02.12.2007 / 01:54 / Aleks Scholz liest: The Road to Reality (Roger Penrose)

Planck nach 300 SeitenSymmetriegruppen also. Knapp 50 Seiten voll mit Symmetriegruppen; Rotationen, Spiegelungen, Matrizen, Determinanten, Eigenwerte, die komplette Lineare Algebra, Lie-Gruppen, Tensoren, orthogonale Gruppen, unitäre Gruppen, symplektische Gruppen, es hört nicht mehr auf. Das 13. Kapitel liest sich wie ein Zoo, in dem man die normalen Tiere (Löwen, Elefanten, Meerschweinchen) weggelassen und stattdessen nur Würgeschlangen, Schnabeltiere, Flughunde und Quastenflosser eingesperrt hat, also eigentlich ganz gut. Mehrere Stunden läuft man durchs Gelände und fragt entspannt: Warum?
Warum? Diese Frage steht mittlerweile auch wie ein dröhnendes Kampfflugzeug über meinem Unterfangen, die Wirklichkeit zu erklären. Warum, fragt sich der Leser, also nicht ich, sondern der Meta-Leser, warum haben wir diesem Menschen, also mir, jahrelang Steuergelder in den Hintern geblasen, wenn er uns dann nicht mal symplektische Gruppen erklären kann? Die Antwort ist relativ einfach: Für das Erklären der Wirklichkeit ist Roger Penrose zuständig, der es allerdings auch nicht schafft. Zum Glück wird er von englischen Steuergeldern bezahlt.
Ich dagegen bin lediglich dafür zuständig, mir die Wirklichkeit anzusehen. Davon wiederum hat Penrose hoffentlich keine Ahnung. Ansehen, das ist das Einzige, was ich kann (neben Treppensteigen), und wer glaubt, dass Ansehen nicht sehr schwer ist und wohl kaum zehn Jahre Studium und Promotion rechtfertigt, der soll bitte mal versuchen, ganz ohne Ausbildung Staubscheiben um Planemos anzusehen. Von mir dagegen zu verlangen, ich müsste mich mit symplektischen Gruppen und Lie-Algebra auskennen, das ist ungefähr so, als würde man von einem Metzger erwarten, dass er sich mit Veterinärmedizin auskennt.
Es ist doch so: Ein Grossteil des Universums funktioniert sehr gut ohne hyperkomplexe Zahlen. Ja, viele sind sogar der Ansicht, dass schon komplexe Zahlen nicht weiter wichtig sind, solange man nicht zu genau hinsieht, und wer macht das schon. Das komplizierteste Naturgesetz, das ich in den letzten Jahren verwendet habe, ist das Plancksche Strahlungsgesetz, vorgestellt im Jahr 1900. Alles, was danach kam, das gesamte 20. Jahrhundert der Physik, ist mir ein Rätsel. Ich sage das zwar mit Bedauern, aber ohne Schuldgefühl. Der zweite Weltkrieg zum Beispiel war zweifellos kein Kinderspiel, obwohl er (von zwei Ausnahmen abgesehen) vollständig nach den Regeln von Newton funktioniert hat; wirft man was runter, geht es kaputt, fertig.
Übermorgen fliege ich zum sechsten Mal innerhalb von vier Jahren nach Chile, allein zu dem Zweck, die Wirklichkeit anzusehen, bzw. einen sehr kleinen Teil von ihr, über den mir nicht erlaubt ist zu sprechen. Wegen der Sicherheitsbestimmungen im Flugverkehr darf Penrose nicht ins Handgepäck, sondern muss eingecheckt werden. Bis ich ihn wiederhabe, werde ich irgendwelche geistlosen Unterhaltungsbücher lesen, wobei es sich gut trifft, dass ich ohnehin vorhatte, die folgenden Kapitel 14 bis 16 komplett zu ignorieren. Sie handeln von der Unendlichkeit und von Faserbündeln, ein Thema, das in der Wikipedia mit einer Haarbürste illustriert wird. Ich verstehe weder von der Unendlichkeit noch von Haarbürsten mehr als ein durchschnittliches Hausschwein, genau der richtige Zeitpunkt also, um in ein anderes Buch zu emigrieren. Ich melde mich dann von dort aus.
Aleks Scholz / Dauerhafter Link / Kommentare (7) / Buch kaufen und selber lesen