07.03.2010 / 23:57
Nach »Feuchtgebiete« bin ich selbsterklaerter Zuständiger für medial überrepräsentierte Skandalbücher.
Bei den Feuchtgebieten war der Skandal die offene Freude an Körperflüssigkeiten und sonstigen Ausscheidungen. Noch dazu in einem von einer Frau geschriebenen Buch. Bei der heute üblichen gründlichen Lektüre ist dabei niemandem aufgefallen, dass all der Muschisaft und die Menstruationsblutmassen nur Füllmaterial waren in einer Geschichte, die sich darum drehte, dass die Protagonistin eigentlich nur ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenbringen und von einem edlen Ritter eingesammelt werden wollte.
Ähnlich lief es bei Helene Hegemanns »Axolotl Roadkill«. Zuerst konnte man (wie schon bei Roche) drüber diskutieren, ob es sich denn eigentlich gehört, solche Dinge zu schreiben. Generell schon eine ziemlich akademische Diskussion, die mir etwas fremd ist. Aber das Feuilleton war beschäftigt – man konnte ein bisschen aus sich selbst heraus wochenlang Themen produzieren, indem man über das Für und Wieder von Analsex und Drogen in Büchern debattiert, damit Aufmerksamkeit erzeugt und sich als nächstes fragt, ob das Buch denn überhaupt diese enorme Aufmerksamkeit verdient habe.
Dann erreichte die Erregung eine ganz neue Eskalationsstufe. Irgendjemand hat das Wort »Vaselintitten« aus Hegemanns Buch mal bei Google eingegeben und ist auf einen Blog gestossen, dessen Einträge teilweise erstaunliche Parallelen zu Hegemanns Text aufwiesen.
Beispiel:
• »Ich gehe, die fünfte Zigarette rauchend, auf den Balkon und saufe einfach so lange weiter, bis das Geld endlich WEG ist. Meine Existenz setzt sich momentan nur noch aus Schwindelanfällen und der Tatsache zusammen, dass sie von einer hyperrealen, aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten-Installation halb zerfleischt wurde.«
• »Denn alles führt ja von selber von sich aus ganz automatisch zum Chaos und dies zu bejahen oder gar prototypisch zu personifizieren, ein Künstlerleben zu führen also mit Glitter, Schmutz und Pailletten, mit ganz bösem Nightmare-Bass für Erwachsene, mit farbigem Schattenspiel auf hyperrealen aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten, das sollte dann doch angesichts der Vielfalt und Greifbarkeit dieser realistischen Erlebenssequenzen einem durch Liebe betäubten Leben vorzuziehen sein.«
Damit lief die nächste Kulturdiskussion. Das reinste Perpetuum Mobile.
Gern bemühter Kunstgriff: zuerst generell Helene Hegemanns Autorenschaft in Frage ziehen (merke: wer nachweislich dreissig Seiten plagiiert hat, hat auch die restlichen 170 abgeschrieben). Dann ist man die lästigsten moralischen Skrupel direkt mal los, und kann nach Lust und Laune einprügeln. Auf Hegemann (natürlich nicht auf sie selbst, nur die öffentliche Figur, schliesslich hat sie's ja gar nicht geschrieben – noch so ein schöner Kniff). Auf ihren Vater Carl Hegemann und den Kulturbetrieb im Allgemeinen und Speziellen, der »Püppchen« wie Hegemann missbraucht. Auf das Feuilleton – Wobei die Feuilleton-Eigen-Schelte sich natürlich immer auf die anderen bezieht – notfalls auf die eigenen Redaktionskollegen, dennen man nun noch einmal vorhalten kann, dass man das Buch ja immer schon scheisse fand. Gesamtergebnis: noch mehr heisse Luft als dem Buch zum Vorwurf gemacht wurde, und ein FAZ.net-Artikel, der wegen seines Reaktionärismus für mich das verachtenswerteste Stück Journalismus ist, das ich in letzter Zeit diesseits der BILD-Zeitung lesen musste. Weil es ebenso ungehemmt lustvoll auf Menschen und Ansichten einprügelt.
Zur Abwechslung schweife ich mal wieder ab. Eigentlich wollte ich ja über das Buch schreiben, das ich – Neugierde geweckt, ich funktioniere da ganz simpel – mir zugelegt habe. Aktueller Stand: knapp über Halbzeit. Mir ist dabei eigentlich ziemlich egal, was von wem stammt. Können sich meinetwegen Anwälte mit beschäftigen. Spannend finde ich das noch insofern, als dass mich das Gedankenspiel beschäftigt, wie die Reaktionen auf beiden Seiten aussähen wenn nun ein Blogger aus einem Buch abgeschrieben/zitiert hätte. Aber das führt hier wirklich zu weit.
Mein Verdikt bisher: Bereitet Kopfschmerzen und fühlt sich an wie besoffen. Total nervig, total verwirrt, total hyperaktiv, total im eigenen Interessenskosmos und der Unfairness der Welt eingeschwurbelt, erfüllt von Verachtung für die Welt da draussen. Total wie ich mit 17 (wie ich mich sah), minus die Drogen (Alkohol inbegriffen), die Parties und den Sex – und das Internet. Aber mit ähnlich vielen Musikzitaten. Bestes Buch seit langem, buchpreisverdächtig? Pfff. Ich habe bisher zwei Gewinnerbücher des deutschen bzw. Leipziger Buchpreises gelesen und fand beide eher solala. Ich habe kürzlich »Stiller« gelesen, das ich unendlich besser fand. Andererseits habe ich auch »Swung« von Ewan Morrison durchgeblättert, das ich unendlich viel schlechter fand. Trotz Gruppensex.
P.S.: Wen's interessiert – Klick.
André Fromme / Dauerhafter Link / Kommentieren
24.04.2009 / 18:12 / Ruben Schneider liest: Struktur und Sein (Lorenz B. Puntel)

Hinter'm nassen Stein der Wirklichkeit lauert der Weltgeist. (Bild: KhayaL, Lizenz.) Angenommen, wir befinden uns in der Zukunft und die Hirnforschung hat einen Apparat entwickelt, mit dem man alle Gedanken eines Menschen lesen und sie in das eigene Gehirn übertragen lassen kann. Ich könnte also z.B. alle mentalen Zustände von Aleks Scholz haben. Ich wüsste damit komplett, wie es ist, Aleks Scholz zu sein. Aber ich wüsste nur, wie es für mich ist, Aleks Scholz zu sein und nicht, wie es für Aleks ist, Aleks zu sein. Dafür müsste ich selbst Aleks werden und wäre nicht mehr ich – dann würde ich es aber nicht mehr wissen, da es mich gar nicht mehr gibt. Selbst ein kompletter Scan und eine komplette hirnphysiologische Aufschlüsselung seines ganzen Bewusstseins ändert daran nichts.
Niemand kommt aus seinem eigenen Ich heraus. In der Philosophie wird dieses Phänomen mit dem Satz von der Bewusstseinsimmanenz ausgedrückt: Alles, was ich weiss, ist in meinem Bewusstsein. Denn ausserhalb meines Bewusstseins wäre es nicht mehr ich, der es weiss. Das Paradoxon daran ist, dass ich aber, um etwas über die Gedanken anderer Leute und über die Welt zu wissen, aus meinem Bewusstsein heraus muss – denn ich will etwas über die Welt ausserhalb wissen und nicht nur die Inhalte meines eigenen Bewusstseins. Aber wie bitte kann ich aus meinem Ich raus oder wie können umgekehrt die Dinge der Welt Teile meines Bewusstseins werden, wenn sie doch nicht ich sind? Sie müssten auf irgendeine Weise durch die Bewusstseinsschranke durchtunneln. Wie das möglich sein soll, daran haben sich in der Neuzeit Generationen an Philosophen abgerackert, von Descartes über Kant und Hegel bis zu den modernen Pragmatisten.
Puntel löst dieses Problem nun in einem astreinen fadeaway jumpshot: Dass wir etwas wissen, setzt Sprache voraus, denn Wissen ist uns nur in sprachlicher Form gegeben. Subjekte werden bei ihm von der Sprache her bestimmt und nicht umgekehrt die Sprache von den Subjekten. "Sprache" ist für Puntel nicht einfach ein Kommunikationssystem von Subjekten, sondern Sprache ist – und das ist nun der Skyhook seiner Argumentation – in einem universalen Sinn zu verstehen als diejenige Instanz, welche die Ausdrückbarkeit (Intelligibilität) der Welt auch tatsächlich ausdrückt: Die ganze Welt ist sprachlich-propositional strukturiert. Je mehr sich unser Wissen einklinkt in diese propositionale Struktur der Welt, je mehr wir die Welt selbst in uns sprechen lassen, desto näher ist unser Geist bei der Wirklichkeit. Im Grenzfall geht unsere partikuläre Subjektivität über in das universale Subjekt (S)U, welches mit der objektiven Dimension der Welt koinzidiert:
[(S)ΦI,W/ETp → Tp] ↔ [(S)UTp → Tp]1
Zwischen dem universalen Subjekt und der objektiven Dimension der Wirklichkeit gibt es zwar eine Distinktion, aber keine Distanz mehr: Es ist die Welt aus der Perspektive der Welt. Jede Aussage, die im Bereich des Theoretizitätsoperators (T) liegt, ist eine Selbstartikulation des Seins.
Das ist allerdings schon wieder so ein Punkt, wo mir unheimlich wird: Ist das universale Subjekt nur der Grenzfall einer Idealisierung, eine nur hypothetische Idee, die aber nicht real ist? Unsere wissenschaftlichen Idealisierungen konvergieren zur Perspektive des universalen Denkers, aber das tun sie immer nur relativ zu ihrem Theorierahmen. Wie können sie dann aber zu einem gemeinsamen Punkt konvergieren, wenn es diesen nicht tatsächlich gibt? In irgendeiner Weise muss der universale Denker existieren.
Aber wer ist das? Der Weltgeist?
1 Vgl. S. 155 – 161.
Ruben Schneider / Dauerhafter Link / Kommentieren / Buch kaufen und selber lesen
27.03.2009 / 20:04 / Ruben Schneider liest: Struktur und Sein (Lorenz B. Puntel)

The unboundedness of being.
(Bild: Image Editor, NASA, ESA and the Hubble Heritage (STScI/AURA)-ESA/Hubble Collaboration, Lizenz.) Der moderne Antirealismus behauptet, wir könnten die Welt niemals so erkennen, wie sie wirklich ist. Denn wenn wir – auf welche Weise auch immer – den Realitätsbezug unserer Sprache untersuchen wollen und darüber dann eine Theorie formulieren, setzen wir wieder das voraus, was wir eigentlich untersuchen wollen: Dass die Sprache der Theorie die Realität richtig wiedergibt. Wir befinden uns also in einem Teufelskreis. Der Antirealist sagt deshalb: Reden wir nicht mehr über diese Realität jenseits unserer Sprache, das erspart uns die Peinlichkeit. Alles was wir haben können, ist die Welt, wie sie unsere Sprache uns präsentiert.
Der knallharte metaphysische Realismus hält dagegen: Natürlich gibt es eine sprachunabhängige Welt und es ist auch prinzipiell möglich, sie adäquat sprachlich abzubilden. Aber diese adäquate Theorie ist nur möglich aus der Perspektive eines perfekten Denkers ("God's Eye View"). Für uns Menschen liegt das ausserhalb unserer epistemischen Reichweite. Zwischen unserem Denken und der Welt liegt eine abgründige, unüberspringbare Kluft.
Für Puntel ist das alles Quatsch. Denn Sprache und Theorien auf der einen, und die Welt auf der anderen Seite gehören schon längst einer gemeinsamen Dimension an: Der Dimension des Seins. Die Sprache ist nicht begrenzt auf den Bereich des Denkens, die Welt und das Sein liegen nicht ausserhalb der Sprache ("the unboundedness of the conceptual") – und die Sprache liegt nicht ausserhalb des Seins, das Sein ist nicht begrenzt auf die Welt ("the unboundedness of being"). Zwischen der Welt und ihrer theoretischen Darstellung herrscht eine immanente Beziehung. Wenn der Mathematiker, der Logiker, der Theoretische Physiker und der Metaphysiker voll theoretisieren, dann denken sie nicht in einer abgeschlossenen Sphäre vor sich hin, dann sind die Strukturen ihrer Theorien identisch mit den Strukturen der Welt. Es kommt nur darauf an, dass sie wirklich voll theoretisieren, d.h. je kohärenter, je intelligibler und je vollständiger ihre Theorien werden, desto mehr stabilisieren sie sich hin zur Struktur des Universums selbst.1
Und überhaupt: Indem wir Sein und Existenz als solches erfassen, erfassen wir schlechthin alles, was ist, das ganze Universum und das Sein im Ganzen. Dann gibt es nichts und kann es nichts geben, was für unsere Theorien grundsätzlich niemals erfassbar wäre. Denn alles ist seiend, auch die Entitäten, von denen wir sonst keinerlei Ahnung haben, ja nicht einmal wissen, dass es sie überhaupt gibt. Wenn wir also die immanenten Strukturmerkmale des Seins selbst erfassen, erfassen wir die innersten Strukturmerkmale von schlechthin allem, was existiert. Eine voll durchgezogene Seinstheorie ist semantisch koextensional mit dem Universum als Ganzen.
Nichts anderes schwebt Puntel vor: Eine universale Seinstheorie. Und wie der Mathematiker und Physiker ihre theoretischen Sprachen haben, so braucht auch der Seinstheoretiker eine adäquate Sprache für sein Unterfangen. Diese wird bestehen in einem semiotischen System mit überabzählbar unendlich vielen Ausdrücken. Und genau dieser Wahnsinn wird jetzt Stück für Stück auf uns zukommen im Fortgang von "Struktur und Sein".
1) Hier spielt vorallem rein, was in Kap. 2.2.3.1 steht. Das ist besonders wichtig für das ganze Buch. Das syntaktische Kriterium für die Theoretizität von Sätzen ist, dass ihnen der Theoretizitätsoperator (T)φ vorangestellt werden kann. Das semantische Kriterium ist, dass es sich nur um Sätze handelt, die auf objektive Wahrheit abzielen. Es ist dann auch eine Kombination von Operatoren möglich, z.B. theoretische Aussagen über pragmatische, ästhetische oder ethisch-praktische Aussagen, z.B. (T)(P)φ. Der Theorieoperator (T)φ kann selbst aber nicht mehr im Skopus anderer Operatoren stehen.
Ruben Schneider / Dauerhafter Link / Kommentare (1) / Buch kaufen und selber lesen
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