07.12.2007 / 16:02 / Aleks Scholz liest: The Road to Reality (Roger Penrose)

Totally Tololo (292-324)


Suchbild mit Autor
Seit zwei Tagen auf Cerro Tololo. Irgendwie sind diese Observatorien alle gleich: komplexe Abläufe, weisse Kuppeln, dünne Luft, ringsum Dürre, tagsüber Sonnenbrand, nachts nur mit Standlicht fahren. Dazu sprechen ausser mir alle spanisch. Einen Tag gebraucht, um zu begreifen, wie man hier an Essen kommt. Noch einen, um zu verstehen, welche Schalter am Teleskop nicht umgelegt werden dürfen. Jetzt geht es allmählich, nur das Internet ist kaputt.

Das Penrose-Buch hat 20 Stunden in diversen Flugzeugbäuchen verbracht. Stattdessen TC Boyle gelesen, "Talk Talk"; ein Mann namens Dana Halter ruiniert das Leben einer Frau namens Dana Halter. Seitdem mehrfach schlecht geträumt aus Angst davor, dass mir eine Frau meine Identität stiehlt. Billige amerikanische Schicksale mit kruden Metaphern. Aber hey, keine einzige Formel bisher. Vielleicht morgen mal in die Faserbündel in Kapitel 15 sehen. Oder vielleicht auch nicht und stattdessen mit dem Fuchs spielen. Oder mit einem Kaktus! Es gäbe soviel zu tun in der Wüste, wenn nur nicht das Problem mit meinem Kopf wäre. Grosse Müdigkeit, Jetlag und Nachtarbeit wirken leider in entgegengesetzte Richtungen. Muss schliessen, das Teleskop piept. Die Sterne sehen wie Eier aus.

324 von 1049 Seiten

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06.12.2007 / 19:24 / Kai Schreiber liest: The Power Broker (Robert A. Caro)

Imperator (180-195)


Wenn das der Vader wüsste.
Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts ging ich einmal durch Eis und Schnee bergab. An einem leeren Parkplatz im Spätnachmittagsdämmerlicht tappte ich schräg vorbei. Ein paar Autos standen dort im Schneematsch planlos abgestellt, in der weiteren Umgebung gab es nichts, niemand wohnte hier, niemand arbeitete, eine monströse Ödnis, der man entkommen wollte, stracks durchlaufen bis ins Kino. Immerhin gab es am Ende des Wegs ein Kino und keine endlose Reihe bewachter Vorstadtvillen, deren Pförtner ins Vage weisen, immer ein weiteres Stück die Strasse runter, bis man nicht mehr laufen mag und umkehrt.

Ich erinnere mich wohl deshalb noch so gut, weil das mein erster Kinoausflug alleine war, ein Höhenflug der Unabhängigkeit, plötzlicher Machtrausch, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, wenigstens über einen winzigen Aspekt. Oder vielleicht weil ich wenig später bunt und laut erfuhr, was der Mann unter seinem schwarzen Hut hat, und dass es im Weltraum einen bösen Fädenzieher gibt, und sich eine Hierarchie des Bösen andeutete, so schwindelerregend wie die räumliche Unendlichkeit selbst mir erschien damals. Es ist gut, dass Achtjährige nichts von Cantor wissen.

Robert Moses ist jetzt am Beginn angekommen. Nach hundert Seiten träge tröpfelnder Vorgeschichte und einer Sägezahnkurve sich aufbauender und kläglich scheiternder idealistischer Umsturzversuche kommt dieser Durchbruch, und vor allem das anziehende Tempo, überraschend. Zwar konnte man natürlich nach der Wiederwahl seines Freundes Smith zum Gouverneur mit einem schönen Posten rechnen für Moses, in der Landesregierung New Yorks. Aber der heimliche Staatsstreich, in dem Moses sein Gesetz zur Formung einer Parkaufsicht erst aus harmlosen Einzelteilen zu einer monströsen Rechtswaffe zusammenschraubt, und sich selbst fest mit dem geschaffenen Thron des Vorsitzenden des Parkaufsichtsrates verlötet, kommt doch ein wenig wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Nicht der Hinterbänkler, dem er das Gesetzbüchlein unterjubelte, und der es vorschlug, nicht das Parlament, das es kurz vor der Sommerpause verabschiedete, nicht der Gouverneur, der es zeichnete, konnten ahnen, was damit geschaffen wurde, und dass diese Meisterleistung juristischer Schriftstellerei ein Dritteljahrhundert lang die örtliche Stadtentwicklung prägen und die Weichen in die weite Zukunft stellen würde.

Matt und einfallslos dagegen George Lucas Weltraumintrige, in der es mangels echter Macht Telekinese und feuerspeiende Monde braucht, um einzuschüchtern, und wo der Finsterling eine Kutte und Falten trägt. Imperator Palpatine könnte von Moses so allerhand lernen. Wie man seine Fühler ausstreckt, droht und enteignet, und wie man dann mit der Macht, die einem gegeben ist, Gutes tut. Oder immerhin keine Todessterne baut, jedenfalls noch nicht.

195 von 1162 Seiten

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06.12.2007 / 18:10 / Volker Jahr liest: Reise um die Welt (Georg Forster)

Sam der Forster und die öden Orte (0-0)


Extra die Mittagspause geopfert, um die Georg-Forster-Strasse zu fotografieren.
Hätten Jürgen Roth und Rayk Wieland ihre ab 1998 erschienene Trilogie ausgewählter Stadtverrisse "Öde Orte" 200 Jahre früher veröffentlicht, sie wären an Georg Forster als Autor nicht vorbeigekommen. So aber haben sie über Kassel, das sich in den Armutsstatistiken Jahr für Jahr mit Bremerhaven ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den bundesweiten Spitzenplatz liefert, Peter Köhler berichten lassen, und auch der braucht sich nicht zu verstecken:

"Kassel ist ein Unort. Die Atmosphäre ist herb wie das Bier, die Menschen sind grob und ungeschlacht wie die Nachkriegsbauten, nur dass die Bauten menschlicher wirken. (...) Noch heute ist Kassel die einzige Stadt der DDR, die im Westen liegt."

Das klingt schon sehr schön und trifft es auch ziemlich gut, doch hat Forster bereits 1781 in seiner Charakterisierung Kassels, wo er seine Zeit als Professor am landgräflichen Carolinum zubrachte, mit Blick auf die Gegenwart visionäre Kräfte offenbart:

"Es ist kein Ort auf der runden Erde, der soviel Armuth und splendida miseria in sich fasst als Cassel. Alles (...) stirbt hier bettelarm, hinterlässt Schulden, und Wittwen und Kinder im äussersten Elend; Ausser der sogenannten preussischen Clique im Ministerio (...) hat hier kein Mensch Geld, sondern alles leidet Noth, im wörtlichen Verstande. (...) Ich besuche keinen Menschen mehr, damit ich nicht besucht werde: ich folge hierinn dem Beyspiel aller übrigen Einwohner, die blos einmal im Kreise ihrer Familie leben müssen. – Und hoffe demnächst einmal auf meine Erlösung."

Diese folgt nach knapp sechs Jahren in der nordhessischen Provinz auf dem Fusse und führt ihn nach Wilna, wo aber alles noch viel schlimmer ist:

"Das Volk ist nunmehr wirklich durch die langgewohnte Sklaverei zu einem Grad der Thierheit und Fühllosigkeit, der unbeschreiblichsten Faulheit und stockdummen Unwissenheit herabgesunken, von welchem es vielleicht in einem Jahrhundert nicht wieder zur gleichen Stufe mit anderm europäischen Pöbel hinaufsteigen würde..."

Dass dieses Sam-der-Adler-Tum bei Forster wohl allumfassend angelegt war, wird in seiner Skizze über Berlin deutlich, das er auf der Durchreise kennen lernte:

"Berlin ist gewis eine der schönsten Städte in Europa. Aber die Einwohner? (...) Prasserei, ich mögte fast sagen Gefrässigkeit. ... An das schöne Geschlecht mag ich dort garnicht denken. War es je irgendwo allgemein verderbt, so ists in Berlin. ... wo garnichts gedacht, und ausser der gröbsten Wollust, garnichts gefühlt wird."

Dennoch hat es für Forster posthum in Kassel zur Benennung einer Strasse und in Berlin-Lichtenberg zur Benennung einer Oberstufenschule gereicht. Deren Homepage informiert darüber, dass aufgrund der demografischen Entwicklung ab 2008 ein Zusammenwachsen mit dem Immanuel-Kant-Gymnasium geplant ist. Forster hätte auch dies nicht gefallen, wie seine Auslassungen über Kant aus dem Jahr 1786 nahe legen:

"Wie ich sie hasse, diese Studierzimmergelehrten, diese Weltweisen hinterm Ofen, welche nie über ihr Städtchen hinausgekommen sind und trotzdem alles besser wissen, diese metaphysischen Haarspalter und Wortklauber."

Dieser durchaus sympathische, sich durchs Spätwerk ziehende Grundton lässt hoffen für seine im hochpreisigen Forsterband festgehaltenen Beschreibungen von Tahiti, Neuseeland, Neukaledonien, Tongatabu, Nomuka, Oster-, Gesellschafts- und Freundschaftsinseln.


06.12.2007 / 07:11 / Bruno Klang liest: Lerche (Dezsö Kosztolányi)

Prolog: Die harten und die weichen Bücher (0-0)


Das junge Paar war gerade weggegangen
Hugendubel hat eine neue Bucheinsortierstrategie entwickelt: Hardcover und Taschenbücher stehen nicht mehr säuberlich getrennt, sondern wohnen jetzt zusammen im Regal. Das ist zwar völlig egal, aber ich prangere das an. Vermutlich hat Roland Berger für ein paar Millionen Euro dieses Konzept erarbeitet, damit die Synergien zwischen Taschenbuch und Hardcover zur Optimierung des Kundenwertes gehoben werden können.


Das ist selbstverständlich alles Quatsch. Gerade im Gegenteil war es richtig, gottgefällig und gerecht, das Taschenbuchproletariat vom Leinenadel zu trennen. Wie oft bin ich kalt lächelnd an den zerlumpten Studenten vorbeimarschiert, die vor den Rorororeihen herumlungerten, dann mit federndem Schritt weiter, zu Klett-Cotta und Carl Hanser. Da war es auch viel stiller als in den anderen Abteilungen, die Buchhändler feiner angezogen, und machen wir uns nichts vor: die Kundschaft hatte einfach mehr Klasse.

Alles vorbei. Der neue Regalsozialismus wird uns höchstens ein downbreeding zu den lustigen Taschenbüchern einbringen. Und James Joyce neben Zoe Jenny. Wahrscheinlich verkaufen sie bald sogar an Ausländer oder Bücher mit Migrationshintergrund.

Der ganze Hugendubel? Nein! Dort hinten, da war ein einzelnes Regal, weit abseits der Kundenhorden, die auf der Suche nach billiger Esoterik, Pornografie und Kochbüchern über die Rolltreppen strömten. Ich hielt mich noch einen Moment abseits, denn ein junges, gutaussehendes Paar war vor dem Regal in Streit geraten. Er hielt einen grossformatigen, dunkelblauen Prachtband in Händen, doch die junge Dame rief: "Nein, Volker, du wartest jetzt bis Weihnachten!" und zog ihn davon. Herzig! dachte ich mir und trat näher.

Neben einigen senilen Inselbändchen und etwas Eichborn standen sie, fünf volle Reihen Manesse. Ich griff ins Regal.

0 von 299 Seiten

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05.12.2007 / 11:59 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)

Paul Ormerod: Why Most Things Fail (xi-xi)

Die mindestens drei Seiten, die ich am Sonntag unter Aufbringung aller Kräfte endlich ins Prokrastinationsbuch geschrieben habe, wurden schon am Montag unwiederbringlich gelöscht. Über die Details möchte ich nicht sprechen, zur Warnung nur so viel: Wenn man in Google Docs arbeitet und der Browser abstürzt, sollte man nicht "Restore Session" wählen. Zumindest Firefox (2.0.0.11, Mac) zieht sonst eine uralte Version aus dem Browsercache und überschreibt damit alle neueren Versionen auf dem Server. Man kann daraus lernen, dass Produktivität auch negative Werte annehmen kann, so dass Nichtstun im Vergleich schon wieder ganz gut aussieht. Sascha Lobos Twitterung entnehme ich derweil, dass auch er am Buch arbeitet, heimlich, womöglich in Word oder so. Vielleicht will er mich Ende Dezember mit 100 fertigen Seiten überraschen, ja, bestimmt ist es so.

Natürlich ist es beim Schreiben wie beim Programmieren so: Wenn man aus Blödheit alles löscht und von vorn anfangen muss, wird die zweite Version besser als die erste. Im Hinblick darauf, dass der 31. Dezember mir schon sehr heiss in den Nacken atmet, hätte ich aber in diesem Fall eine Hauptsache fertige Version gleich welcher Qualität vorgezogen. Es muss deshalb heute etwas schneller gehen, statt der ersten 20 Seiten von "Why Most Things Fail" lese ich nur den ersten Absatz.

"Failure is all around us. Failure is pervasive. Failure is everywhere, across time, across place and across different aspects in life. Ninety-nine point nine nine percent of all biological species which have ever existed are now extinct. Failure in this context is measured over hundreds of millions of years. On a dramatically shorter timescale, more than 10 percent of all the companies in America disappear each year. Large and small, from corporate giants to the tiniest one-person business, they fail."

Mehr muss ich heute nicht wissen. Existieren ist schon ein Erfolg. Dass die Textmenge nicht weiter abnimmt, ist schon ein Erfolg. Nehmt das, 99,99 Prozent aller Arten!

Prokrastinationsbuch: 15 von 200 Seiten geschrieben.


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