16.06.2010 / 09:55 / Monika Scheele Knight liest: Klagenfurttexte

Altes Westdeutschland

Wir haben: einen kurzen Stalking-Fall (Lutz verfolgt Monika), noch einen kurzen Stalking-Fall (Frau Hoffmann und der fremde Mann), Impressionen aus einem Zug ("Und der Zug fährt schnell, viel zu schnell, er fährt hinein in die Nacht und reisst die Fahrgäste in seinem Innersten mit sich fort"), Herrn Meier, der ein Preisausschreiben gewinnt, Herrn Robinson, der an einer Lähmung ungeklärter Ursache stirbt, Hannah, die die Scheidung von Martin mit Hilfe von Freundin Claudia verkraftet, die Schwestern Marie und Silvie, die gemeinsam zur Kur fahren ("Maries Augen funkelten freudig") und in der ersten Geschichte den längsten der Stalking-Fälle, eine alternde Jungfer, die einem Kind nachstellt und das verborgene Talent dieses – wie sich herausstellt – zutiefst einsamen Kindes entdeckt, dessen Mutter den ganzen Tag arbeitet.

'Unfähige, weil arbeitende Mütter' sind nun wirklich ein Topos, den die Welt nicht braucht. Das ist so reaktionär: die böse Mutter geht arbeiten, das Kind vereinsamt und stürzt am Ende aus dem Fenster. Wenn Frauen so über Frauen schreiben, dann brauchen sie keine anderen Feinde mehr. Diese Erzählung deutet allerdings auf ein Problem hin: die häufig mangelnde Qualität der Texte von Frauen im Bewerb (Ausnahme: Kathrin Passig), ein Problem nicht nur im deutschsprachigen Raum, ich übersetze mal kurz, was Jessa Crispin mit Blick auf den Orange Prize in ihrer neuesten Smart-Set-Kolumne Plotting Along schrieb:

"Es hat bisher nur zwei Generationen von Frauen gegeben, die mit eingeschränkten Barrieren aufgewachsen sind, und ich sage bewusst 'mit eingeschränkten Barrieren' und nicht 'ohne Barrieren'. Zwei Generationen von Frauen, die ihre Fruchtbarkeit kontrollieren konnten, arbeiten, ein hohes Bildungsniveau erreichen, tatsächlich ihr Leben planen und gestalten. Natürlich gab es immer schon Ausnahmen, aber finanzielle Abhängigkeit, Angst vor Vergeltung und sozialer Ausgrenzung sowie ein fehlendes Unterstützungssystem erlaubten nur den ganz mutigen und konfrontativen Frauen ein unabhängiges Leben, oder man musste eben einfach nur Glück gehabt haben. Darum gibt es Romane von Edith Wharton, damit wir das verstehen."

"Weil Frauen also wenige Vorfahren haben, an denen sich sie orientieren könnten, sind sie immer noch dabei herauszufinden, wie sie ihr Leben gestalten sollen, was sie am glücklichsten macht, ob sie sich am traditionellen Weg der Männer orientieren sollen oder ob es andere Wege des Lebens für sie gibt. Schriftstellerinnen sind auf der Suche nach dem Platz, den eine Frau in der Welt einnehmen kann, und Leserinnen kaufen aus genau diesem Grund ihre Bücher. [...] Es gibt in der Fiktion immer noch grosse Lücken weiblicher Erfahrung zu füllen. Das kann Schriftstellerinnen eine Inspiration sein, wie man zum Beispiel an 'The Room and the Chair' von Lorraine Adams sieht. Der Roman ist voll von aggressiven, verrückten, nuttigen, heldenhaften, unterdrückten weiblichen Jagdfliegerinnen, Reporterinnen, Ehefrauen und minderjährigen Prostituierten."

Lorraine Adams mit ihren diversen weiblichen Charakteren ist heute immer noch eher eine Ausnahme, in den Romanen und Texten von Frauen finden sich zu grossen Teilen traditionelle Rollenbilder, oder noch schlimmer, wie in diesem Erzählband von Iris Schmidt in der ersten Erzählung "Der Junge mit den schwarzen Augen": wenn die Tradition gebrochen wird, indem die Mutter arbeiten geht, wird sie prompt dafür bestraft und das Kind stirbt.

Die Texte in dem Erzählband haben alle etwas sehr Didaktisches, da liegt man beim Lesen plötzlich wieder in den Achtzigern im Garten der Eltern und muss Peter Bichsel für den Deutschunterricht lesen, nur dass es schlechter als Peter Bichsel ist, phlegmatisch und trist wie Bichsel, aber dabei noch so bedeutungsschwanger und moralisierend. Zugute halten kann man den Erzählungen nur, dass sie ein wahrer Jungbrunnen sind, indem sie einen so intensiv zurücktragen in eine verlorene Zeit. (Aber will man das?)

Wenn man von den letzten zwanzig Jahren spricht, dann gewöhnlich von der Veränderung des Ostens, das liegt natürlich auch nahe, aber wenn man diesen Erzählband liest, wird einem bewusst, dass sich auch der Westen sehr verändert hat: diese Bundesrepublik, in der wir in den Siebzigern und Achtzigern im Westen gross geworden sind, die gibt es auch nicht mehr. Das Verstörende an dem Erzählband ist nur, dass er 1997 erschienen ist und nicht 1987 oder 1977. Erstaunlich, wie sehr die Erzählungen sieben Jahre nach der Wiedervereinigung noch "alte Bundesrepublik Westdeutschland" atmen. Dreizehn Jahre später darf man hoffentlich auf etwas anderes beim Bewerb hoffen (es war das einzige Buch, das die AGB von Iris Schmidt hatte).

Verena Rossbacher und Iris Schmidt sind ein denkbar grösster Gegensatz. Mir war das eine zu albern und das andere zu altbacken, vielleicht auch ein Indiz für das, was Jessa schreibt: Frauen sind noch auf der Suche.

Offene Frage: Im Katalog der Amerika-Gedenk-Bibliothek, in der ich meine zehn vorbereitenden Bachmannbücher ausgeliehen habe, finden sich unter Iris Schmidt auch die Bücher "Kräuter, Gewürze und Heilpflanzen" und das "Lexikon der Heilpflanzen": Ob das dieselbe Iris Schmidt ist?

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