Scheissegal (121-127)


Logisch und moralisch am Ende: Das B´┐Żse, a.k.a. genius malignus (Bild: novasonicmods)
Wer ein bisschen Philosophiegeschichte kennt, dem ist sicher die ber´┐Żhmte Skepsiswiderlegung bekannt. Ein radikaler Skeptiker stellt solch sympathische Behauptungen auf wie: "Es gibt keine Wahrheit", "man kann die Wirklichkeit nicht erkennen", oder "es k´┐Żnnte ja auch alles ganz anders sein". Auf inhaltlicher Ebene sind diese Aussagen problemlos und schick und finden in allen fortschrittlichen Kreisen stets guten Anklang. Das Problem dabei ist aber: Zwar in sich nicht widerspr´┐Żchlich, widersprechen sie sich doch im Vollzug der Behauptung: Denn indem ich behaupte, es gebe keine Wahrheit, erhebe ich mit dieser Behauptung Anspruch auf Wahrheit. Ich will ja gerade sagen: "Es gibt keine Wahrheit, so ist es wirklich und nicht anders." Ich setze also das voraus, was ich bestreite. Damit hat die ganze logische Tragf´┐Żhigkeit meiner Skepsis Schiffbruch erlitten.

Aber dadurch ist die radikale Skepsis freilich noch nicht erledigt, auch wenn viele rationalistische Dogmatiker das dann gerne so s´┐Żhen. Denn als Skeptiker kann ich angesichts obiger Widerlegung immer noch sagen: Mir doch egal. Keine Sau kann mich zwingen, logische Widerlegungen zu akzeptieren. Ich behaupte weiterhin, was ich will. Wenn man rational v´┐Żllig inkonsequent ist, kann man sehrwohl radikaler Skeptiker bleiben, denn rationale Konsequenz ist nicht erzwingbar (und das ist ein sch´┐Żner negativer Beweis f´┐Żr die Existenz der menschlichen Freiheit: Selbst wenn irgendwelche Hirnforscher eines Tages beweisen sollten, dass es sowas wie Freiheit nicht geben kann: Niemand muss den Beweis akzeptieren, wir k´┐Żnnen zumindest innerlich aus aller Logik aussteigen und uns davon freimachen – die Aussage "mir doch wurscht" ist jedesmal ein transzendentaler Freiheitsbeweis. Eine Welt, in der logische Beweise von allen akzeptiert werden m´┐Żssen, w´┐Żre eine totalit´┐Żre Welt: Nur durch Gehirnw´┐Żsche kann man jemanden dazu bringen, gegen seinen freien Willen die Logik zu akzeptieren1).

Echter Stress ergibt sich aber dann, wenn man Vernunft und radikale Skepsis zusammenhalten und sich vor rational denkenden Menschen nicht zum Affen machen will. Da kann ich nicht mehr so einfach sagen: Ich ziehe alles in Zweifel, auch die Spielregeln der Vernunft, und benehme mich logisch v´┐Żllig daneben.

Genau vor diesem Problem steht Descartes, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Wenn die radikale Skepsis gilt, wenn all unsere Wahrheiten dahin sind, wenn dieser grausam infernalische genius malignus uns die Existenz der ganzen Welt, die Existenz unseres eigenen K´┐Żrpers und die Wahrheit aller unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse und Theorien vort´┐Żuscht und uns g´┐Żnzlich l´┐Żcherlich macht – eines darf er nicht k´┐Żnnen: Die Gesetze der Logik aushebeln. Denn dann torpediert er die Gr´┐Żnde seiner Postulierung: Wenn es keinen rational-logischen Grund mehr gibt, einen genius malignus anzunehmen, kann mir dieses Postulat ja auch wirklich herzlich egal sein, wozu sollte ich diese Annahme dann noch machen? Dann kann ich f´┐Żrderhin von der Wahrheit all der angezweifelten Erkenntnisse ´┐Żberzeugt bleiben und sagen: Mir doch v´┐Żllig piepe!

Missliches Fazit: Wenn der genius malignus auch die Gesetze der Logik ausschaltet, dann schafft er seine eigene Voraussetzung ab. Wenn er aber die Gesetze der Logik nicht aushebelt, dann ist Descartes Gottesbeweis g´┐Żltig und der genius malignus hat ausgedient. – Also rundum eine arme Sau, dieser genius malignus. Egal, was er macht: Er geht dabei drauf. Mit anderen Worten: Die Annahme eines genius malignus ist nicht zu halten.

Der Kopf des B´┐Żsen ist gefallen, hart und kalt. An jeder Stelle, wo das abgehauene Haupt aufschl´┐Żgt, wird die Quelle einer neuen Descartes-Meditation enspringen.

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1 Vern´┐Żnftig-logische Erkenntnis und Einsicht setzt sogar immer voraus, dass ich mich frei auf die Vernunft einlasse. Man kann nicht zu vern´┐Żnftiger Einsicht gezwungen werden, jeder muss von selbst einsehen und dem auch zustimmen. Allerdings ist dieses Einstimmen in die Vernunft kein der Vernunft vorg´┐Żngiger Akt reiner Willk´┐Żr (wie der Dezisionismus meint), sondern diese freie Entscheidung ist selbst wieder vern´┐Żnftig: Das Akzeptieren von logischen Argumenten ist bereits der Grundakt der Vernunft selbst. Freiheit und Vernunft geh´┐Żren untrennbar zusammen.

Kommentar #1 von RKS:

Lieber Herr Schneider,
sicher, ich muss nicht schweigen, doch anecken m´┐Żchte ich auch nicht wieder, jedenfalls nicht ohne Not. Ich lese zwar gerade die wichtigsten Heideggerb´┐Żnde zum Thema Denken und Logig und Sprache, aber wenn es um formale Logig geht, kann ich Ihnen schliesslich nicht das Wasser reichen. Da mir Heideggers Diktion vertraut ist, komme ich schon einigermassen klar, aber so richtig mein Ding ist formale Logik eben nicht. Wenn ich an meine vergangene Frege-Lekt´┐Żren denke, bricht mir der Angstschweiss aus.
In Ihrem Textkommentar bin ich aber jetzt drin. Aufmerksam werden ich – f´┐Żr mich! – folgen. Ihre Kondensationsarbeit gef´┐Żllt mir und imponiert mir. Ich kann warten und bin geduldig. Mir wird der Groschen schon noch fallen.
Ein vorsichtiger Vorabgedanke: Radikale Skepsis ist selbstverst´┐Żndlich Unsinn (ich meine die NACH Descartes und TROTZ Descartes); und radikale Skeptiker d´┐Żrften eine rare und aussterbende Rasse sein. Ich kenne keinen. Aber: Ich w´┐Żsste nicht, wer vollkommen unreflektiert gesagt haben sollte, es k´┐Żnne keine Wahrheit geben oder eben es gebe keine Wahrheit, so dass es einfach w´┐Żre, zu sagen, solch ein dogmatischer Sprecher w´┐Żrde ja schliesslich selber einen Wahrheitsanspruch erheben. Ich denke, diejenigen, die Sie treffen und abschiessen wollen (Weidmannsheil), also die Konstruktivisten, die sagen doch nur: Es gibt keine ABSOLUTEN Wahrheiten, denn es gebe eben nur Perspektivit´┐Żten. Diese Leute erheben ja gerade KEINEN Wahrheitsanspruch! Sie sagen doch nur: so sehe ich die Chose, wenn mann es besser (also funktional besser, weil anders) sehen zu k´┐Żnnen glaube, m´┐Żge man sich argumentierend melden. Dieser Thread l´┐Żuft, jedenfalls in der Soziologie, die sich immer noch f´┐Żr eine Wissenschaft h´┐Żlt und – ich denke: dummerweise – leider alle philosophischen Einw´┐Żnde, als nicht wissenschaftlich genug, glaubt zur´┐Żckweisen zu d´┐Żrfen. Die Sch´┐Żler sind da strenger als der Meister, denn der hat sich schliesslich nicht gescheut, von den Stuttgartern den Hegelpreis entgegenzunehmen und einen ausgewachsenen Philosophen als Laudator zu akzeptieren.
Wissen Sie, lieber Ruben, was ich in Ihrem Hintergrund als Antrieb vermute (ich meine das ganz ehrenhaft f´┐Żr Sie, schliesslich sind Sie Theologe, und niemand wird Sie gezwungen haben, Theologie zu studieren): Es geht Ihnen nicht blos um Descartes Logik, und die Logik ´┐Żberhaupt, auf dem Wege zur Wahrheit, nein, Sie haben sich gezielt den klassischen Oberturner des logischen Zweifelns vorgkn´┐Żpft, weil Sie sein Gottesbeweis fasziniert. Auf diesem Gebiete muss ich nun erst recht passen, weil ich hier v´┐Żllig unmusikalisch bin; tut mir leid. Ich liebe die Bibel, zum Beispiel, als Buch grandioser Geschichten, hierin vielleicht Goethe folgend, aber mit dem offenbarten, noch dazu dreieinigen Gott, kann ich nun einmal nichts anfangen. Da bin ich wohl eher Spinozist: Mir reicht im DEUS SIVE NATURA ganz bescheiden die Natur.
Mit herzlichen Gr´┐Żssen: Ihr RKS
P.S. Mir tut das Herze weh, wenn ich die Lesemaschine anklicke und die Stille, die sich da auftut, mit dem heiteren Leben in der Riesenmaschine vergleiche. Was soll ich von der akademischen Jugend denken?

04.05.2008 / 21:04

Kommentar #2 von Ruben:

Hallo Herr Sander, gerade was die Perspektivit´┐Żt und Subjektivit´┐Żt angeht, ist das "cogito, ergo sum" der II. Meditation sehr aufschlussreich: In meiner h´┐Żchsten Subjektivit´┐Żt, meinem Ich, stosse ich auf absolute Wahrheit: Es ist offensichtlich wahr, dass ich existiere und nichts und niemand auf der Welt kann diese Wahrheit widerlegen. Aber diese Feststellung, dass ich existiere, wird aus meiner subjektiven Perspektive heraus getroffen, und subjektive Perspektive kann doch bekanntlich auch massiv danebenlangen: Unterliegt meine Feststellung, dass ich existiere, nicht m´┐Żglicherweise doch den einschr´┐Żnkenden Bedingungen meiner Fehlbarkeit und Perspektivit´┐Żt und ist somit vielleicht doch nicht wahr?
Im Falle meiner Existenz kann aber eben genau nicht sein, es ist absolut sicher, dass ich existiere. Also muss mein Erkennen in diesem Punkt jeglicher einschr´┐Żnkender Bedingungen und Perspektivit´┐Żten enthoben sein. – Aber wie soll das bitte m´┐Żglich sein? Ich denke, aus folgendem Grund: Die absolute Gewissheit meiner eigenen Existenz schliesst die Gewissheit ein, dass es Sein und Existenz gibt. Dieses Sein kann aber nicht platt mit meinem Bewusstsein zusammenfallen, denn sonst h´┐Żtte ich nur eine Gewissheit meines eigenen Bewusstseins, aber nicht des Seins meines Bewusstseins (Wenn es ausser meinem Denken keine andere Wirklichkeit mehr gibt, dann verlieren die Begriffe "Ich" und "Denken" auch ihre distinkte, von anderem unterschiedene Bedeutung). Mit seiner Existenz wird mein Denkvollzug in das Sein ´┐Żberhaupt hineingestellt. Indem ich erkenne, dass ich bin, ´┐Żberschreite ich zugleich im Akt der Selbsterkenntnis diese Begrenzung auf mich selbst und mein blosses Denken, hin auf Sein und Wirklichkeit: Sein ist das, was wirklich ist, objektiv und nicht nur eine subjektive Erscheinung: Sein und Existieren ist etwas, was von sich her eine mich ´┐Żbersteigende universale Objektivit´┐Żt bedeutet. Und das Sein ´┐Żberhaupt ist durch nichts – eben nur das Nichts, das es nicht gibt – eingeschr´┐Żnkt, es ist nicht nochmal etwas, was nur innerhalb einer Einschr´┐Żnkung "sein" k´┐Żnnte. In der tiefsten Subjektivit´┐Żt und Eingeschr´┐Żnktheit (am rock bottom meines Ich) findet sich also die h´┐Żchste Objektivit´┐Żt und Uneingeschr´┐Żnktheit: Meine Erkenntnis "Ich existiere" ist absolut wahr und somit letzte Objektivit´┐Żt, weil das Sein in mir, an dem meine Existenz partizipiert, nicht platt mit mir identisch ist und mich unendlich ´┐Żbersteigt. Es ist ein unendlicher, unbeschr´┐Żnkter Hintergrund – und dieser hebt meine Erkenntnis ´┐Żber all seine Einschr´┐Żnkungen und enth´┐Żllt ihr das Sein meiner Existenz in seiner letzten und un´┐Żberbietbaren Objektivit´┐Żt.
Nochmal anders gedreht: letzendliche reine Subjektivit´┐Żt, Perspektivit´┐Żt und somit Erkenntnisbeschr´┐Żnktheit sind nicht m´┐Żglich. Jede Einzelerkenntnis ist zwar an Perspektiven gebunden und falsifizierbar. Aber die Frage, ob unsere Erkenntnis prinzipiell und letztendlich nur an subjektive Perspektive gebunden und damit beschr´┐Żnkt ist, muss verneint werden. Beschr´┐Żnktheit / Begrenztheit erkennen, bedeutet, nicht ganz auf die Begrenzung festgelegt zu sein: Als Schranke und Grenze wird etwas nur gewusst, wenn man zugleich dar´┐Żber hinaus ist, ansonsten ist die Grenze gar nicht als Grenze zu erkennen. Und Begrenzungen ´┐Żberhaupt als solche zu erkennen, bedeutet letztlich, vor einem v´┐Żllig unbegrenzten Horizont zu stehen und von ihm her zu denken (und das ist meiner Meinung nach auch der Kern des Gottesbeweises der III. Meditation).
Auch wenn wir uns durch Aspekte und Perspektiven noch so eingegrenzt wissen, dann ist eben dieses Wissen um die vielf´┐Żltigen Eingegrenztheiten der Beweis daf´┐Żr, dass diese Erkenntnis der Perspektivit´┐Żt nicht wieder nur Folge einer Eingegrenztheit und Perspektivit´┐Żt sein kann, sondern deren ´┐Żberschreitung voraussetzt.

05.05.2008 / 01:14

Kommentar #3 von Ruben:

P.S.: Und nat´┐Żrlich interessiert mich Descartes Gottesbeweis (bzw. alle beide in den Meditationen), aber auch besonders die Transzendentalphilosophie so halt... 'stehn'se?

05.05.2008 / 18:00

Kommentar #4 von RKS:

Z´┐Żher Hund Ruben: Respekt!, ich m´┐Żchte am Ball bleiben, aber es wird eng f´┐Żr mich: Gottesbeweise sind f´┐Żr mich geistige Trocken´┐Żbungen, heisst: ich brauche keine, denn an den konservativen Normaltagen oder Normalzeiten sage ich als gest´┐Żhlter EA-ler: Klar, es gibt eine h´┐Żhere Macht, auch f´┐Żr mich, da zweifle ich gar, den Job des Descartes h´┐Żtte ich nie angetreten. Wenn ich so rum-eiere, bin ich eh Grieche und spreche gelassen und vertraut mit den G´┐Żttern: dann blinzelt mir Pallas Athene zu, und Neptun stellt mir ein Bein. So weit, lebend, keine Probleme; ich gehe ja auch in alle Sorten Gottesh´┐Żuser, nur in einer Moschee war ich noch nicht (der abrupte Anblick der Ges´┐Żsse irritiert mich; wogegen ich, wie weiland Papa Heuss, gegen Knien nichts habe: "Eine dem Menschen angemessene Haltung" hat er gesagt, ich hab's unterschrieben).
Nun zu Logik, diesem heissen Eisen. Ich habe ja vor Jahrzehnten meinen Plato und meinen Aristoteles gelesen, auch ein bisschen Thomas (Nikolaus von Kues liegt mir mehr), ich kann schon (holpernd) damit umgehen; insoweit akzeptiere ich ja die zweiwertige Logik mit ihrer fundierenden Ausgangsunterscheidung Sein/Nichts, wobei das Nichts eben nicht zul´┐Żssig ist. Ich habe ja auch Heideggers heisse Bem´┐Żhungen, das SEIN zu entbergen, um der aletheia zum Siege zu verhelfen, einigermassen nachvollzogen, ich erkenne das Sein im Seienden, bis hin zum Daseienden. Nur: Dem Meister folgend, habe ich nun schon seit Jahren die Unterscheidung Sein/Nichts zu den Akten gelegt. F´┐Żr mich ist diese Welt eben nichts weiter als etwas Beschriebenes mit der Handschrift eines Beobachters von Beobachtern, und so einer beginnt eben mit dem grossen Seufzer dar´┐Żber, dass die zweiwertige Logik nicht ausreicht (siehe Gotthard G´┐Żnther oder, ihm auch folgend, Sloterdijk), und dann f´┐Żngt man eben mit der Unterscheidung System/Umwelt an und opfert die gesamte (teleologische) aristotelische Ontologie. Die Metaphysik wird man auch hierbei nie ganz los, sie verbirgt sich nur anders, und ich komme dann zu dem Schluss: Ihre zweiwertige, klassische, alteurop´┐Żische Logik (ein imposantes Geb´┐Żude) steht zu meiner mehrwertigen Logik (gibt es nur Ansatzweise, ein Desiderat, es hapert mit der Sprache und der durch sie ausgedr´┐Żckten Anschauung; ´┐Żhnlich dem Dilemma, sich Quantenzust´┐Żnde "vor Augen zu halten") eben leider und unrettbar, und deshalb auch nicht transformierbar ORTHOGONAL, also quer. Das kann man eben nicht ineinander ´┐Żberf´┐Żhren. Deshalb das eigentlich resignierende, leider so arrogant wirkende "alteurop´┐Żisch".
Wir sind also zwei liebenswerte K´┐Żnigskinder, die nicht zusammen kommen k´┐Żnnen, die Wasser der orthogonalen Logiken sind (noch) viel zu tief. Gotthard G´┐Żnther ist tot, kein Nachfolger weit und breit, es fehlt ein neuer Super-Frege. Ich bin, mit L´┐Żngen, gewiss keiner.
Herzliche Gr´┐Żsse: Ihr RKS.
P.S. Schauen Sie doch mal wieder, gelegentlich, in meinen BLOG: starten Sie bei www.sinnweltentheorie.de, dann LINKS, dann BLOG.

05.05.2008 / 18:58

Kommentar #5 von Ruben:

Also ich habe mit Descartes' Gottesbeweisen auch echte Probleme, so ist es ja nicht. Aber wie so oft h´┐Żngt man dann da dr´┐Żber und denkt sich: Irgendwas ist da, das sich nicht so leicht wegfegen l´┐Żsst, nur ich komme noch nicht drauf, was es eigentlich ist. Ich mache hier immer einen auf schlau, aber in dem Punkt bin ich auch ziemlich ahnungslos. Jedenfalls habe ich das Gef´┐Żhl, dass da ein transzendentales Tiefenargument drinsteckt, und das ist kein formallogischer Schluss, sondern eine von den jeweligen Pr´┐Żferenzen f´┐Żr dieses und jenes Logiksystem unabh´┐Żngige und unmittelbare Einsicht in ein Hintergrundfaktum unseres Daseins. Vielleicht gelingt es mir, das im n´┐Żchsten Beitrag in halbwegs humaner Weise hinzuschreiben.

05.05.2008 / 20:09

Kommentar #6 von RKS:

Lieber Ruben Schneider,
ja bitte, lassen Sie nicht locker, ich freue mich schon auf die weiteren Denk- und Formulierungsergebnisse. Diesem Bauchgef´┐Żhl, dass da noch ein Geheimnis, ein unbekannter, unentdeckter Kern zum knacken schlummere und verborgen sei, das ist der rechte Antrieb. Als Wendegeist wird an der hier entscheidenden Stelle immer Descartes zitiert und als Zeuge und Pionier des neuen Denkens herangezogen. Dabei hat mir die messerscharfe und dennoch tief intuitive – dabei hellwache – intellektuelle Zugriffsweise des Pascal fast mehr imponiert. Nicht nur sein Gedanke der Wette auf die Unsterblichkeit des Geistes (nicht mal dieser Sachverhalt, nein, die Unerschrockenheit vor dem Undurchschaubaren)ist bei ihm der Kick, es ist wie bei Ihnen dieses sich nicht abweisen lassende Gesp´┐Żr, diese Elephantengewissheit: "hier muss irgendwo >Wasser< sein". Sie werden es schon aufsp´┐Żren.
Bis bald, RKS.

05.05.2008 / 22:43

Kommentar #7 von Ruben:

Pascal ist imponierend, ja. ´┐Żber ein Buch von Pascal hat doch Prof. Scholz unl´┐Żngst hier geschrieben, wenn ich mich recht entsinne.

05.05.2008 / 23:27

Kommentar #8 von RKS:

Lieber Herr Schneider,
damit Sie sehen, dass ich mit Interesse an Ihrer Gedankenentwicklung h´┐Żnge, m´┐Żchte ich nicht vers´┐Żumen, Sie auf das Buch von Richard David Precht "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?", Goldmann 2007, hinweisen. In seinem dritten Abschnitt "Was darf ich hoffen?, als hommage an Kant, heisst der erste Artikel "Die gr´┐Żsste aller Vorstellungen, Gibt es Gott?". Es sind nur 13 Seiten. Wenn Sie es nicht schon kennen, sollten Sie mal reinschauen. Ein interessanter, hochkondensierter Text. Darin der res´┐Żmierende Satz: "Kants R´┐Żge, wonach Gottesbeweise auf unzul´┐Żssige Weise aus der eigenen Erfahrungswelt in eine behauptete objektive Welt springen, trifft also auch hier."
Mit besten Gr´┐Żssen und W´┐Żnschen: RKS

07.05.2008 / 11:10

Kommentar #9 von Ruben:

Da m´┐Żchte ich als Antwort gerne Kant selbst zitieren, direkt aus der Kritik der reinen Vernunft:
"[...] aber k´┐Żnnen wir doch (wird man fortfahren zu fragen) einen einigen weisen und allgewaltigen Welturheber annehmen? Ohne allen Zweifel; und nicht allein dies, sondern wir m´┐Żssen einen solchen voraussetzen. Aber alsdenn erweitern wir doch unsere Erkenntnis ´┐Żber das Feld m´┐Żglicher Erfahrung? Keineswegs" (B 725).
Verbl´┐Żffend, nicht? Nach Kant m´┐Żssen wir ohne allen Zweifel die Existenz Gottes annehmen, und das schon in der theoretischen Vernunft und nicht nur als ein regulatives Ideal. Passt so gar nicht zu dem g´┐Żngigen Kantbild. Aber steht da, schwarz auf weiss. – Man muss seeehr aufpassen bei dem, was Kant eigentlich kritisieren will an den Gottesbeweisen. Mein Hinweis: Die M´┐Żglichkeit von Gottesbeweisen ist es nicht. Es ist nur die Gleichsetzung des in den Gottesbeweisen Bewiesenen mit einem vollst´┐Żndig inhaltlich gef´┐Żllten Gottesbegriff (ens realissimum – und "realitas" bedeutet bei Kant Sachgehalt, res = die Sache). Aber das tut kein klassischer Gottesbeweis (das tun nur Kants Lehrer der Barockscholastik).

07.05.2008 / 11:30

Kommentar #10 von RKS:

Was n´┐Żtzte es dem Menschen, wenn er die Welt gew´┐Żnne und h´┐Żtte der Liebe nicht? Dem wird gewiss jeder zustimmen: Ohne Liebe w´┐Żre tats´┐Żchlich alles nichts.
Jedoch was n´┐Żtzte es mir, wenn Descartes einen wasserdichten Gottesbeweis vorzulegen in der Lage gewesen sein sollte, gesetzt den Fall, Sie, lieber Ruben, machten uns das tats´┐Żchlich plausibel. Es erg´┐Żbe doch sogleich ein Riesenparadox: Der einwandfrei bewiesene Gott w´┐Żre ein alles Begreifen ´┐Żbersteigender, also ein letztlich doch unbeweisbarer Gott. Es bliebe dabei: Der Zusammenhang und Zusammenhalt des Universums bliebe undurchschaubar, weil Hyperkomlex, und er, der bewiesene unbewegte Beweger m´┐Żsste dann doch wohl noch eine Nummer komplexer sein. Da hat man als Mensch – auch eingedenk aller G´┐Żdelisierung – bescheiden zur´┐Żckzutreten und dem verehrten Descartes zu antworten: Gut, dein bewiesener Gott kann von mir nicht widerlegt werden. Ich beuge mich ihm und seiner unbegreiflichen Gewalt, mich aber gleichzeitig bei ihm zu bedanken f´┐Żr das uneinschr´┐Żnkbare Geschenk der Gedankenfreiheit. Wenn es mit den Mitteln aller Sprachen, die das Seinm´┐Żssen eines Gottes zu beweisen gestatten, dann wiederum nicht m´┐Żglich ist, mit eben diesen Sprachen wegen dieser sprachlichen Selbstfesselung dagegen anzugehen, dann bleibt doch nur noch der Triumph G´┐Żdels: Die Sprache kann selbst nicht mehr beweisen, ob das, was sie beweist, auch richtig bewiesen ist. Also gebe ich dem Wettangebot des Pascal nach und sage mir: Wenn er mir auch noch nie begegnet ist, dieser Gott, bevor ich riskiere, wegen seiner Leugnung in die ewige Verdammnis zu geraten, setze ich doch lieber auf die Karte: ER IST!
P.S. Die Widerspr´┐Żche bei Kant – vorsicht, Motivverdacht – sind doch wohl darauf zur´┐Żckzuf´┐Żhren, dass er zuviel verst´┐Żndlichen Respekt vor der Macht der preussischen Kultusverwaltung hatte. Er w´┐Żre ungern aus seinem geliebten K´┐Żnigsberg wegggegangen.

07.05.2008 / 14:27

Kommentar #11 von Ruben:

Was Sie hier bringen, Herr Sander, ist ein alter und sehr ehrw´┐Żrdiger Einwand, der seit mehr als zweitausend Jahren allen Vertretern von Gottesbeweisen vorgelegt wird: Was ihr da beweist, k´┐Żnnen wir doch nicht einmal ann´┐Żhernd fassen. Auch Descartes wird dieser Einwand gemacht. Die klassische positive Theologie ist dagegen immer ihren dreigliedrigen Weg zur analogen Erkenntnis der Gottesattribute gegangen: 1. Die via negationis: Alles, was von seinem Wesen her nicht vollkommen steigerbar ist, wird von Gott negiert, 2. die via affirmationis: Alle positiven (reinen) Vollkommenheiten (was von sich her keine Beschr´┐Żnkung besagt) wird von Gott bejaht: Sein, Akt, Denken, Wollen,... 3. daran anschliessend die via eminentiae: All diese Vollkommenheiten sind Gott nochmal in absolut ´┐Żberragender, f´┐Żr uns nur analog fassbarer Weise zuzuschreiben (Gott ist epekeina t´┐Żs ousias, das ´┐Żberseiende, das ´┐Żbergute, etc., wie man seit dem Neuplatonismus sagte). Dann kommen Sie zu den 5 entitativen und 3 akzessorischen Attributen Gottes.
Wenn ich mich recht entsinne, sagt Descartes irgendwo gegen diesen Einwand, dass ihm die formale Einsicht in die Unbegreiflichkeit Gottes gen´┐Żge f´┐Żr seinen Beweis, diese sei logisch klar und deutlich begreifbar.
Bei Kant ist hingegen genau der Punkt, dass er in der Kritik der reinen Vernunft sagt, wir k´┐Żnnen mit der theoretischen Vernunft nur die Existenz des Absoluten beweisen, seine inhaltliche F´┐Żllung muss allerdings erst durch die Moralphilosophie erfolgen (wenn Sie mal die Kritik der reinen Vernunft aufmerksam lesen, wird Ihnen auffallen, dass Kant ´┐Żberall da, wo er die Gottesbeweise kritisiert, nur von einem bereits von ihm vorausgesetzten, inhaltlich maximal gef´┐Żllten Gottesbegriff spricht. Und da ist ihm auch recht zu geben: Totalit´┐Żtsbegriffe wie die Gottesattribute gehorchen einer anderen Logik. Nimmt man diesen maximal gef´┐Żllten Begriff nicht an, und so laufen eigentlich die klassischen Beweise, dann akzeptiert er sogar die Gedankeng´┐Żnge. Das ist bei Kant nicht aus Respekt vor der preussischen Regierung, sondern aus eminent sachlichen Gr´┐Żnden.)
Sagen Sie also mit Kant: Er ist! – Aber bei Descartes warten Sie besser ab, da ist mir ein neues ´┐Żbles Problem hochgekommen. Dazu aber n´┐Żchstes mal.

07.05.2008 / 23:11

Kommentar #12 von Ruben:

P.S.: Dass es jedoch ein 'Riesenparadox' sei, von etwas einen Existenzbeweis zu haben, das sich des begrifflichen Erfassens letztlich entzieht, teile ich nicht. Denn beim eigenen Ich ist es doch dasselbe: Dass es existiert, ist unbezweifelbar, aber wissen Sie deswegen schon genau, was Ihr Ich ist? Versuchen Sie mal, ihr Ich klar in den Blick zu bekommen, sie werden scheitern. Individuum est ineffabile, das Individuum ist nicht fassbar. Und dass das Ich zweifelsfrei existiert, ist nicht Schlusssatz eines formalsprachlich gefassten Beweises, sondern unmittelbare Einsicht, es ist eine sogenannte transzendentale Einsicht (transzendental im Sinne Kants: Ihr zu widersprechen w´┐Żre kein formallogischer Widerspruch, sondern ein transzendentaler oder retorsiver Widerspruch, den M´┐Żglichkeitsbedingungen der Aussage widerstreitend). Es gibt ein paar Stellen bei Descartes, die darauf hindeuten, dass die Gotteserkenntnis bei ihm ebenfalls eine eigentlich transzendentale Einsicht ist und keine hehre Conclusio eines komplexen formalen Beweises.

08.05.2008 / 02:11

Kommentar #13 von RKS:

Eigentlich f´┐Żhle ich mich mit all dem, was Sie allgemein und speziell in Bezug auf Ihren Lesewiderstand namens Descard so sorgf´┐Żltig ausgebreitet haben, sehr wohl. Ich kann folgen und f´┐Żhle mich nicht vor den Kopf gestossen. Dem, was Sie zum ICH gesagt haben, beuge ich mich m´┐Żhelos, denn zum unerfassbaren ICH hat auch die moderne Soziologie, die ja die "Menschen" als soziale "Adressen" in die "Umwelt" der gesellschaftlichen Funktionssysteme "entl´┐Żsst", keinen Deut mehr vorzubringen, als Sie es getan haben. Mir Ernst Bloch liesse sich sagen: Ich bin, doch ich habe mich nicht. Da gef´┐Żllt mir schon der theologische Trost aus glaubensvoller Einsicht: Zaget nicht, denn ER hat uns.

08.05.2008 / 18:30

Kommentar #14 von RKS:

Herr Schneider,
Sie machen offensichtlich – verdienten – Pfingsturlaub. Es sei Ihnen herzlich geg´┐Żnnt.
Ich bin inzwischen einmal versuchsweise einige Nebenwege – vielleicht Abwege in Ihren Augen – gegangen. Es wurde ein bisserl viel Text, den ich hier nicht ausbreiten kann; habe deshalb meinen BLOG als B´┐Żhne gew´┐Żhlt. Sie kennen die Adresse; vielleicht schauen Sie nach dem Urlaub mal kurz hinein.

10.05.2008 / 21:57