11.05.2008 / 16:14 / André Fromme liest: Bücher (von Autoren)

Die Hoffnung stirbt zuletzt (0-266)

Vielen wird es aufgefallen sein: Deutschland ist seit Tagen sonnendurchflutet. Damit ergibt sich ein Problem – wie verhindern, dass man zu gut drauf kommt? Da blühen schliesslich die verwegenen Ideen: Blaumachen, WM in einem EM-Jahr feiern, Grillen, Nachbarn mit dem Gartenschlauch bespritzen usw. Das gilt es zu verhindern. Beliebtes Mittel gegen die erste Sonneneuphorie ist der erste Sonnenbrand der Saison. Entgeht man diesem – ob durch Glück oder rechtzeitige Präventivmassnahmen – muss man zu anderen Mitteln greifen. Traditionelle griechische Musik gilt in unseren Breitengraden beispielweise nicht als ausgesprochener Stimmungsaufheller. Ersatzweise genügt der diesjährige Preisträger der Leipziger Buchmesse, Clemens Meyers »Die Nacht, die Lichter«. Perfekt geeignet, einen auf dem Boden zu halten, wenn Wetter oder sonstige Lebensumstände zum Fröhlichsein anregen. Umgekehrt gilt auch, dass ich mir nicht vorstellen kann, dieses Buch zu lesen wenn ich auch nur mittelmässig (geschweige denn mies) drauf bin.

Meyer widmet sich in diesen Erzählungen den normalerweise weniger stark ausgeleuchteten Mitgliedern der Gesellschaft – dem Grossmarkt-Gabelstaplerfahrer, dem einsamen Hundebesitzer und Hartz IV-Empfänger, dem Knastbruder auf Hafturlaub und anderen. In »Die Nacht, die Lichter« sind sie obendrein ausgesprochene Einzelgänger. Gespräche beschränken sich aufs Nötigste, Freundschaften finden nicht statt oder sind lange zerbrochen. Neue sind vielleicht in Entwicklung, aber man ahnt schon, dass das letztlich doch wieder nichts geben wird. Die Protagonisten kennen das Schicksal persönlich. Es ist gross, haarig und tritt einem gern dahin, wo's besonders weh tut. Nicht unbedingt kräftig. Aber ausdauernd, immer wieder. Die Welt ist kalt, auch im Sommer, und diese Erkenntnis führt zu einigen funkelnden Passagen.

»Hab das mit deiner Frau gehört«, sagte Schäfer, »tut mir leid.«
»Danke. Is schon 'ne Ewigkeit her. Ich hab 'n Hund jetzt. Ist nicht dasselbe, aber ich bin nie allein.«
»Tja«, sagte Schäfer, »so 'n Tier ist schon was Feines.«

»Hast eine kleine Reise gemacht wegen mir, stimmt's«, sagte sie und rückte näher an mich ran. »War nicht allzu weit«, sagte ich. Ich nahm mein Glas, roch nach »Goldbrand«, schmeckte auch so.

Da ist vieles nicht nur sehr genau beobachtet sondern auch sehr fein notiert. Und doch trifft Realismus einerseits auf eine merkwürdige Kälte der Figuren andererseits. So dreckig es ihnen gehen mag, nur für die wenigsten entwickele ich Sympathie. Vielleicht, weil ich nur zwei oder drei Geschichten die zart angedeuteten Sehnsüchte tatsächlich abnehme. Vielleicht, weil es für meinen Geschmack in den anderen Geschichten einfach zu trostlos zugeht.

Dass alles kein gutes Ende nehmen wird, ahnt man zum Beispiel auch in Denis Johnsons »Already Dead: A California Gothic« (Deutsch: »Schon tot«), nicht nur wegen des Buchtitels. Und doch – bei Johnson hoffe ich, dass alles vielleicht doch noch anders kommen möge. Seine Figuren bewahren sich immer einen letzten Rest der Chuzpe und des Humors, sich auch nach dem x-ten Tritt in die Weichteile durch Gevatter Schicksal wenigstens zu denken, dass das Schicksal eigentlich ein dummer Feigling ist. In »Die Nacht, die Lichter« sind jedoch fast alle ergeben gegenüber dem Schicksal, haben die Macht des Stärkeren vollends eingesehen, versuchen sich möglichst geduckt zu halten und wagen kaum noch zu denken, dass sie theoretisch auch mal Glück haben könnten. Glauben sie dies doch, ruft der Autor mich, der ich ja mithoffen könnte, unmissverständlich zur Ordnung. Schade, dass das so vorhersehbar ist.

Romantisierung der beschriebenen Verhältnisse kann man Meyer offensichtlich nicht vorwerfen. Andererseits fühle ich bei der Lektüre nur selten mit. Ich bleibe seltsam ausgeschlossen aus der Gefühls- und Erlebniswelt der Drogendealer, Gefängnisinsassen und Kneipengänger. Doch eventuell liegt da ein Missverständnis vor und Meyer will tatsächlich »nur« beschreiben. Vielleicht geht er davon aus, dass der Leser, sofern er nicht denselben Hintergrund wie die Figuren in den Geschichten hat, sowieso nie begreifen können wird, mit wie wenig Hoffnung einige Menschen auskommen müssen.


P.S.: An diese Stelle erlaube ich mir eine Beschwerde über Volker Weidermann, der in seiner von mir arglos konsumierten WatchBerlin-Videokolumne book.book tatsächlich nicht nur den Ausgang der Story »Von Hunden und Pferden« verriet, sondern es darüber hinaus für nötig hielt, ihren letzten – absolut selbsterklärenden – Satz zu erklären.

André Fromme / Dauerhafter Link


10.05.2008 / 02:28 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Steiner wird das in Ordnung bringen (127-133)


Junger ontologischer Gottesbeweis, noch zutraulich. (Bild: scottobear, Lizenz.)
Gottesbeweise, Gottesbeweise, es gibt kaum bejammernswertere Kreaturen als Gottesbeweise. Sobald einer von ihnen das Licht der Welt erblickt, wird er schon von Theologen und Aufklärern, von Pietisten und Atheisten gejagt und geschlachtet. Die Gefilde der Metaphysik sind voll von zerhackten Gottesbeweisen, ihre Äcker sind getränkt von disputationsreichem Blut und in ihren Flüssen treiben grässlich zugerichtete Syllogismen. Doch Gottesbeweise sind eine langlebige und zähe Spezies, in sicheren Enklaven lecken sie ihre Wunden und entrinnen wie durch Fügung stets ihrem Untergang. Unser gerettetes cartesisches Exemplar wollen wir nun behutsam und wohlwollend weiter studieren:

Seine bisherigen Fleischwunden konnten verarztet werden1, doch rein zufällig habe ich ein weitaus misslicheres Gebrechen dieses Gottesbeweises entdeckt: Descartes hat – Potztausend! – einen voluntaristischen Gottesbegriff, was uns erst weit hinten in seinen Antworten auf die Einwände erzählt wird2 (man merkt es kaum, und ich kenne auch bis jetzt keinerlei Literatur über Descartes, die folgendes Problem behandelt): Dem voluntaristischen Gottesbegriff zufolge hat Gott die Gesetze der Logik in freiem Entschluss so festgelegt, wie sie gerade sind, weil er es eben so will. Er hätte auch völlig frei irgendwelche anderen Gesetze verfügen können, wenn seine Laune eine andere gewesen wäre – auch wenn wir Menschen uns eine andere Logik gar nicht vorstellen können. Im krassen Gegensatz dazu steht der intellektualistische Gottesbegriff von Thomas v. Aquin, für welchen die Gesetze der Logik nicht aus dem Willen Gottes, sondern aus dessen Verstand erfliessen: Die Logik ist in der Wesensstruktur Gottes verankert, und Gott kann nichts gegen seine eigene Struktur verhängen. Die Gesetze der Logik sind also von Ewigkeit her diese und keine anderen. Descartes sagt zwar, dass auch für ihn die Gesetze der Logik ewig gültig bleiben, weil Gott eben in Ewigkeit treu ist und sich nicht plötzlich aus Jux anders entscheidet – aber das Ergebnis wäre dennoch fatal: Woher wissen wir, dass diese von Gott ewig gleich belassenen, aber völlig willkürlich verhängten Logikprinzipien richtig sind, d.h. ob sie die Wirklichkeit treffen? Gott existiert dann zwar, aber unser Gottesbeweis könnte falsch sein, wenn die Logik falsch ist – trotz zufälligerweise richtiger Schlussfolgerung. Was aber, wenn eine andere Schlussfolgerung rauskäme – d.h. was, wenn Gott existiert, er aber eine Logik verfügt hat, die beweisen lässt, dass er nicht existiert? Alle Wahrheitserkenntnis wäre dahin. Dann stünden sich die Vernunft und Offenbarung in scheusslichem Gegensatz gegenüber.3

Was nun? – Ich erlaube mir folgende Arznei für den Gottesbeweis: Descartes ist, mit Verlaub, in diesem Punkt ein Idiot. Ich lese keinen gewichtigen Grund, wieso Descartes in seinem System einen voluntaristischen Gottesbegriff benötigt. Wenn mir jemand das Gegenteil erklären kann, bitte. Aber okay, zugestanden, "Descartes ist ein Idiot" ist kein sonderlich gutes Argument. Für jeden Autor gilt das principium benevolentiae: Suche in seinem Werk nach allen, aber auch wirklich allen Aspekten, die sein Werk retten könnten. Und auch Gottesbeweise sind meist besser als ihre Entwickler.

Also, gibt es vielleicht doch noch irgendetwas in Descartes' Gedankengang, was allen Einwänden standhält? Die bisherigen Einwände zielten allesamt ab auf die formale Logik des Beweises: Auf dem Gebiet der Formallogik ist folglich nicht gut Kirschen essen, wie sich gezeigt hat. Gibt es aber ein Argument, das sich der Formallogik enzieht, das dabei dennoch nicht gleich unvernünftig und falsch ist? – Die Chancen stehen gut, denn so etwas haben wir bereits schon einmal gesehen in Descartes' Meditationen: Die absolut wahre Erkenntnis, dass das eigene Ich existiert. Diese Erkenntnis war eine unmittelbare wahre Einsicht, die nicht weiter vermittelt ist durch irgendwelche dazwischengeschalteten logischen Beweise und Ableitungen. – Nur auf dieser Ebene werden wir weiterkommen. Es ist, um mit Kant und Joseph Maréchal zu sprechen, die transzendentale Ebene: Die Einsicht in die unmittelbaren Möglichkeitsbedingungen unseres Denkens schlechthin.

Wir tauchen jetzt ganz tief ein in die transzendentalen Vorbedingungen unseres gesamten Geistes überhaupt. Ein Grund, an dieser Stelle ehrfürchtig zu verweilen. Und die Gummistiefel für den Abstieg in die Grotte zu suchen.

______

1 Die klassischen Angriffe auf die III. Meditation: Bestreitung der Prämissen des Gottesbeweises (ein langweiliges Geschäft), oder der Zirkelvorwurf: Der Genius malignus heble auch die Logik aus, also gehe der Beweis nicht (haben wir letztes mal abgewehrt).

2 Vgl. in der Meinerausgabe, Antwort auf die 6. Einwände, Artikel 6 und 8, S. 374-375, S. 377-378. Das Buch von Hélène Bouchilloux mit dem Titel "La question de la liberté chez Descartes" führt noch Stellen ausserhalb der Meditationen an, welche ich mir aber noch nicht angesehen habe: Brief an P. Mersenne vom 15. April, 6. Mai und 27. Mai 1630; Brief an P. Mesland vom 2. Mai 1644 und Gespräch mit Burmann.

3 Witzigerweise folgt hieraus: Wenn alle Logik und Wissenschaft unstreitig beweisen würden, dass es keinen Gott geben kann, wäre damit nichts über die tatsächliche Existenz Gottes ausgesagt. Ein voluntaristischer Gott kann immer noch hinter der von ihm derart verhängten trügerischen Logik sitzen und uns auslachen. (Wäre er dann aber nicht identisch mit dem genius malignus, dem fiesen Betrügergott, dessen Nichtexistenz der cartesische Gottesbeweis gerade zeigen soll? Nicht zwingend, denn eine alte theologische These besagt, dass Gott uns zu unserem Heil auch bisweilen täuscht – die Wahrheit ist nicht immer heilsam. Descartes eigenes Programm wäre damit – wenn es keinen anderen Ausweg gibt – dennoch am Ende.)

133 von 229 Seiten

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04.05.2008 / 05:17 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Scheissegal (121-127)


Logisch und moralisch am Ende: Das Böse, a.k.a. genius malignus (Bild: novasonicmods)
Wer ein bisschen Philosophiegeschichte kennt, dem ist sicher die berühmte Skepsiswiderlegung bekannt. Ein radikaler Skeptiker stellt solch sympathische Behauptungen auf wie: "Es gibt keine Wahrheit", "man kann die Wirklichkeit nicht erkennen", oder "es könnte ja auch alles ganz anders sein". Auf inhaltlicher Ebene sind diese Aussagen problemlos und schick und finden in allen fortschrittlichen Kreisen stets guten Anklang. Das Problem dabei ist aber: Zwar in sich nicht widersprüchlich, widersprechen sie sich doch im Vollzug der Behauptung: Denn indem ich behaupte, es gebe keine Wahrheit, erhebe ich mit dieser Behauptung Anspruch auf Wahrheit. Ich will ja gerade sagen: "Es gibt keine Wahrheit, so ist es wirklich und nicht anders." Ich setze also das voraus, was ich bestreite. Damit hat die ganze logische Tragfähigkeit meiner Skepsis Schiffbruch erlitten.

Aber dadurch ist die radikale Skepsis freilich noch nicht erledigt, auch wenn viele rationalistische Dogmatiker das dann gerne so sähen. Denn als Skeptiker kann ich angesichts obiger Widerlegung immer noch sagen: Mir doch egal. Keine Sau kann mich zwingen, logische Widerlegungen zu akzeptieren. Ich behaupte weiterhin, was ich will. Wenn man rational völlig inkonsequent ist, kann man sehrwohl radikaler Skeptiker bleiben, denn rationale Konsequenz ist nicht erzwingbar (und das ist ein schöner negativer Beweis für die Existenz der menschlichen Freiheit: Selbst wenn irgendwelche Hirnforscher eines Tages beweisen sollten, dass es sowas wie Freiheit nicht geben kann: Niemand muss den Beweis akzeptieren, wir können zumindest innerlich aus aller Logik aussteigen und uns davon freimachen – die Aussage "mir doch wurscht" ist jedesmal ein transzendentaler Freiheitsbeweis. Eine Welt, in der logische Beweise von allen akzeptiert werden müssen, wäre eine totalitäre Welt: Nur durch Gehirnwäsche kann man jemanden dazu bringen, gegen seinen freien Willen die Logik zu akzeptieren1).

Echter Stress ergibt sich aber dann, wenn man Vernunft und radikale Skepsis zusammenhalten und sich vor rational denkenden Menschen nicht zum Affen machen will. Da kann ich nicht mehr so einfach sagen: Ich ziehe alles in Zweifel, auch die Spielregeln der Vernunft, und benehme mich logisch völlig daneben.

Genau vor diesem Problem steht Descartes, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Wenn die radikale Skepsis gilt, wenn all unsere Wahrheiten dahin sind, wenn dieser grausam infernalische genius malignus uns die Existenz der ganzen Welt, die Existenz unseres eigenen Körpers und die Wahrheit aller unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse und Theorien vortäuscht und uns gänzlich lächerlich macht – eines darf er nicht können: Die Gesetze der Logik aushebeln. Denn dann torpediert er die Gründe seiner Postulierung: Wenn es keinen rational-logischen Grund mehr gibt, einen genius malignus anzunehmen, kann mir dieses Postulat ja auch wirklich herzlich egal sein, wozu sollte ich diese Annahme dann noch machen? Dann kann ich fürderhin von der Wahrheit all der angezweifelten Erkenntnisse überzeugt bleiben und sagen: Mir doch völlig piepe!

Missliches Fazit: Wenn der genius malignus auch die Gesetze der Logik ausschaltet, dann schafft er seine eigene Voraussetzung ab. Wenn er aber die Gesetze der Logik nicht aushebelt, dann ist Descartes Gottesbeweis gültig und der genius malignus hat ausgedient. – Also rundum eine arme Sau, dieser genius malignus. Egal, was er macht: Er geht dabei drauf. Mit anderen Worten: Die Annahme eines genius malignus ist nicht zu halten.

Der Kopf des Bösen ist gefallen, hart und kalt. An jeder Stelle, wo das abgehauene Haupt aufschlägt, wird die Quelle einer neuen Descartes-Meditation enspringen.

______

1 Vernünftig-logische Erkenntnis und Einsicht setzt sogar immer voraus, dass ich mich frei auf die Vernunft einlasse. Man kann nicht zu vernünftiger Einsicht gezwungen werden, jeder muss von selbst einsehen und dem auch zustimmen. Allerdings ist dieses Einstimmen in die Vernunft kein der Vernunft vorgängiger Akt reiner Willkür (wie der Dezisionismus meint), sondern diese freie Entscheidung ist selbst wieder vernünftig: Das Akzeptieren von logischen Argumenten ist bereits der Grundakt der Vernunft selbst. Freiheit und Vernunft gehören untrennbar zusammen.

127 von 229 Seiten

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03.05.2008 / 01:05 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Comeback (121-121)


Zwerg Nase ist wieder da.
Hallo. Hier geht die Descartes-Lektüre weiter. Bitte keine dummen Fragen stellen, warum sich der Descartesstrang plötzlich wieder in Bewegung setzt, wenn vor fast einem halben Jahr die Lektüre der Meditationes mit einem leisen Grunzen im stinkigen Schlick unfairer Kritik versank. Mir ist eben einfach danach, das Buch weiterzulesen. Warum-Fragen werden uns im Folgenden sowieso noch genug quälen.

Es wird so konzentriert weitergehen wie damals. D.h. wer lachen will, geht woanders hin. Ich verspreche: Es wird staubtrocken. Kehlen werden nur mit Korn benetzt. Das einzig Spannende wird das Thema selbst sein. Es geht hier um nichts Geringeres, als um die Frage nach der Wahrheit. Und die ist eine, nunja, ernste Sache. Hoffentlich.

Zunächst eine kurze Replik zu dem Bisherigen und ein Blick auf den Grund, weshalb die Lektüre damals endete:
1) Der Ausgangspunkt war: Gibt es unbezweifelbare Wahrheit?
2) Die Methode zur rationalen Erforschung dessen war rationale Skepsis, also keine Skepsis der Beliebigkeit, die einfach mal Dinge in Zweifel zieht, weil es ihr gerade so passt, sondern eine Skepis der Vernunft: Sie fragt nach hinreichenden Gründen für den Zweifel an vermeintlichen Wahrheiten – um etwas in Zweifel zu ziehen, muss man eine widerspruchsfrei denkbare Möglichkeit einer Ursache dafür angeben, dass wir uns in dem fraglichen Punkt täuschen.
3) Die Hypothese des genius malignus: Es ist möglich, dass es eine potente Ursache U1 gibt, die Grund dafür ist, dass wir uns entgegen allem Anschein in der Existenz der Aussenwelt und in den klaren und deutlichen wissenschaftlichen Theorien und logischen Schlüssen täuschen.1
4) Cogito, ergo sum: Es ist unbezweifelbar wahr, dass ich existiere, solange ich mich täusche, bzw. solange ich denke. U1 kann mich darin nicht täuschen.
5) Der Gottesbeweis: Damit die täuschende Ursache U1 ausgehebelt werden kann, muss die Existenz einer omnipotenten Ursache U2 bewiesen werden, der die Attribute der Wahrheitsttreue und Unfehlbarkeit zukommen: Gott. Also schritt Descartes in der III. Meditation zu einem Gottesbeweis. Die I.-III. Meditation haben also die Struktur einer reductio ad absurdum: Die Annahme der Existenz eines genius malignus wird durch den Erweis ihres kontradiktorischen Gegenteils (die Existenz Gottes) zum Widerspruch geführt.
6) Zirkelvorwurf: Der Gottesbeweis muss mit rationalen Mitteln bestritten werden, er ist ein klarer und deutlicher logischer Syllogismus. Aber alle logischen Schlüsse sind durch die Hypothese der Täuschungsursache U1 diskreditiert. Man kann auf sie nicht vertrauen. Wird dadurch nicht ein Gottesbeweis unmöglich?2 Wurde also ein Zirkelschluss begangen?

Na, wieder im Thema? Der Zirkelvorwurf brachte die Descarteslektüre zu ihrem fiesen Ende. Er ist ein schwerwiegender Vorwurf, auf den Descartes in seinen Antworten auf die Einwände leider nicht richtig eingeht. Aber ich denke, man kann diesen Vorwurf abschmettern. Darüber habe ich mir das letzte halbe Jahr Gedanken gemacht, nur darüber und über nichts anderes, und das wird im Folgenden gnadenlos durchgekaut werden. Ich freue mich auf Ihr ungehemmtes Interesse!

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1 Insbesondere wurde herausgestellt: Frei in der Luft hängende Wahrheit wissenschaftlicher Theorien, ein reines Gelten ohne existierende Dinge, auf die diese Theorien angewendet werden, ist sinnlos. Denn wenn sie den Grund ihres Geltens rein in sich selbst tragen, fragt sich, wieso sie überhaupt für irgendetwas gelten, d.h. wieso sie überhaupt wahr sein sollen. Wissenschaftliche Wahrheit muss Wahrheit von etwas sein, von Existierendem. Wahrheit und Wirklichkeit gehören untrennbar zusammen: Wahrheit ist das, was ist, "[...] quae ostendit id, quod est." (Augustinus: De vera religione, XXXVI, 66.)

2 Dieser Einwand wird im Wesentlichen von Antoine Arnauld in den Vierten Einwänden gegen die Meditationen vorgebracht: Er fragt, ob Descartes nicht "[...] einen Zirkelschluss gemacht hat, wenn er sagt 'es steht uns aus keinem anderen Grunde fest, dass das, was wir klar und deutlich erfassen, wahr ist, als dadurch, dass Gott ist'. Aber es kann uns nicht feststehen, dass Gott ist, es sei denn, dass es von uns klar und evident erfasst wird." (In der grünen Meiner-Ausgabe, S. 194.)

121 von 229 Seiten

Ruben Schneider / Dauerhafter Link / Kommentare (2) / Buch kaufen und selber lesen


16.04.2008 / 09:34 / Jochen Schmidt liest: Liebe als Passion (Niklas Luhmann)

Das Verlogene an einer Überschrift wäre doch, dass sie Verständnis suggeriert (49-56)


Die Laternen hatten sich auseinandergelebt
"Wie konnte, mit anderen Worten, die Synchronie der Selbstreferenz historisch diachronisiert, in ein Nacheinander der Entwicklung aufgelöst werden?"
Sieben Mal habe ich das Kapitel gelesen und sieben Mal war ich wie Asche. Je gewissenhafter man zu verstehen versucht, umso rätselhafter gibt sich der Text. Das geht mir sonst nur mit Frauen so. Wenn man dagegen die Seiten überfliegt, als seien sie Literatur, stellt sich manchmal das Gefühl ein, die komplizierte Sprache sei eigentlich eine besonders einfache Sprache. Aber dieses Gefühl lässt sich dann natürlich nicht in Worte fassen, es ist ja ein Gefühl, man muss es kennen. Ich glaube mittlerweile, in diesem Kapitel ist von drei Epochenschwerpunkten die Rede: Mittelalter, 17.Jahrhundert und Romantik.

Hauptanliegen der höfischen Liebe war es, nicht vulgär zu sein. Vulgär ist die direkte Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse, wie sie das Volk pflegt, von dem man sich als Adliger abheben will. Liebe wird durch besondere Verdienste erreicht (z.B. Männer in Blechhosen mit langen Stangen vom Pferd stossen), nicht durch Ehe.

In der 2. Hälfte des 17.Jh. ein Schwenk von Idealisierung zu Paradoxierung.

Um 1800 dann Reflexion von Autonomie bzw. Selbstreferenz, romantische Liebe.

In jedem Fall stellt sich die Frage, wodurch Liebe begründet wird. Sucht man sein Ideal, braucht man Kenntnis der Eigenschaften des Objekts. Huldigt man dem Paradox, rechtfertigt sich Liebe schon durch Imagination. Erkrankt man an der romantischen Liebe, "genügt für die Begründung die (unerklärliche) Tatsache, dass man liebt." Die Schönheit der Geliebten ist nicht mehr ein Grund, sondern eine Folge der Liebe.

In jedem Fall erzeugt der Medien-Code eine zum Menschen passende Anthropologie. Das System differenziert sich aus, und der Mensch erzählt sich schöne Geschichten, obwohl es um ihn gar nicht geht.

Komisch auch diese Inklusionserfordernisse, ganze Bevölkerungskreise erheben plötzlich Ansprüche auf Gefühle. "Einerseits muss Besonderes, muss Unwahrscheinliches ermöglicht werden, andererseits muss genau dies schliesslich für jedermann erreichbar sein." Ein Gefühl, das in jedem Menschen erzeugbar ist, kann eigentlich nur banal sein, H&M für Emotionen.

56 von 230 Seiten

Jochen Schmidt / Dauerhafter Link / Kommentare (1) / Buch kaufen und selber lesen


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