05.02.2008 / 08:44 / Bruno Klang liest: Lerche (Dezsö Kosztolányi)
Der betrunkene Vater Vajkay wird von der heiligen Mutter Maria in der Schürze heimgetragen, wo ihn seine Frau zur Rede stellt. Und jetzt, endlich, platzt es aus ihm heraus, wir lieben sie nicht, sie ist hässlich, so hässlich. Da steht sie nun zwischen beiden, die ausgesprochene Wahrheit: "So starrten Lerches greise Eltern einander an, im Hemd, mit blossen Füssen, fast nackt, die zwei ausgetrockneten Leiber, aus deren Umarmung einst das Mädchen hervorgangen war." Dann geschieht – nichts. Beide gehen zu Bett.
Kosztolányi schreibt "Lerche" im Jahr 1923, also vierundzwanzig Jahre nach den geschilderten Ereignissen. Es ist eine verlorene Welt und Zeit, die er dort beschreibt, und vielleicht ähneln sich sein Protagonist und Kosztolányi auch, wenn Vater Vajkay nach langer Zeit wieder das fast vergessene gesellschaftliche Leben wiederentdeckt, so wie Kosztolányi sich seine verlorene Heimatstadt Szabadka wieder herbeischreibt.
Oder stellen Sie sich vor, Sie müssten heute einen Roman über das Jahr 1984 schreiben. Damalige Ereignisse, Gespräche, Denkweisen sind so weit entfernt, dass ein erheblicher Übersetzungsbedarf bestünde, als wäre das Zeitalter selbst eine Vorläufersprache wie Mittelhochdeutsch. Es sei denn, Sie unterstellen Zeitgenossenschaft bei Ihren Lesern, und diese beherrschen das Mittelhochdeutsch von 1984 noch fehlerfrei oder haben die zwischenzeitlichen Lautverschiebungen nur unwillig mitgesprochen.
Am nächsten Morgen holen die Eltern Vajkay ihre Lerche vom Bahnhof ab. Sie hat eine kleine Taube in einem Käfig mitgebracht. Gerade eine Woche war sie weg, aber jetzt sieht ihr Vater, "dass sich eine Art aschgrauer Nebel auf sie gelegt hatte, zart, aber unzerreissbar, ein kaum sichtbares, dünnes, aber starkes Spinnennetz: das Alter, das gleichgültige, nicht gutzumachende Alter, das ihm nicht einmal mehr weh tat, das er im Namen seiner Tochter akzeptierte. So wie sie zu dritt nebeneinanderstanden, glichen sie einander schon." Die Spuren ihres einwöchigen Wohllebens haben sie heimlich beseitigt, und dann gehen sie abends, wie immer schon, ins Bett, und Lerche weint in ihr Kissen.
Und dann ist es vorbei. Ein merkwürdiges Buch. Mit einem lockeren, heiteren Ton, trotz kaiserlicher und königlicher Gemütlichkeit läuft das Buch in absoluter Hoffnungslosigkeit aus. Das Leben ist vorbei, und wir werden dagegen nichts ausrichten. Aber wenigstens stilvoll, in Leinen auf Bollorépapier.
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04.02.2008 / 13:14 / Aleks Scholz liest: The Road to Reality (Roger Penrose)
Oktober 2007. In Oberschan/Schweiz findet die Konferenz "Physik im Wandel" statt. Eingeladen hat die Odermatt-Walter-Universität, gegründet vom Schweizer Forscher Professor Walter Odermatt*. Die OWU ist die einzige Universität weltweit, an der das korrekte Weltbild gelehrt wird, unbestritten eine wichtige Errungenschaft. Der Kongress ist einfach strukturiert, stundenlange Vorträge von Odermatt, Mittagessen, dann weiter mit Odermatt. Es geht darum, dass die moderne Physik am Ende ist. Die Widersprüche zu gross, die Experten drehen sich im Kreis, die fundamentalen Probleme ungelöst. Quantenmechanik und Relativitätstheorie weiterhin nur leblose Hüllen, so ganz ohne korrektes Weltbild. Drei Tage lang wird der Paradigmenwechsel beschworen. Physiker sind keine anwesend.
Schmutzige Tricks (Foto: Jan Bölsche)Genau wie die Anthroposophen um Odermatt bin ich an einem toten Punkt angelangt, leider jedoch ohne mir einbilden zu können, über ein korrektes Weltbild zu verfügen. Das Standardmodell der Teilchenphysik (Kapitel 25), seit etwa vierzig Jahren das beste Modell, das wir haben, enthält drei "Generationen" Teilchen, insgesamt so 24 Sorten an kleinen Dingern und Antidingern, in verschiedenen Geschmäckern und Farben. Siebzehn fundamentale Parameter lässt das Standardmodell unerklärt, z.B. die Massen von Elektron und Proton, und die Schwerkraft kommt auch nicht darin vor. Das Modell funktioniert ansonsten wundervoll und liefert zuverlässige Vorhersagen für eine Vielzahl von, naja, exotischen Lebenslagen. Wenn man nichts davon versteht, entsteht trotzdem der Eindruck, es wäre etwas schiefgelaufen. Statt die Wirklichkeit zu beschreiben, beschreiben wir Messergebnisse, und zwar mit sehr aufwendigen theoretischen Tricks. 24 Teilchen mit Farben? Was soll daran bitte fundamental sein? Statt das Kaninchen wirklich verschwinden zu lassen, verstecken wir es einfach unter dem Hut und machen unschuldige Gesichter.
Die Welt ist ein Schlammbad
(Foto: Jan Bölsche)Aber natürlich ist das lediglich ein Zeichen meiner Ignoranz und schon bald werde ich damit anfangen, Tagungen auszurichten, bei denen ich der einzige Redner bin. Darum jetzt für eine Planckzeit elementare Gedanken aus dem Institut für Lyrik und Quantenfeldtheorie:
Typically a zig particle becomes a zag, and the zag then becomes a zig, this zig becoming a zag again, and so on for some finite stretch.
Das Elektron ist in Wahrheit zwei Teilchen, die unablässlich ineinander übergehen. Eines bewegt sich hin (zig), das andere her (zag), und mit Hilfe der kombinierten Zitterbewegung kann man tatsächlich einiges erklären, was vorher unerklärt war. So are these zigs and zags real? Hier gibt es noch eine klare Antwort, sie lautet: Vielleicht. Nun zum wirklichen Problem: But is this real 'reality'?
Schachmatt. Oder?
* auch eine Art, wie man zur Professur gelangen kann: sich selbst berufen
Aleks Scholz / Dauerhafter Link / Kommentare (15) / Buch kaufen und selber lesen
01.02.2008 / 16:37 / Angela Leinen liest: Klagenfurttexte
1990 las Alain Claude Sulzer "Am Arm des Apothekers"
"Mezzosopranistin" (Papier, Tesa, Filzstift) von K. LeinenKarl Corino, der sich im letzten Jahr durch Pamp (Verweigerung bei PeterLicht) und Trotz (über die Schmähung seines Kandidaten Björn Kern) in den Schmollwinkel manövrierte (Zusammenfassung), war 1990 auch schon Juror. Zu "Klagenfurter Texte 1990" schrieb er ein Vorwort: "... obwohl ich einräume, dass einem schon die sich hin und wieder ergebende 'Minderheitsposition' in der Jury erheblich zu schaffen machen kann." In Optiker-Fragen kannte er sich aber sicher aus. Wenn Sulzer nicht sein Kandidat war, wird er ihn getadelt haben.
Inhalt: Die "berühmteste Sängerin der Welt" lebt im Alter im Badezimmer ihrer Pariser Wohnung, in Einsamkeit denkt sie zurück an sich selber mit 13. Ohne Brille tapste sie am Arm ihres Vaters, des Apothekers, in (induziert) die Opera Colon in Buenos Aires, in der sie dann 18 Jahr später ihr Debüt gab.
Beginn (kleiner Ausschnitt aus dem zweiten Satz):
... Nun aber sass sie in ihrem geräumigen Badezimmer, die Beine übergeschlagen, die Augen hinter dicken, stark gewölbten Gläsern wie durch zwei Lupen vergrössert, ... und starrte auf die Tonbänder zu ihren Füssen...
Sulzer erzählt so dicht an Maria Callas entlang, dass er auch ihre wirklichen Lebensdaten hätte nehmen können. Ein paar Änderungen zwischen New York, Athen und Buenos Aires, was soll's. "Sie war so kurzsichtig, dass sie nun, ohne Brille, ihre Umgebung ... lediglich in Umrissen erahnte" – stimmt. Nur verkleinern die Brillen gegen Kurzsichtigkeit die Augen.
Dann erfahren wir, dass so ein Sängerleben nicht immer so glitzy ist wie in dem Moment, in dem die Diva sich Norma fühlt – wir ahnten es.
Maria Callas starb im September 1977 in Paris. Ich war neun und hatte begonnen, donnerstags den Stern zu durchblättern. Kurz vor Deutscher Herbst und dem Tod von Elvis Presley wird darin auch ein grosser "Die Diva starb einsam"-Artikel gestanden haben. Ich erinnere mich, schon als Kind bebilderte Berichte gelesen zu haben über Tabletten und den Alten mit den Tankern, Bilder einer stark geschminkten Frau, mal dick und jung, mal älter und dünn.
Ausser dass Sulzer ihr die Brille umgedreht hat, erfahre ich nichts Neues. Aber muss das? Mich erinnert es an Stefan Zweig. Nichts gegen Stefan Zweig, "Sternstunden der Menschheit" ist immer noch ein prima Konfirmationsgeschenk. Zweig aber schrieb die bunten Bilder zu nicht fotografierten Ereignissen. In einem Band: "Dunkle Stunden der Kunst" wäre Sulzers Erzählung gut aufgehoben. Makellos unmodern formuliert, sauber aufgebaut, einwandfreie Rückblenden. Um es interessant zu machen, hätte der vornehme Sulzer aber viel indiskreter mit Frau Callas umgehen müssen. Oder sich eine eigene Sängerin erfinden.
Prädikat: Bei lobenswerter Ich-Enthaltsamkeit leider unergiebig.