23.11.2008 / 17:21 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Ockhams Rasiermesser (210-229)


Materie, beobachtet. (Bild: Coradia1000, Lizenz.)
René Descartes hat seine philosophische Agenda jetzt im Wesentlichen durchgezogen. Der Argumentationsweg war seit der 1. Meditation ganz heftig rationalistisch, empirischer Input musste aufgrund des universalen Zweifels vor der Tür bleiben. Jetzt aber, zum Ende der Meditationen, wird die materielle Welt wieder in einen gebührlichen ontologischen Status gehoben – damit wir alle beruhigt nach Hause gehen können. Hoffentlich.

Es ist von Nutzen, sich zum Beweis der Existenz der Materie nochmal das Szenario vor Augen zu führen, das den universalen Zweifel mit Leben füllt:

Die ganze Aussenwelt mit ihrem Leben und Geschehen, das wir tagtäglich durchmachen müssen, ist nichts als eine dicke virtuelle Fiktion, die uns von einer externen Matrix eingespeist wird: Unser Geist läuft auf einer Art Mental-Plasma und ist mit einem mentalen Interface versehen, das ihm ein komplettes Set an Sinnesreizen liefert, eine dreidimensionale Welt mit allen optischen und sonstigen sensorischen Eindrücken (Geräusche, Gerüche, mechanische Krafteinwirkungen und auch Körpergefühle, etc.). Wie ein perfektes Computerspiel. Diese virtuelle Welt existiert nicht real, sie ist lediglich ein Programm der grossen Matrix. Alle Räume mit ihren Dingen und Ereignissen darin sind mentale Hologramme und existieren nur so lange, als einer oder mehrere "Spieler" anwesend sind; ansonsten verschwinden sie wieder. Man könnte jetzt sagen: Geh doch bei Rot über die Ampel, dann siehst du schon, wie real die Welt ist. Aber auch Unfälle können von der Matrix vorgespielt sein: Ein heftiger virtueller Reiz-Input und dann wird unser Geist runtergefahren.


Materie, unbeobachtet. (Bild: Niemand.)
Für dieses Szenario gibt es in der Tat harte Argumente: Die beobachtbaren Eigenschaften eines externalen Objekts entstehen überhaupt erst, wenn ein Beobachter da ist, der sie beobachtet – und sie existieren auch nur so lange, wie sie beobachtet werden. Ein Ding "sieht" nicht aus, wenn niemand da ist, der es anschaut, es macht keine Geräusche, wenn niemand da ist, der hört – beobachtbare Eigenschaften existieren nur als aktuell beobachtete Eigenschaften. Auch wenn man versucht, sich das Objekt vorzustellen, während man es nicht mehr beobachtet, kann man dies in der Erinnerung nur anhand bereits beobachteter Eigenschaften tun. Das äussere Objekt hat an sich auch keine den beobachteten Eigenschaften ähnliche Eigenschaften, denn entweder sind diese ähnlichen Eigenschaften dann selbst beobachtbar und somit in ihrer Existenz von einem Beobachter abhängig und nicht an sich existierend, oder sie sind nicht beobachtbar – dann sind sie beobachtbaren Eigenschaften auch nicht ähnlich. Über ein geistunabhängiges Objekt können wir, so wie es an sich jenseits aller Beobachtbarkeit und Denkbarkeit existiert, überhaupt nichts wissen; auch nicht durch Rückschlüsse, denn man kann nur Rückschlüsse auf etwas ziehen, das irgendwie bekannt sein kann. Was nicht bekannt sein kann, kann auch nicht erschlossen werden. Folglich ist das external-materielle Objekt nicht der Träger der beobachtbaren Eigenschaften. Damit kann man es dem ontologischen Sparsamkeitsprinzip zufolge elimineren (Ockhams Rasiermesser). Denn wozu braucht man einen rein hypothetischen Eigenschaftsträger, von dem man überhaupt nichts wissen kann? Die Objekte unserer Wahrnehmung sind von der Matrix koordinierte Bündel von beobachtbaren (d.h. von beobachteten) Eigenschaften. Wenn mal kein Beobachter anwesend sein sollte, wird die Kontinuität der Objekte dadurch gewährleistet, dass sie als für uns potenziell beobachtbare Dinge im Programm der Matrix enthalten sind (und somit von der Matrix selbst permanent als ihre eigenen Gedanken aktuell wahrgenommen werden). Es gibt also keine substanziell existierende materielle Welt hinter den empirischen Beobachtungen.

Diese These lässt sich nicht empirisch widerlegen, denn man kann nicht mit empirischer Beobachtung hinter die empirische Beobachtung gucken, ob da was Reales ist oder nicht. Descartes widerlegt die These also metaphysisch, indem er die Existenz Gottes bewiesen und damit die Existenz der betrügerischen Matrix ausgeschlossen hat. Gott täuscht uns nicht, ergo gibt es die Materie als Objekt unserer Beobachtungen.

Ich habe ein grosses Problem mit diesem Argument. Descartes sagt, es wäre Betrug, wenn Gott uns die materielle Welt nur vorgaukeln würde. Aber andernfalls hätte er Dinge geschaffen, von denen wir niemals irgendetwas erfahren können – wer erzeugt dann jedoch unsere Beobachtungen? Die materielle Welt ausserhalb aller Beobachtbarkeit vermag dies nicht, denn was von sich her ausserhalb aller Beobachtungen steht, ist per definitionem unbeobachtbar – und etwas, das per se unbeobachtbar ist, kann keine Beobachtungen erzeugen, sonst wäre es ja nicht unbeobachtbar. Kurz: Eine jenseits aller Beobachtungen existierende Materie wäre ein komplett unerkennbares und zudem völlig nutzloses Etwas. Sinnlose Dinge zu erschaffen geziemt sich aber für Gott ebensowenig, wie uns zu betrügen.

Meine provokatorische Frage an Descartes wäre jetzt: Warum sollte es Betrug sein, wenn es hinter den Beobachtungen eben nichts gibt ausser Gott? Die Ontologie, die nur Beobachter und einen Beobachtungen erzeugenden unendlichen Geist annimmt, ist sparsam und einfach und erklärt den ganzen Laden bestens. Dass wir im Alltag glauben, es gebe da tatsächlich so etwas wie geistunabhängige Materie, ist halt nur ein nützliches Feature zur einfacheren Handhabung. Betrug wäre für mich viel eher, wenn da irgendwo ein Zeug herumexistiert, von dem per se niemand jemals etwas wissen kann.

Ich verlasse die Descartes-Lektüre im Dissens mit dem grossen Meister. Was er beweisen wollte, nämlich die externale Existenz der Materie, hat er für mich noch lange nicht bewiesen. Ich werde zum radikalen Idealisten: Es gibt nur Mentales – meinen Geist, den Geist anderer Leute und den unendlichen Geist Gottes.

229 von 229 Seiten

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14.10.2008 / 23:33 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Von Dingen und anderen Sachen


Auch so ein Ding: Ein gutes Buch.
Einem schlichten, aber geschätzten Weltbild zufolge besteht die Wirklichkeit aus einer dicken Raumzeit-Blase namens 'Universum' und einem Haufen Gerümpel, welches in dieser Blase herumfliegt: Galaxien, Sterne, Moleküle, Elementarteilchen, Bäume, Tiere, Hemdknöpfe und Hochhäuser insolventer Kapitalgesellschaften. Aber auch Beine, Nasen, Nieren und Gehirne. All diese Dinge haben gemeinsam, dass sie eben Dinge sind. Der Philosoph David McNaughton sprach vom 'furniture of the universe', dem Mobiliar des Universums – all die Gegenstände, mit denen das Universum so eingerichtet ist. Aber was ist mit Gedanken, Zahlen, Symmetrien, ethischen Werten, Gefühlen, Insolvenzhaftungen oder dem nackten Ich in mir? Sind das auch Gegenstände wie Hochhäuser und Nierensteine?

Als wir unsere schweifende Aufmerksamkeit der 6. Meditation von Descartes zugewandt hatten, haben wir gesehen, dass es für Descartes eine mögliche Welt gibt, in welcher der Geist ohne Körper existieren kann. Mein Geist und mein Ich sind also treffliche Kandidaten für Universumsmöbel. Und so sagt Meister Descartes auch: Der Geist ist ein Ding, eine res cogitans. Oder, im Fachjargon: Eine vollständige Substanz (wobei mit 'Substanz' in der Philosophie kein chemischer Stoff gemeint ist, sondern einfach ein, nunja, Ding). Und dies war für Descartes' zeitgenössische Kritiker eine ziemlich heftige Ansage. Denn die Philosophen hatten vorher jahrhundertelang gelehrt, dass der Geist nur eine sogenannte 'unvollständige Substanz' sei. Das heisst: Der Geist ist ohne Körper so unvollständig, dass er in keiner möglichen Welt als eigenes Ding herumexistieren kann. Er kann höchstens ausserhalb aller möglichen Welten unter bestimmten Sonderkonditionen sein Dasein halten: Nach dem Tod von Gott getragen, solange, bis am Jüngsten Tag die Welt renoviert und ihm ein neuer Leib geschenkt wird.

Descartes hat also recht wuchtige Vorstellungen von der Natur des Geistes und seiner Unabhängigkeit vom Körper: Er hat den Geist quasi verdinglicht. Für eine breite Tradition an Denkern, die von Aristoteles über Thomas von Aquin bis zu Ludwig Wittgenstein reicht, ist das Mentale hingegen kein 'Ding', sondern eher ein komplexes System von Dispositionen und Kapazitäten eines ganzen Organismus im Zusammenspiel mit seiner Umwelt.

Letztens hatte ich oben abgebildetes Buch in den Händen, von einem gewissen David Braine über Philosophy of mind. Er vertritt eine hochinteressante These: Der heutige Materialismus, der alles Mentale auf Materie reduzieren will (insbesondere auf das Gehirn und sein Funktionieren als Zentralprozessor der Körpermaschine) bekämpft Descartes bekanntlich bis aufs Messer. Descartes ist schliesslich nicht umsonst der grosse Anti-Materialist in Sachen Geist und Seele. Aber: Indem Descartes den Geist verdinglicht hat, hat er überhaupt erst die Möglichkeit geschaffen, ihn mit dem Gehirn zu identifizieren. Um etwas mit einem Ding zu identifizieren, muss man es erstmal zu einem Ding machen. Wenn aber der Geist gar keine solche Ding-Entität ist, kann man ihn schwerlich mit einem paar Kilogramm schweren Klumpen Eiweissschleim gleichsetzen.

Mit anderen Worten: Der Anti-Materialist Descartes ist der Vater des modernen Materialismus. Ich finde das ziemlich überzeugend und ein schönes dickes Ding zum langsamen Ausklang der Dingsbums-Lektüre.


27.09.2008 / 00:58 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Blasenplatzen gestern und heute

Andernorts kündigen Investmentbanker und Präsidentschaftskandidaten an, wegen der derzeitigen Finanzkrise aus ihrem jeweiligen Geschäft auszusteigen, um hintenrum dennoch weiterzumachen – diesem klugen Beispiel folgend, steigt nun auch die Lesemaschine aus ihrem Gewerbe aus, um nichtsdestotrotz hintenrum weiterzulesen: Aus gegebenem Anlass an dieser Stelle nicht mit Descartes, denn ich möchte mich dieser Tage über jene "Great Depression" informieren, die zur Zeit in aller Munde ist und uns offenbar als Neuauflage wieder menetekelnd über den Köpfen baumelt.

Zwar in nicht ganz so neuer Auflage, aber dennoch überzeugend, fiel mir heute in der Bibliothek nebenstehendes Büchlein in die Hände. Der Schwarze Freitag. Es handelt sich um eine bündige, wirtschaftshistorische Darstellung der Hyperinflation der Jahre 1914 – 1923 und des Börsenkrachs einschliesslich des anschliessenden Zusammenbruchs der Weltwirtschaft von 1929 – 1933. Eine zufällig aufgeschlagene Seite liest sich bereits sehr vielversprechend:

"Sämtliche Guthaben bei Banken und Sparkassen wurden durch die Umstellung 1 Billion Mark = 1 Reichsmark vernichtet. So schrumpften bei der Sparkasse Frankfurt a.M. die Sparguthaben von 8,12 Billionen Mark, die sich auf 153 423 Einleger verteilten, über Nacht auf ganze 8120 Reichsmark zusammen." (S. 56)

Ebenso wie seinerzeit die Reichsmark und teils auch über Nacht, ist die Zahl derer geschrumpft, die diese bizarre Geldwertvernichtung noch leibhaftig erlebt haben. Am Stichtag das Kilo Roggenbrot für 233 Milliarden Mark oder für eine Trambahn-Fahrkarte mal 150 Milliarden Mark hinblättern – wir müssen es uns selbst ausmalen, es klingt absurd nach Blingbling und dicker Hose, aber es wird eher dem Erlebnisgehalt gleichen, wenn man bei Lidl oder Aldi fiebernd auf Billionen-Schnäppchenjagd geht (wenn Lidl und Aldi dann überhaupt noch existieren).

In Zeiten wie diesen, in denen böse Blasen und Unheilkarbunkel eitern und aufplatzen und ihren fauligen Inhalt in die Geldhäuser entleeren, sollte man durchaus einmal den irisierenden Blick von den zu Tale fahrenden Aktienkurven ab-, und einem guten Buch wie diesem zuwenden. Der ganze Talmarsch von der Börsenhausse bis hinab zu Adolf Hitler wird begreiflich nachgezeichnet – zwar auch dort im Anhang jede Menge furchterregend wankender Zahlentürme und purzelnder Kursmarken, aber es beruhigt mich dennoch: Wenn wir wieder mit Schnaps bezahlen können, bin ich ein gemachter Mann.


23.08.2008 / 18:30 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Stream of unconsciousness (191-209)


Völlig leer: Ein p-zed. (Bild: Eric Ingrum, Lizenz.)
Angenommen, nach langem Warten sind endlich Aliens auf die Erde gestossen. Es handelt sich um eine uns weit überlegene Spezies mit einer hochentwickelten Wissenschaft und Technik. Sie haben einen Replikator dabei, der jedes physische Ding absolut perfekt reproduzieren kann, so dass Replikat und Original ununterscheidbar sind. Dabei werden nicht nur die statischen, sondern auch die dynamischen Eigenschaften (z.B. ein bestimmter Bewegungsimpuls) vollständig übertragen. Diese Spezies will nun nicht nur Waffen und Rohstoffe, sondern auch Menschen duplizieren. Was passiert dabei?

Wenn der Materialismus wahr ist und Körper und Geist identisch sind, müsste das Replikat dieselben mentalen Eigenschaften wie das Original haben. Man hätte zweimal die gleiche Person. (Was passiert dann in dem versicherungstechnisch interessanten Fall, dass beide aufeinander losgehen?) Nach Platon hingegen müsste der Replikator einen toten menschlichen Körper erzeugen, da die Seele das Prinzip des ganzen Lebens ist, des vegetativen und mentalen, und sie nicht reproduziert werden kann. Für Descartes aber würde man einen lebenden menschlichen Körper vorfinden, der jedoch ohne Verstand, Empfindungen und Gedanken, also völlig ohne Bewusstsein ist: Einen metaphysischen Zombie (p-zombie oder p-zed).

Es gäbe demnach eine mögliche Welt, in der überhaupt nur p-zombies leben: Eine reine zombie-world. Dort läuft alles nach zombie-world-physikalischen Sukzessionsgesetzen ab und durch reinen Zufall ergeben sich die gleichen Ereignisse wie bei uns, nur gänzlich ohne Bewusstsein. Die p-zombies beginnen ihren Tag wie wir, gehen in ihr Zombie-Café und nehmen ein Zombie-Frühstück zu sich und führen Zombie-Gespräche, reissen Zombie-Witze und gucken Zombie-Filme, ihr ganzes Zombie-Leben gleicht äusserlich dem unseren – nur innen drin in ihnen ist alles leer. Da passiert gar nix. Ein ausschliesslicher stream of unconsciousness.

Körper und Geist, res extensa und res cogitans, sind für Descartes also zwei für sich funktionierende Entitäten. Auch der Geist könnte in einer möglichen Welt für sich existieren, als free floating spirit in einer spirit-world. Aber dort ist nicht der ganze Bewusstseinskram vorhanden, der der zombie-world fehlt. In der spirit-world empfinden nicht reine Geister vor sich hin, freuen sich oder sind depressiv, sind verliebt oder zänkisch und erquicken sich an einer reichhaltigen Imagination. Denn Emotionen und Imagination entstehen für Descartes nur, wenn ein Geist in einem p-zombie implementiert wird: Sie entstehen aus der Leib-Seele-Einheit. In der Geisterwelt betreiben die Geister nur rein emotionslose, abstrakte Wissenschaft, sie führen apathisch mathematische Beweise und bauen blutleere philosophische Theorien (etwa über Zombie-Welten). Eine Welt voller Nerds.

Geist und Körper sind in unserer Welt nach kartesischer Theorie nicht einfach zusammengepappt wie zwei Bauklötze. Sie bilden eine substanzielle Einheit. Ein ganzer Kosmos an Bewusstseinsphänomenen resultiert aus dieser Vereinigung. Unsere Seele, schreibt Descartes, hätte keinen Anlass, auch nur einen einzigen Augenblick mit dem Körper verbunden zu bleiben, wenn sie dadurch nicht lauter angenehme, lustvolle und nützliche Gemütsbewegungen erhalten würde, die die gesamte Annehmlichkeit des Lebens ausmachen. Der Geist ist ein ziemlicher Hedonist.

209 von 229 Seiten

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12.08.2008 / 18:10

My mind is a piece of mental shit (181-190)


The third planet of Dune (Bild: hamed, Lizenz.)
Das Ende der Descarteslektüre naht. Darum habe ich Lust, hier nochmal ein richtig übles Ding reinzulassen: Das kartesische Argument für die Wesensverschiedenheit von Geist und Körper in der 6. Meditation. Dieser Beitrag wird eine Meile trockener metaphysischer Wüstensand, schonungslos. Aber ich denke, das lohnt sich, denn es handelt sich dabei um einen echten Klassiker der Philosophy of mind – und ich hoffe, ich bekomme dieses schwierige Zeug wenigstens halbwegs korrekt hin.1

Die erste Feststellung ist auch gleich schonmal nichts saftig Empirisches, sondern eine recht aride Angelegenheit: 'Geist' ist bei Descartes nicht identisch mit Bewusstsein. Das lässt sich vielleicht so klarmachen: Die Selbsterkenntnis der 2. Meditation ist keine "empirische" Erfahrung irgendwelcher Bewusstseinszustände (awareness, Emotionen, Qualia, etc.). Sondern sie ist ein rein geistiger Akt: Die absolut gewisse Existenz des Ich wurde reduktiv und damit indirekt bewiesen. Wer hat denn schon jemals sein Ich unmittelbar erfahren, also nicht nur irgendwelche Bewusstseinsqualitäten, sondern das nackte Ich als solches? Das Ich ist eben nicht als direkte Erfahrungstatsache gegeben wie die sonstigen Bewusstseinsphänomene, sondern seine Erkenntnis ist ein abstrakter, rein geistig-mentaler Beweis, wie bei einer komplett unanschaulichen mathematischen Struktur. Von der habe ich ja auch keine direkten Bildchen oder Erlebnisgehalte im Kopf und wer behauptet, er könne unanschauliche mathematische Strukturen spüren, dem ist grundsätzlich mit Vorsicht zu begegnen. Also: Rein mentale Erkenntnis kann es nur von rein mentalen 'Dingen' geben, denn die Art der Erkenntnis ist bestimmt durch die Art des Erkenntnisobjekts.

Alle grossen philosophischen Probleme haben mit Modalitäten zu tun, das heisst mit Möglichkeit und Notwendigkeit. Die Frage, ob Geist und Körper (neurophysiologische Entitäten oder Ereignisse) identisch sind oder nicht, lässt sich im Rahmen der Modallogik formulieren, einem heftigen formalen Instrument der zeitgenössischen Philosophie: Identität ist eine strikt notwendige Relation. Z.B. ich bin strikt notwendig mit mir selbst identisch und kann nicht möglicherweise etwas anderes sein, etwa ein Stein. Modallogisch gesprochen: Die Proposition ω: 'Geist und Körper sind identisch (G ≡ K)' ist in unserer Welt Wi genau dann wahr, wenn sie in allen logisch möglichen Welten Wj wahr ist, in denen sie existieren und die epistemisch zugänglich sind. Wobei eine "mögliche Welt" eine maximal konsistente Menge von kontrafaktischen Sachverhalten (maximally consistent state of affairs) ist, denen ein Wahrheitswert zuerteilt werden kann. Wumm. Das ist jetzt richtige Philosophensprache, und dann schreibt so ein Philosoph gerne auch solche Formeln dazu auf sein Papier:

M ⊨ □ω[Wi] ⇔ ∀j≠i ∀Wj, G,K∈Wj:[R(Wi, Wj) → M⊨ω[Wj]] für ein Kripke-Modell M.

Sieht gut aus. Anschaulicher gesprochen: Eine mögliche Welt ist eine Art formallogisches Paralleluniversum, ein kompletter Zustand, wie die Welt hätte sein können2, etwa mit völlig anderen Naturkonstanten oder gar Naturgesetzen, solange sie logisch widerspruchsfrei sind. In manchen dieser Welten ist die Erde der Wüstenplanet Dune, in anderen wird der triumphale Empfang der Titanic im New Yorker Hafen gefeiert und die Rückzahlung aller deutschen Kriegsschulden, in wieder anderen ist Beethoven ein Zuhälter und es existieren Zwergsumpfhühner, die der komplexwertigen Integralrechnung fähig sind. Was auch immer. In keiner möglichen Welt aber kann Beethoven ein Klistier oder das Sumpfhuhn eine Atomrakete sein, denn das wäre nicht nur recht albern, sondern auch kontradiktorisch: Beethoven ist so ziemlich notwendigerweise ein Mensch und das Huhn notwendigerweise ein geflügeltes Wirbeltier.

Descartes' Argument besagt nun:
(1) Die mentalen Eigenschaften sind logisch vollkommen unabhängig von den physischen (beide sind vollständig disjunkt und einander sogar kontradiktorisch entgegengesetzt3).
(2) Also gibt es mindestens eine mögliche Welt Wj, in welcher ich nur mit mentalen, nicht aber physischen Eigenschaften existiere.
(3) Wenn es möglich ist, dass ich ohne physische Eigenschaften existiere, dann kommen mir diese Eigenschaften nicht notwendig zu.
(4) Allen Körpern kommen physische Eigenschaften notwendig zu.
(5) Also bin ich nicht mit meinem Körper identisch.

Dasjenige, wovon die mentalen Eigenschaften prädiziert werden (ihr Träger), ist also eine eigenständige Entität, welcher notwendig mentale, aber nicht notwendig physische Attribute zukommen: Der Geist. Es ist somit zumindest logisch möglich, dass der Geist ohne Körper existieren kann, auch wenn das in unserer Welt faktisch nie der Fall sein wird. Damit ist □ω falsch, d.h. Körper und Geist sind nicht identisch.

Der wesentliche Einwand gegen diese Argumentation kommt m.E. von Antoine Arnauld. Er betrifft den Übergang von (2) auf (3). (2) könnte einfach eine inadäquate Abstraktion sein, wie es z.B. logisch möglich ist, sich einen ausdehnungslosen Punkt zu denken. Aber daraus folgt nicht, dass es in der Realität ausdehnungslose Punkte geben kann (Experiment: Zeichnen Sie mal einen ausdehnungslosen Punkt). Ausdehnung gehört vielleicht dennoch notwendig zum realen Punkt dazu. Genauso könnte die logische Möglichkeit der Existenz des Geistes ohne Körper einfach eine unvollständige Abstraktion sein, und in Wahrheit geht's nicht ohne Körper.4 Aber Descartes sagt: Nein, die Erkenntnis des Geistes ohne Körper ist vollständig. Wir erkennen unseren Geist zwar nicht umfassend in allen seinen Einzelheiten (cognitio adaequata), aber wir erkennen seine Wesensattribute vollständig (complete intellegere), da fehlt nichts. Und das ist der ganze Knackpunkt an seinem Argument.

Als Fazit kann man jetzt vielleicht sagen: Der ganze dicke Sack voller Bewusstseinsphänomene wie Qualia u.a. ist für Descartes körperlich (mit)verursacht. Das rein Mentale aber, also der Teil unseres Oberstübchens, der abstrakte Beweise führt und Wissenschaft betreibt, der ist nicht einfach platt identisch mit ein paar Kilogramm funktional organisiertem Eiweissschleim. Anders gesagt: Das eigentliche Leib-Seele-Problem beginnt erst richtig beim Phänomen der Wissenschaft. Angenommen, es gibt eine neurophysiologische Theorie T1, die alles Mentale komplett auf Eiweisschleim reduziert. Reduziert sie sich dann auch selbst komplett auf Eiweisschleim? Sie müsste alle wissenschaftlichen Prädikate wie "ist beweisbar", "es folgt, dass", "es erklärt", "bezieht sich auf", "ist möglich" etc., auf Schleimaktivität zurückführen. Dazu bräuchte es eigentlich eine Metatheorie T2, die das leistet und selbst wieder wissenschaftliche Prädikate enthält. Deshalb braucht es dann eine Theorie T3, die T2 auf Eiweissschleim reduziert, und dann eine Theorie T4, die T3 usw. Ein infiniter Progress. Oder vielleicht ist es auch einfach nur ein fehlerhafter Zirkel. Auf jedenfall aber mental shit.
______

1 Wer's wirklich genau wissen will, schaut nach in: Godehard Brüntrup: Das Leib-Seele-Problem, 3.Aufl. 2008.

2 Im nominalistischen Possibilismus sind diese möglichen Welten sogar als real existierend angenommen und die Wirklicheit ist indexikalisch: Für jede dieser Welten ist die eigene aktuell existierend, die anderen nur möglich. Für den platonistischen Aktualismus dagegen sind mögliche Welten nur Weisen der Beschreibung, wie unsere aktuelle Welt hätte sein können.

3 Ein Beispiel für die Entgegensetzung: Das Mentale ist privat, das physische ist nicht privat. Hirnströme sind beobachtbare 'public entities', sie sind komplett in der 3.-Person-Perspektive beschrieben, während mein Ich sich gerade notwendig dadurch auszeichnet, dass es privat und 1.-Person-Perspektive ist. Niemand anderer kann meine Perspektive einnehmen und mein Ich unter meiner 1.-Person-Perspektive beschreiben, erst recht keine objektiv-intersubjektive wissenschaftliche Theorie.

4 Man nennt den Übergang von (2) auf (3) in der Literatur auch gerne einen Übergang von einer Modalität 'de dicto' zu einer Modalität 'de re'. Erstere bezieht sich auf das, was uns in einem bestimmten epistemischen Zustand als möglich erscheint, letztere auf das, was real möglich ist.

Ruben Schneider / Dauerhafter Link / Kommentare (19)


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