06.11.2007 / 21:37 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)

Arthur Herman: "The Idea of Decline in Western History" (166-186)

Sascha hat offenbar auch weiterhin überhaupt nicht am Prokrastinationsbuch gearbeitet, es ist heutzutage so schwer, gute Co-Autoren zu finden. Eventuell werde ich doch selbst mit der Arbeit anfangen müssen, am besten gleich morgen.

"The Idea of Decline in Western History" stammt aus einem amerikanischen Versandantiquariat und trägt auf dem Titelblatt einen schönen Prägestempel der "Library of Gordon S. Hawkins" sowie die Widmung "For Don Hawkins, with very best wishes, Arthur Herman". Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass "Gordon S. Hawkins" keine Bildungseinrichtung und darüber hinaus mit dem Vorbesitzer Don Hawkins identisch ist. Bis S. 165 hat Hawkins reichliche Bleistiftanstreichungen vorgenommen, dann folgt ein Lesezeichen von Borders in Kensington, Maryland, dann nichts mehr. Da der erste Teil des Buchs ja schon gelesen worden ist, steige ich gleich auf S. 166 ein; das Kapitel heisst "Gilded Age Apocalypse".

Und damit geraten wir mitten in eine Lesemaschine zweiten Grades, denn fast bis zum Ende des Kapitels geht es um die mir unbekannten Brüder Brooks Adams und Henry Adams und um Brooks' Buch "The Law of Civilization and Decay". Geld, so scheint in diesem Buch zu stehen, ist eine Naturgewalt, und solange seine Menge zunimmt, formen sich Nationen. Dann verschwindet das Geld wieder, und die Zivilisation zerfällt. Die Einführung des Goldstandards ab 1876 war für Brooks Adams der Todesstoss für die Zivilisation, während Alan Greenspan knapp hundert Jahre später behaupten wird, die Abschaffung des Goldstandards sei der Todesstoss für die Zivilisation.

Weiter geht es um den Untergang Amerikas durch schlechtes Immigrantenblut, z.B. das der "Alpine types", und es wird aus dem Grossen Gatsby zitiert. Dort gibt es einen Rassisten und Antisemiten namens Tom Buchanan, von dem wir nebenan bisher noch nichts gehört haben. Denn auch in Amerika machte man sich seinerzeit Sorgen um den ungehinderten Zuzug von "rotten, unsexed, swindling, lying Jews" (Henry Adams) und begriff sich offenbar erst nach dem Holocaust als "nation of immigrants", ach, man weiss ja so vieles nicht. Dann ist komfortablerweise das Kapitel zu Ende, Mr. Hawkins' Borders-Lesezeichen rückt 20 Seiten vor. Falls ich nicht mehr dazu kommen sollte, kann später jemand anders an dieser Stelle weitermachen.

Fundort: Briefkasten

Prokrastinationsbuch: 0 von 200 Seiten geschrieben.


06.11.2007 / 18:02 / Sascha Lobo liest: Der ewige Spiesser (Ödön von Horvath)

Der ewige Spiesser


Diesem Spruch auf einer Klowand 2006 zu Berlin wohnt ein Mini-Ödön inne, was ja wohl das grösste Kompliment für einen Klospruch sein dürfte.
Antifaschist sein ist heute einfach und schnell zu erledigen, viele engagierte Kämpfer gegen die braune Brut überfliegen heute in der Mittagspause einen kurzen Ausschnitt der 4000-teiligen Serie "Hitler und so" des Spiegel, unterschreiben online für ein vollständiges Verbot von Sachsen und fühlen sich damit in ihrer politischen Haut pudelkernwohl. 1930 aber war es etwas schwieriger, gegen Nationalismus und Faschismus zu sein, weil die offensichtliche Verbindung von faschistoidem Wort und unmenschlicher Tat noch bezweifelt werden konnte. Deren Nährboden jedoch war schon zu erkennen und konnte – entsprechende Feinfühligkeit vorausgesetzt – ähnliche Schwingungen der Widerwärtigkeit verursachen wie heute: der Geist des Spiessers, hier im ursprünglichen Sinn als nationalegoistischer, sich ständig von dunklen Mächten bedroht fühlender Blickwinkelzombie. Ödön schreibt in einer drittelseitigen Einleitung, dass es eine neue Form des Spiessers gibt, die erst noch im Werden ist:

Es soll nun versucht werden, in Form eines Romans einige Beiträge zur Biologie dieses werdenden Spiessers zu liefern. Der Verfasser wagt natürlich nicht zu hoffen, dass er durch diese Seiten ein gesetzmässiges Weltgeschehen beeinflussen könnte, jedoch immerhin.

"Jedoch immerhin." – ein Halbsatz wiederum reicht, um tonnenschwere Resignation und trotzdem den notwendigen Kampf auszudrücken; abgesehen davon dürfte es sich um den Urahn des heute unverzichtbaren "Aber hey!"-Arguments gehandelt haben, mit dem Kausalketten zwar nicht umgedreht werden können, aber hey!

Der Protagonist des Buchs heisst Alfons Kobler und pendelt charakterlich mühelos zwischen verschiedenen Aggregatzuständen: mal ist er windig, dann wieder schmierig und auch das Starre geht ihm leicht von der Hand. Wo man politisch sein sollte, ist er uninteressiert, wo man menschlich sein sollte, ist er politisch reaktionär. Er lebt von einer Mischung aus Schleimerei und Betrügereien, er ist ein Verkäufer, der sich für einen Kaufmann hält, handeln und übervorteilen scheinen ihm gleichbedeutend. Das Neue an Koblers Spiessigkeit ist nun, dass er sich auf eine Art für progressiv hält – die eingebildete Fortschrittlichkeit verpackt er in Floskeln:

Nämlich habe ich mir schon oft gedacht, dass man das Ausland kennenlernen soll, um seinen Horizont zu erweitern ... denn man muss sich mit den Verkaufsmethoden des Auslands vertraut machen.


06.11.2007 / 07:43 / Bruno Klang liest: Ein unauffälliger Mann (Charles Chadwick)

Der langsamste Autor der Welt

Charles Chadwick ist ein langsamer Autor. An seinem Debüt hat er mehr als 30 Jahre geschrieben, bis es 2005 im Original erschien. Immerhin hat er 928 Seiten geschafft, also eine Länge, die irgendwo zwischen "Generationenroman" und "Portrait einer Epoche" steht.

Schwer vorstellbar, wie Chadwick sich gefühlt hätte, wenn sein Roman nach 30 Jahren überall abgelehnt worden wäre. Das wäre ungefähr die Vergeblichkeitsklasse, als würde man eine Chinesische Mauer bauen, und dann hätten die Mongolen keine Lust mehr aufs Angreifen. Oder eine Pyramide einzuweihen, – aber der alte Pharao ist inzwischen Hindu geworden. Charles Chadwick aber hatte Glück, und so ist er endlich Debütant, mit 72 Jahren.

Ich habe ein paar Beschreibungen und Rezensionen beiläufig gelesen, und habe bis jetzt erfahren: wir begleiten einen Jedermann namens Tom Ripple über 30 Jahre seines alltäglichen englischen Lebens. Es wird nicht allzuviel passieren, und der eine oder andere Rezensent ist unzufrieden über die Behandlung des Romanpersonals, über den Stil, über die Länge im allgemeinen und Mr. Ripple im besonderen.

Im Regelfall bemühen sich Autoren um aussergewöhnliches Personal oder um aussergewöhnliche Ereignisse oder um beides zusammen. Der Alltagsroman (so erkläre ich es mir einmal) ist von gewöhnlichen Personen bevölkert, denen auch nichts Besonderes widerfährt. Das kann langweilig werden, und deshalb lassen Autoren die alltäglichen Helden auch gerne einmal sterben. Oder das Personal des Romans ist so jung, dass sich der Leser wenigstens am ähnlich Erlebten wärmen kann. Weder das eine oder andere ist im Unaufälligen Mann zu erwarten.

Den letzten Alltagsroman, den ich gelesen habe, war Everyman/Jedermann von P. Roth. Um mir noch einmal die Zeitspanne zu vergegenwärtigen: Als Chadwick mit seinem Roman begann, waren Portnoys Beschwerden noch nicht mal an der Wand getrocknet. Mein letztgelesenes Debüt war Frl. Pessl aus der Feuerwerksabteilung. Für diese Vormieter kann Herr Chadwick nichts. Ich kann es aber auch nicht mehr ändern.

Zustand: mittlere Spannung, so auf dem Niveau der 2. Hauptrunde im DFB-Pokal.
Prophezeiung: es geht so langsam los wie Zufussgehen auf einer Rollstuhlrampe.


06.11.2007 / 01:12 / Aleks Scholz liest: The Road to Reality (Roger Penrose)

Komplexe Depressionen (71-85)


Das Aoudad, ein Supertier (Quelle, Lizenz)
Ich habe schon wieder keine Lust mehr auf das Universum.

Es ist nämlich leider so: Ich habe schon cirka dreimal versucht, dieses Buch zu lesen. Beim ersten Mal kam ich bis Seite 100, beim zweiten Mal bis 200 ("hypercomplex numbers"), beim dritten bis Seite -3 ("Notation"), und das, wo man doch erst ab knapp vor 400 so langsam die Abgründe der Mathematik verlässt und sich um die richtige Welt kümmert. Was denkt sich dieser, naja, Mensch? Vierhundert Seiten Mathematik, nur um das Universum zu verstehen? Bzw. was denkt sich das Universum? Wieso braucht es komplexe Zahlen, um sich zu artikulieren, gar nicht zu reden von hyperkomplexen? Rede ich vielleicht chinesisch mit den Schafen auf dem Felde?

Übrigens: Das gesamte Kapitel 4, immerhin 16 dicht beschriebene Seiten mit Fussnoten, habe ich bereits vor Monaten auf Seite 170 des Lexikons des Unwissens zusammengefasst, und man sollte solche Steilvorlagen zum Selbstzitat nicht ungenutzt verstreichen lassen:

Eine nochmalige Ergänzung erfuhr der Zahlenbegriff, als eine unglückliche Seele auf die Idee kam, die Quadratwurzel aus -1 zu ziehen – mit normalen Zahlen ein unlösbares Unterfangen. Resultat war die Einführung der "komplexen Zahlen": Man fügt jeder normalen Zahl einen sogenannten Imaginärteil hinzu, der einfach ein Vielfaches von "i" ist, wie man die Wurzel aus -1 genannt hat. Eine handelsübliche komplexe Zahl lautet z.B. 3+8i. Diese neue Art Zahlen erweist sich als äusserst praktisches Hilfsmittel im Hausgebrauch von Physikern. Genau genommen beruht ein Grossteil unseres modernen Weltbildes auf einer Mathematik, die mit komplexen Zahlen arbeitet. Und das, obwohl wir im Supermarkt kein einziges Produkt zu imaginären Zahlen kaufen können.

So geht's nämlich auch, Sir Penrose und Ihr Klient, das Universum: kaum eine Drittelseite mit grossen Buchstaben und schlichten Worten vollgeschrieben, billigen Scherz drangeklatscht, fertig.

85 von 1049 Seiten

Aleks Scholz / Dauerhafter Link / Buch kaufen und selber lesen


05.11.2007 / 22:30 / Kai Schreiber liest: The Power Broker (Robert A. Caro)

Aus Süddeutschland (32-37)

Es gibt Tage, an denen sich im Laufe der Stunde eine einzelne Information entfaltet, an anderen Tagen passiert sogar gar nichts. Aber dann gibt es welche, an denen erfährt man viele unterschiedliche Dinge. Man erfährt vielleicht, dass der eigene Vater im Sterben liegt, einen Kontinent weit weg, oder dass der aus dem Haus geklagte alkoholkranke Nachbar beim Raustragen der Möbel Schabeneier und Bettwanzen in den Hausflur purzeln liess. Man erfährt vielleicht auch, aus einem Buch, dass vor hundertfünfzig Jahren Menschen aus Bayern weg wollten, weil man ihnen dort das Leben schwer machte, ihres Namens und ihrer Religion wegen. Also gingen diese Menschen nach Amerika, in der Hoffnung auf zivilisierteres Verhalten. Vetter und Base fanden einander, weichgezeichnet vermutlich, und fanden einander anziehend, zeugten Kinder, pflanzten Bäume, trieben Gewerbe und verzehrten Nahrungsmittel. Dann starben sie, ihre Kinder wiederholten den Kreislauf, und das Kind der Tochter dann ist Robert Moses, der nun auch schon seit 1981 tot ist. Gelebte Leben häufen sich zu einem kleinen Stapel um mich her. Das Buch würde mich interessieren, so hatte ich mir das ausgerechnet, weil ich, neu nach New York gekommen, seinen Text über die Architektur und Geographie legen könnte, und einen Klassenkonflikt darunter. Die Gegenstände der Postkartenbücher, die Symbole des Molochs Gotham, sollten sich kondensieren in eine Person, der ich dann von der belagerten Eizelle zum Verfall ihrer politischen Macht folgen könnte. Politische und soziale Stadtgeschichte als Seifenoper. Stattdessen verdichtet sich beim Lesen dieser Vorgeschichte hier aber nur ein Gefühl staubiger Vergangenheiten. Diese Menschen, die vor dem Judenhass ein Weltmeer weit weg flohen, und so auf merkwürdige Weise die Grundlage für New Yorks heutige Gestalt schufen und für die Vertreibung Hunderttausender aus ihrem Wohnraum, spüren lange schon nichts mehr, keinen Schmerz und keine Freude, und ich habe ihnen nichts zu sagen. Warum also soll ich von ihnen lesen, und nicht stattdessen von denen, die heute ihre Wohnungen verlassen müssen, oder ihr Leben?

37 von 1162 Seiten

Kai Schreiber / Dauerhafter Link / Kommentare (1) / Buch kaufen und selber lesen


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