23.11.2007 / 13:17 / André Fromme liest: Esra (Maxim Biller)

Hilferufe aus dem Metaraum (9-28)


Kakteen bei Nacht. Foto: selbst verwackelt
Herrje, das hatte ich mir spassiger vorgestellt. Naja, jedenfalls weniger anstrengend.

Doch der Reihe nach.

Bekannt ist, dass dem Ich-Erzähler im Laufe des Buches eine Beziehung in die Brüche geht. So weit, so unspektakulär. Bekannt ist auch, dass Ich-Erzähler und Autor in diesem Fall weitestgehend deckungsgleich sind und dass auch die restlichen Hauptpersonen de facto deckungsgleiche Entsprechungen im echten Leben haben.

Die Neugierstimulanz auf meiner Seite: Kommt man als Leser darüber hinweg, dass man das weiss? Man kommt beim Lesen ja einerseits über so vieles hinweg. Von allüberall schallen einem aus den Zeitungen und dem Freundeskreis irgendwelche Meinungen entgegen – und doch hindert einen eine positive Rezension meist nicht daran, ein Buch trotzdem eher egal oder blöd zu finden (bzw. umgekehrt). Andererseits – es gibt auch Wissen, das man nicht plötzlich zu Unwissen machen kann. Klassisches Beispiel Christkind (bzw. Weihnachtsmann, je nach Region und Familientradition): wurde einem einmal eröffnet, dass es das in Wirklichkeit gar nicht gibt – jedenfalls nicht als geschenkebringendes Wesen, ich werde mich hüten, hier eine religiöse Debatte loszutreten – gibt es kein Zurück mehr und auch Nikolaus und Osterhase beleuchtet man danach etwas kritischer.

Bei »Esra« ist es ähnlich, aber mit umgekehrten Vorzeichen: Während man beim Christkind entdecken musste, dass etwas vermeintlich Echtes nur fiktiv ist, so ahnt man bei Esra, dass das vermeintlich Fiktive echt ist.

Beispiel? Gern. Erster Satz des Buchs: »[Damals] schien es so als würden Esra und ich es vielleicht doch noch schaffen.« Dieser Satz ist nicht deshalb gekürzt, weil ich zu faul bin, ein paar Worte mehr zu tippen, sondern, weil er direkt mit einer Passage beginnt, die Esras Mutter recht genau beschreibt. Das setzt sich in den nächsten Sätzen so fort (um eine Identifizierung mittels Google ja nicht zu schwer zu machen), garniert mit zahlreichen direkten und indirekten Hinweisen darauf, was der Ich-Erzähler von ihr hält. Richtig: nicht so furchtbar viel.

So geht es dann munter weiter. Man kommt gar nicht dazu, sich wirklich mit der Handlung zu beschäftigen, weil man die ganze Zeit mit mindestens der ersten Metaebene zugange ist (»Soso, deshalb fühlten die echte Esra und ihre Mutter sich etwas zu erkennbar beschrieben.«). Ziemlich schnell spannt sich eine weitere Metaebene vor einem auf: Esra verbietet dem Ich-Erzähler, über sie zu schreiben. Was diesen wiederum zu Reflexionen darüber anregt, dass man ihm ja mit dem Schreiben über bestimmte Dinge auch direkt das Atmen verbieten könne. Eine halbzerknitterte zusätzliche Metaebene flicht Biller ausserdem noch ein, denn durch all das Philosophieren über Schreibverbot und Atemnot landet er schon auf Seite 17 an einem Punkt, an dem er es für eine gute Idee hält, sich quasijuristischen Beistand bei Thomas Mann zu holen. Der habe sich schliesslich mit seinem ersten Roman gegen den Widerstand aus der Lübecker Elite (die sich damals ein bisschen zu genau getroffen fühlte) durchgesetzt und somit ebenfalls für die »Freiheit der Literatur« gekämpft, wie Biller ganz unbescheiden schreibt. Dumeinegüte.

Da hat man ja nicht den Ansatz einer Chance, mal kurz zu vergessen, dass im Fiktiven das Echte steckt. Man bekommt's – einschliesslich Verteidigungsargumentation – permanent auf die, in meinem Fall erkältete und vielleicht auch deshalb etwas empfindliche, Nase gebunden.

Ich habe im Moment ein bisschen Angst vor den nächsten Seiten.

Bei der Lektüre gehört und für empfehlenswert befunden:
Chow Chow – Colours & Lines (2007)
Soul Coughing – El Oso (1998)

Bei der Lektüre gehört und für nur mässig interessant befunden:
Dieses Jahr hat's beim Domino Day nicht geklappt, den Domino Day-eigenen Dominostein-Umfall-Weltrekord zu brechen.

28 von 213 Seiten

André Fromme / Dauerhafter Link / Buch kaufen und selber lesen