ich mich aber doch darüber, wie die Tante der Mutter, kaum ist die tot, den Satz "mein armer Junge" "abluchst".

Was mein Interesse weckt, sind die kleinen Szenen zwischen Mutter und Sohn, etwa wenn der Sohn die Mutter nachäfft, wie sie die Zigarette statt der Gabel in den Mund steckt, und beide lachen, oder wie er für sie den alten Mann ohne Zähne mimt, wie er sich für sie im Kaputten einrichtet, weil es ihre gemeinsame Intimität bedeutet.

Dennoch wäre es kein Roman, den ich lesen möchte, zu sehr habe ich das Gefühl, dass es sich bei den Bildern und Figuren um Stereotype handelt. Spinnen weist in seinem Plädoyer für diesen Romanauszug darauf hin, es liege in der Natur der Literatur, dass die immer gleichen Genres sich wiederholen, und man könne den guten Autor letztlich an seiner einzigartigen Stimme erkennen, mit der er das immer Gleiche erzählt. Mir ist diese Stimme hier zu wenig eigenständig. Als Beispiel sei die eingangs beschriebene kalte Winterlandschaft genannt, die auf den Seelenzustand des Jungen hinweist, der sich in "einer langen, vielleicht lebenslänglichen Kälte", befindet, "wenn Kälte überhaupt eine Beschreibung für den Zustand ist".

Wieder geht mir durch den Kopf, dass hier vielleicht wahre Ereignisse abgebildet werden und dass die echte Mutter und Tante des Autors als Vorbilder gedient haben und ich bezichtigte mich der Herzlosigkeit. Es hilft aber nichts, sie interessieren mich deshalb nicht mehr.

Der Autor trifft mich in einem ungeheuer schlecht gelaunten Zustand an. Ich sitze hier inmitten von Arbeit am Schreibtisch, wo mir der Kaffee ausgegangen ist, während ALLE anderen ihren "Grossen Braunen" beim Public Viewing im Freien einnehmen, danach radeln sie ins Maria Loretto und springen in den kühlen Wörthersee. Später tanzen sie dann um den Lendkanal, wo Tex auflegt, bevor sie gemeinsam den Abend mit anregenden Gesprächen im Theatercafé ausklingen lassen. Das Leben ist so ungerecht, verdammte Kacke Kotze.

Michaela Gruber / Dauerhafter Link / Kommentieren


08.07.2011 / 12:07 / Viele lesen: Klagenfurttexte 2011

Der unerträgliche Buzz der Krise


Schatzsucher
Die Voraussetzungen waren schlecht: Maximilian Steinbeis' Roman Pascolini hat mir nicht gefallen und ich nehme es immer noch übel, wenn jemand der Blog sagt (Steinbeis schreibt nach eigenen Angaben "den Verfassungsblog"). Es kann doch nicht so schwer sein, Blog von Weblog abzuleiten und zu verstehen, dass es das Log, also auch das Blog heisst.

Die technischen Voraussetzungen der Lesung selbst verbesserten die schlechte Ausgangslage nicht: Ton und Bild des Bewerbsvortrags sind im Stream verschoben, so dass ich mich wie in einem Lippenleselernkurs daran aufhänge, welche Mundbewegung wohl welches Wort ist. Jedes Mal, wenn die Kamera frontal auf den Autor gerichtet ist, krisselt das Bild wegen H.P. Mayas diesjähriger Dekoration, der Lesetisch aus aufeinander gestapelten Papierbögen und die Wiederholung des Motivs im Hintergrund haben so feine Linien, dass sie eine optische Täuschung ergeben und anfangen sich zu bewegen. Bevor man sich versieht, schwirrt alles durcheinander, die Bilder, die Mundbewegungen, die versetzte Tonspur und ich denke mir: "Was für ein Abenteuer, ich glaube sogar schon, es geht hier um einen vergrabenen Schatz."

Aus dem Krisselstreamabenteuer dringen lauter Imperative zu mir vor: "Geniessen Sie", "Denken Sie", "Lassen Sie" und vor allem immer wieder: "Hören Sie." Da will jemand was von mir, das ist trotz aller Umstände nicht zu überhören. Hören Sie, Hören Sie, Hören Sie, ich höre ja schon, aber was höre ich da? "Sie haben ein Bad genommen und sich tüchtig ausgeschlafen." Übersetzung aus dem Englischen bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur? Auf Englisch nimmt man ein Bad, auf Deutsch badet man einfach. "Sie haben gebadet", müsste es heissen, nichts mit Nehmen. Das "tüchtig" in diesem Satz ist so ein typisches Störwort, wie ich es schon aus Pascolini kenne. Vielleicht soll das alles aber auch nur Ausdruck des Goldanstiftercharakters sein, in dem Fall dürfte der dann sogar ungestraft sagen, dass der Bankmensch "aus seinen traurigen braunen Augen blinzelt".

Aber ich bin ungerecht, der Text ist am Ende ganz gut, weil zeitkritisch auf eine doppelbödige Art und Weise. Er hat den grossen Pluspunkt, ein abgeschlossener Text zu sein (keine vorherige Erklärung vonnöten wie gleich beim Eingangsromanauszug von Gunther Geltinger). Ich stimme Daniela Strigl in ihrem Lob zu, Persiflage auf Ratgeber-Literatur, Satire, sehe wie Meike Fessmann den Mephisto-Aspekt, finde aber, dass Burkhard Spinnen seinen Kandidaten mit dem Urteil "grandios" zu sehr hochjazzt. AC Sulzer bemängelt, dass es keine Personen gibt, er wisse nicht, wer da spricht. Ich würde sagen: der kollektive Buzz der Krise. Für mich war das eine gute Idee, die auch gut zum Bewerb passt und einigermassen gut entwickelt wird, wenn auch mit einigen sprachlichen Mängeln.

Anzahl der Parameter, die zum Vergraben eines Schatzes nötig sind: 4 (Markierung, Zeichen, Code und Schlüssel)
Anzahl der Biber im Text: 0
Anzahl der Rucksäcke: 1

Monika Scheele Knight / Dauerhafter Link / Kommentieren


01.07.2011 / 11:00 / Angela Leinen liest: Klagenfurttexte / Viele lesen: Klagenfurttexte 2011

Unter Räubern

Ich bin müde.
Ich wollte gestern einmal früher schlafen gehen, mein Rhythmus ist anders, ich bin Eule, aber um viertel nach sechs muss ich aufstehen, will ich keine Rabenmutter sein. Nachts als Eule schlafen gehen und am Morgen als Lerche aufwachen, das wär's.
Nur noch ein paar Seiten lesen. Ich schaltete das Internet aus und den Fernseher nicht an, liess mit einem Zischen die Luft aus einer Dose Erdnüsse und warf ein paar Reste in den Mixer. Viel Eis, ein paar gefrorene Himbeeren, Alkohol, Minze, Zitronensaft, etwas Zucker. Interessant: Das wurde über Stunden nicht flüssig. Praktisch: Als ich das Glas umwarf, richtete das Getränkehäufchen keinen Schaden an umliegenden Gerätchen und Papieren an und musste nur wieder ins Glas gefegt werden.
Nur noch ein bisschen lesen, dann ins Bett.

Die bisher gelesenen Kandidatenbücher konnte ich an jeder beliebigen Stelle (zum Teil sehr kurz nach dem Öffnen) schliessen und hatte nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Anders war es mit "Pascolini" von Maximilian Steinbeis. Bei Bill Bo, der letzten Bande, mit der ich zu tun hatte, spricht jeder Räuber einen anderen Dialekt. Die Bande von Hias Pascolini ist homogener, ihr gehören praktisch alle Katholiken des bayrischen Ettengrub an. Die Fremden, die Protestanten, die Oberpfälzer und Franken, die gehören nicht dazu.

Erzählt wird aus der Sicht von Camilla Friedmann, zu- und wieder weggezogen, evangelisch, heute Strafverteidigerin, die als Kind mit Schwester Marina und Mutter eher zufällig zwischen die Fronten gerät.
Es gibt Helden, gute, böse und fade, man zertrümmert Nasenbeine, schiesst auf Minderjährige, sprengt Staatssekretäre in die Luft und knüpft junge Polizisten auf. Wunderheiler, Drogentote, Vergewaltigung, Separatismus, Volksjustiz. Jede Menge strammer Waden. Der Tennisclub als Versammlungsstätte der Protestanten – später Hauptquartier der Gegenarmee. Ich las, bis ich den Kampf verlor. Heute morgen, als ich die letzten 30 Seiten las, hatte ich allerdings den Verdacht, letzte Nacht ein, zwei Morde verschlafen zu haben.

Ich überschlage die Automatische Literaturkritik und finde (Blick getrübt durch haltlose Gutfindung) 8 Pluspunkte und keinen Minuspunkt, trotz Bodycount-Abschaffung. War alles so aufregend, dass ich auf Minuspunkte nicht achten konnte. Moni schrieb auf gedankenträger von Klischee-Adjektiven, schlechten Synonymen (Wolf-Schneider-Minuspunkt) und überbordenden Beschreibungen, und alles ihre Beispiele stimmen natürlich, auch wenn ich fand, dass die Sache mit dem Flügel das Umfeld treffend darstellte. Die Nase, das "freundliche Organ", nuja, aber die Haare vom Hias sind "ein dichtes lockiges Kälberfell", und darunter kann ich mir mal was vorstellen. Moni stieg auf Seite 68 aus, ich überflog die Beschreibungen, wie ich es immer mache mit Beschreibungen und fand die Geschichte grossartig. Keine Langeweile.

Schlimm aber: Es ist für mich nicht vollständig unvorstellbar, dass so etwas in Bayern noch neulich passiert sein könnte.

Maximilian Steinbeis liest auf Einladung von Burkhard Spinnen. Er ist Jurist und schreibt das Verfassungsblog, das ich gleich besuchen werde, um etwas über die Verfassung Islands zu erfahren. Auf sein Videoportrait werden Minuspunkte herabprasseln. Sein erstes Buch "Schwarzes Wasser" gibt es zur Zeit ab 233,47 Euro bei Amazon Marketplace. Indiziert?


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