04.05.2008 / 05:17 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Scheissegal (121-127)


Logisch und moralisch am Ende: Das Böse, a.k.a. genius malignus (Bild: novasonicmods)
Wer ein bisschen Philosophiegeschichte kennt, dem ist sicher die berühmte Skepsiswiderlegung bekannt. Ein radikaler Skeptiker stellt solch sympathische Behauptungen auf wie: "Es gibt keine Wahrheit", "man kann die Wirklichkeit nicht erkennen", oder "es könnte ja auch alles ganz anders sein". Auf inhaltlicher Ebene sind diese Aussagen problemlos und schick und finden in allen fortschrittlichen Kreisen stets guten Anklang. Das Problem dabei ist aber: Zwar in sich nicht widersprüchlich, widersprechen sie sich doch im Vollzug der Behauptung: Denn indem ich behaupte, es gebe keine Wahrheit, erhebe ich mit dieser Behauptung Anspruch auf Wahrheit. Ich will ja gerade sagen: "Es gibt keine Wahrheit, so ist es wirklich und nicht anders." Ich setze also das voraus, was ich bestreite. Damit hat die ganze logische Tragfähigkeit meiner Skepsis Schiffbruch erlitten.

Aber dadurch ist die radikale Skepsis freilich noch nicht erledigt, auch wenn viele rationalistische Dogmatiker das dann gerne so sähen. Denn als Skeptiker kann ich angesichts obiger Widerlegung immer noch sagen: Mir doch egal. Keine Sau kann mich zwingen, logische Widerlegungen zu akzeptieren. Ich behaupte weiterhin, was ich will. Wenn man rational völlig inkonsequent ist, kann man sehrwohl radikaler Skeptiker bleiben, denn rationale Konsequenz ist nicht erzwingbar (und das ist ein schöner negativer Beweis für die Existenz der menschlichen Freiheit: Selbst wenn irgendwelche Hirnforscher eines Tages beweisen sollten, dass es sowas wie Freiheit nicht geben kann: Niemand muss den Beweis akzeptieren, wir können zumindest innerlich aus aller Logik aussteigen und uns davon freimachen – die Aussage "mir doch wurscht" ist jedesmal ein transzendentaler Freiheitsbeweis. Eine Welt, in der logische Beweise von allen akzeptiert werden müssen, wäre eine totalitäre Welt: Nur durch Gehirnwäsche kann man jemanden dazu bringen, gegen seinen freien Willen die Logik zu akzeptieren1).

Echter Stress ergibt sich aber dann, wenn man Vernunft und radikale Skepsis zusammenhalten und sich vor rational denkenden Menschen nicht zum Affen machen will. Da kann ich nicht mehr so einfach sagen: Ich ziehe alles in Zweifel, auch die Spielregeln der Vernunft, und benehme mich logisch völlig daneben.

Genau vor diesem Problem steht Descartes, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Wenn die radikale Skepsis gilt, wenn all unsere Wahrheiten dahin sind, wenn dieser grausam infernalische genius malignus uns die Existenz der ganzen Welt, die Existenz unseres eigenen Körpers und die Wahrheit aller unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse und Theorien vortäuscht und uns gänzlich lächerlich macht – eines darf er nicht können: Die Gesetze der Logik aushebeln. Denn dann torpediert er die Gründe seiner Postulierung: Wenn es keinen rational-logischen Grund mehr gibt, einen genius malignus anzunehmen, kann mir dieses Postulat ja auch wirklich herzlich egal sein, wozu sollte ich diese Annahme dann noch machen? Dann kann ich fürderhin von der Wahrheit all der angezweifelten Erkenntnisse überzeugt bleiben und sagen: Mir doch völlig piepe!

Missliches Fazit: Wenn der genius malignus auch die Gesetze der Logik ausschaltet, dann schafft er seine eigene Voraussetzung ab. Wenn er aber die Gesetze der Logik nicht aushebelt, dann ist Descartes Gottesbeweis gültig und der genius malignus hat ausgedient. – Also rundum eine arme Sau, dieser genius malignus. Egal, was er macht: Er geht dabei drauf. Mit anderen Worten: Die Annahme eines genius malignus ist nicht zu halten.

Der Kopf des Bösen ist gefallen, hart und kalt. An jeder Stelle, wo das abgehauene Haupt aufschlägt, wird die Quelle einer neuen Descartes-Meditation enspringen.

______

1 Vernünftig-logische Erkenntnis und Einsicht setzt sogar immer voraus, dass ich mich frei auf die Vernunft einlasse. Man kann nicht zu vernünftiger Einsicht gezwungen werden, jeder muss von selbst einsehen und dem auch zustimmen. Allerdings ist dieses Einstimmen in die Vernunft kein der Vernunft vorgängiger Akt reiner Willkür (wie der Dezisionismus meint), sondern diese freie Entscheidung ist selbst wieder vernünftig: Das Akzeptieren von logischen Argumenten ist bereits der Grundakt der Vernunft selbst. Freiheit und Vernunft gehören untrennbar zusammen.

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Ruben Schneider / Dauerhafter Link / Kommentare (14) / Buch kaufen und selber lesen


Kommentar #1 von RKS:

Lieber Herr Schneider,
sicher, ich muss nicht schweigen, doch anecken möchte ich auch nicht wieder, jedenfalls nicht ohne Not. Ich lese zwar gerade die wichtigsten Heideggerbände zum Thema Denken und Logig und Sprache, aber wenn es um formale Logig geht, kann ich Ihnen schliesslich nicht das Wasser reichen. Da mir Heideggers Diktion vertraut ist, komme ich schon einigermassen klar, aber so richtig mein Ding ist formale Logik eben nicht. Wenn ich an meine vergangene Frege-Lektüren denke, bricht mir der Angstschweiss aus.
In Ihrem Textkommentar bin ich aber jetzt drin. Aufmerksam werden ich – für mich! – folgen. Ihre Kondensationsarbeit gefällt mir und imponiert mir. Ich kann warten und bin geduldig. Mir wird der Groschen schon noch fallen.
Ein vorsichtiger Vorabgedanke: Radikale Skepsis ist selbstverständlich Unsinn (ich meine die NACH Descartes und TROTZ Descartes); und radikale Skeptiker dürften eine rare und aussterbende Rasse sein. Ich kenne keinen. Aber: Ich wüsste nicht, wer vollkommen unreflektiert gesagt haben sollte, es könne keine Wahrheit geben oder eben es gebe keine Wahrheit, so dass es einfach wäre, zu sagen, solch ein dogmatischer Sprecher würde ja schliesslich selber einen Wahrheitsanspruch erheben. Ich denke, diejenigen, die Sie treffen und abschiessen wollen (Weidmannsheil), also die Konstruktivisten, die sagen doch nur: Es gibt keine ABSOLUTEN Wahrheiten, denn es gebe eben nur Perspektivitäten. Diese Leute erheben ja gerade KEINEN Wahrheitsanspruch! Sie sagen doch nur: so sehe ich die Chose, wenn mann es besser (also funktional besser, weil anders) sehen zu können glaube, möge man sich argumentierend melden. Dieser Thread läuft, jedenfalls in der Soziologie, die sich immer noch für eine Wissenschaft hält und – ich denke: dummerweise – leider alle philosophischen Einwände, als nicht wissenschaftlich genug, glaubt zurückweisen zu dürfen. Die Schüler sind da strenger als der Meister, denn der hat sich schliesslich nicht gescheut, von den Stuttgartern den Hegelpreis entgegenzunehmen und einen ausgewachsenen Philosophen als Laudator zu akzeptieren.
Wissen Sie, lieber Ruben, was ich in Ihrem Hintergrund als Antrieb vermute (ich meine das ganz ehrenhaft für Sie, schliesslich sind Sie Theologe, und niemand wird Sie gezwungen haben, Theologie zu studieren): Es geht Ihnen nicht blos um Descartes Logik, und die Logik überhaupt, auf dem Wege zur Wahrheit, nein, Sie haben sich gezielt den klassischen Oberturner des logischen Zweifelns vorgknöpft, weil Sie sein Gottesbeweis fasziniert. Auf diesem Gebiete muss ich nun erst recht passen, weil ich hier völlig unmusikalisch bin; tut mir leid. Ich liebe die Bibel, zum Beispiel, als Buch grandioser Geschichten, hierin vielleicht Goethe folgend, aber mit dem offenbarten, noch dazu dreieinigen Gott, kann ich nun einmal nichts anfangen. Da bin ich wohl eher Spinozist: Mir reicht im DEUS SIVE NATURA ganz bescheiden die Natur.
Mit herzlichen Grüssen: Ihr RKS
P.S. Mir tut das Herze weh, wenn ich die Lesemaschine anklicke und die Stille, die sich da auftut, mit dem heiteren Leben in der Riesenmaschine vergleiche. Was soll ich von der akademischen Jugend denken?

04.05.2008 / 21:04

Kommentar #2 von Ruben:

Hallo Herr Sander, gerade was die Perspektivität und Subjektivität angeht, ist das "cogito, ergo sum" der II. Meditation sehr aufschlussreich: In meiner höchsten Subjektivität, meinem Ich, stosse ich auf absolute Wahrheit: Es ist offensichtlich wahr, dass ich existiere und nichts und niemand auf der Welt kann diese Wahrheit widerlegen. Aber diese Feststellung, dass ich existiere, wird aus meiner subjektiven Perspektive heraus getroffen, und subjektive Perspektive kann doch bekanntlich auch massiv danebenlangen: Unterliegt meine Feststellung, dass ich existiere, nicht möglicherweise doch den einschränkenden Bedingungen meiner Fehlbarkeit und Perspektivität und ist somit vielleicht doch nicht wahr?
Im Falle meiner Existenz kann aber eben genau nicht sein, es ist absolut sicher, dass ich existiere. Also muss mein Erkennen in diesem Punkt jeglicher einschränkender Bedingungen und Perspektivitäten enthoben sein. – Aber wie soll das bitte möglich sein? Ich denke, aus folgendem Grund: Die absolute Gewissheit meiner eigenen Existenz schliesst die Gewissheit ein, dass es Sein und Existenz gibt. Dieses Sein kann aber nicht platt mit meinem Bewusstsein zusammenfallen, denn sonst hätte ich nur eine Gewissheit meines eigenen Bewusstseins, aber nicht des Seins meines Bewusstseins (Wenn es ausser meinem Denken keine andere Wirklichkeit mehr gibt, dann verlieren die Begriffe "Ich" und "Denken" auch ihre distinkte, von anderem unterschiedene Bedeutung). Mit seiner Existenz wird mein Denkvollzug in das Sein überhaupt hineingestellt. Indem ich erkenne, dass ich bin, überschreite ich zugleich im Akt der Selbsterkenntnis diese Begrenzung auf mich selbst und mein blosses Denken, hin auf Sein und Wirklichkeit: Sein ist das, was wirklich ist, objektiv und nicht nur eine subjektive Erscheinung: Sein und Existieren ist etwas, was von sich her eine mich übersteigende universale Objektivität bedeutet. Und das Sein überhaupt ist durch nichts – eben nur das Nichts, das es nicht gibt – eingeschränkt, es ist nicht nochmal etwas, was nur innerhalb einer Einschränkung "sein" könnte. In der tiefsten Subjektivität und Eingeschränktheit (am rock bottom meines Ich) findet sich also die höchste Objektivität und Uneingeschränktheit: Meine Erkenntnis "Ich existiere" ist absolut wahr und somit letzte Objektivität, weil das Sein in mir, an dem meine Existenz partizipiert, nicht platt mit mir identisch ist und mich unendlich übersteigt. Es ist ein unendlicher, unbeschränkter Hintergrund – und dieser hebt meine Erkenntnis über all seine Einschränkungen und enthüllt ihr das Sein meiner Existenz in seiner letzten und unüberbietbaren Objektivität.
Nochmal anders gedreht: letzendliche reine Subjektivität, Perspektivität und somit Erkenntnisbeschränktheit sind nicht möglich. Jede Einzelerkenntnis ist zwar an Perspektiven gebunden und falsifizierbar. Aber die Frage, ob unsere Erkenntnis prinzipiell und letztendlich nur an subjektive Perspektive gebunden und damit beschränkt ist, muss verneint werden. Beschränktheit / Begrenztheit erkennen, bedeutet, nicht ganz auf die Begrenzung festgelegt zu sein: Als Schranke und Grenze wird etwas nur gewusst, wenn man zugleich darüber hinaus ist, ansonsten ist die Grenze gar nicht als Grenze zu erkennen. Und Begrenzungen überhaupt als solche zu erkennen, bedeutet letztlich, vor einem völlig unbegrenzten Horizont zu stehen und von ihm her zu denken (und das ist meiner Meinung nach auch der Kern des Gottesbeweises der III. Meditation).
Auch wenn wir uns durch Aspekte und Perspektiven noch so eingegrenzt wissen, dann ist eben dieses Wissen um die vielfältigen Eingegrenztheiten der Beweis dafür, dass diese Erkenntnis der Perspektivität nicht wieder nur Folge einer Eingegrenztheit und Perspektivität sein kann, sondern deren Überschreitung voraussetzt.

05.05.2008 / 01:14

Kommentar #3 von Ruben:

P.S.: Und natürlich interessiert mich Descartes Gottesbeweis (bzw. alle beide in den Meditationen), aber auch besonders die Transzendentalphilosophie so halt... 'stehn'se?

05.05.2008 / 18:00

Kommentar #4 von RKS:

Zäher Hund Ruben: Respekt!, ich möchte am Ball bleiben, aber es wird eng für mich: Gottesbeweise sind für mich geistige Trockenübungen, heisst: ich brauche keine, denn an den konservativen Normaltagen oder Normalzeiten sage ich als gestählter EA-ler: Klar, es gibt eine höhere Macht, auch für mich, da zweifle ich gar, den Job des Descartes hätte ich nie angetreten. Wenn ich so rum-eiere, bin ich eh Grieche und spreche gelassen und vertraut mit den Göttern: dann blinzelt mir Pallas Athene zu, und Neptun stellt mir ein Bein. So weit, lebend, keine Probleme; ich gehe ja auch in alle Sorten Gotteshäuser, nur in einer Moschee war ich noch nicht (der abrupte Anblick der Gesässe irritiert mich; wogegen ich, wie weiland Papa Heuss, gegen Knien nichts habe: "Eine dem Menschen angemessene Haltung" hat er gesagt, ich hab's unterschrieben).
Nun zu Logik, diesem heissen Eisen. Ich habe ja vor Jahrzehnten meinen Plato und meinen Aristoteles gelesen, auch ein bisschen Thomas (Nikolaus von Kues liegt mir mehr), ich kann schon (holpernd) damit umgehen; insoweit akzeptiere ich ja die zweiwertige Logik mit ihrer fundierenden Ausgangsunterscheidung Sein/Nichts, wobei das Nichts eben nicht zulässig ist. Ich habe ja auch Heideggers heisse Bemühungen, das SEIN zu entbergen, um der aletheia zum Siege zu verhelfen, einigermassen nachvollzogen, ich erkenne das Sein im Seienden, bis hin zum Daseienden. Nur: Dem Meister folgend, habe ich nun schon seit Jahren die Unterscheidung Sein/Nichts zu den Akten gelegt. Für mich ist diese Welt eben nichts weiter als etwas Beschriebenes mit der Handschrift eines Beobachters von Beobachtern, und so einer beginnt eben mit dem grossen Seufzer darüber, dass die zweiwertige Logik nicht ausreicht (siehe Gotthard Günther oder, ihm auch folgend, Sloterdijk), und dann fängt man eben mit der Unterscheidung System/Umwelt an und opfert die gesamte (teleologische) aristotelische Ontologie. Die Metaphysik wird man auch hierbei nie ganz los, sie verbirgt sich nur anders, und ich komme dann zu dem Schluss: Ihre zweiwertige, klassische, alteuropäische Logik (ein imposantes Gebäude) steht zu meiner mehrwertigen Logik (gibt es nur Ansatzweise, ein Desiderat, es hapert mit der Sprache und der durch sie ausgedrückten Anschauung; ähnlich dem Dilemma, sich Quantenzustände "vor Augen zu halten") eben leider und unrettbar, und deshalb auch nicht transformierbar ORTHOGONAL, also quer. Das kann man eben nicht ineinander überführen. Deshalb das eigentlich resignierende, leider so arrogant wirkende "alteuropäisch".
Wir sind also zwei liebenswerte Königskinder, die nicht zusammen kommen können, die Wasser der orthogonalen Logiken sind (noch) viel zu tief. Gotthard Günther ist tot, kein Nachfolger weit und breit, es fehlt ein neuer Super-Frege. Ich bin, mit Längen, gewiss keiner.
Herzliche Grüsse: Ihr RKS.
P.S. Schauen Sie doch mal wieder, gelegentlich, in meinen BLOG: starten Sie bei www.sinnweltentheorie.de, dann LINKS, dann BLOG.

05.05.2008 / 18:58

Kommentar #5 von Ruben:

Also ich habe mit Descartes' Gottesbeweisen auch echte Probleme, so ist es ja nicht. Aber wie so oft hängt man dann da drüber und denkt sich: Irgendwas ist da, das sich nicht so leicht wegfegen lässt, nur ich komme noch nicht drauf, was es eigentlich ist. Ich mache hier immer einen auf schlau, aber in dem Punkt bin ich auch ziemlich ahnungslos. Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass da ein transzendentales Tiefenargument drinsteckt, und das ist kein formallogischer Schluss, sondern eine von den jeweligen Präferenzen für dieses und jenes Logiksystem unabhängige und unmittelbare Einsicht in ein Hintergrundfaktum unseres Daseins. Vielleicht gelingt es mir, das im nächsten Beitrag in halbwegs humaner Weise hinzuschreiben.

05.05.2008 / 20:09

Kommentar #6 von RKS:

Lieber Ruben Schneider,
ja bitte, lassen Sie nicht locker, ich freue mich schon auf die weiteren Denk- und Formulierungsergebnisse. Diesem Bauchgefühl, dass da noch ein Geheimnis, ein unbekannter, unentdeckter Kern zum knacken schlummere und verborgen sei, das ist der rechte Antrieb. Als Wendegeist wird an der hier entscheidenden Stelle immer Descartes zitiert und als Zeuge und Pionier des neuen Denkens herangezogen. Dabei hat mir die messerscharfe und dennoch tief intuitive – dabei hellwache – intellektuelle Zugriffsweise des Pascal fast mehr imponiert. Nicht nur sein Gedanke der Wette auf die Unsterblichkeit des Geistes (nicht mal dieser Sachverhalt, nein, die Unerschrockenheit vor dem Undurchschaubaren)ist bei ihm der Kick, es ist wie bei Ihnen dieses sich nicht abweisen lassende Gespür, diese Elephantengewissheit: "hier muss irgendwo >Wasser< sein". Sie werden es schon aufspüren.
Bis bald, RKS.

05.05.2008 / 22:43

Kommentar #7 von Ruben:

Pascal ist imponierend, ja. Über ein Buch von Pascal hat doch Prof. Scholz unlängst hier geschrieben, wenn ich mich recht entsinne.

05.05.2008 / 23:27

Kommentar #8 von RKS:

Lieber Herr Schneider,
damit Sie sehen, dass ich mit Interesse an Ihrer Gedankenentwicklung hänge, möchte ich nicht versäumen, Sie auf das Buch von Richard David Precht "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?", Goldmann 2007, hinweisen. In seinem dritten Abschnitt "Was darf ich hoffen?, als hommage an Kant, heisst der erste Artikel "Die grösste aller Vorstellungen, Gibt es Gott?". Es sind nur 13 Seiten. Wenn Sie es nicht schon kennen, sollten Sie mal reinschauen. Ein interessanter, hochkondensierter Text. Darin der resümierende Satz: "Kants Rüge, wonach Gottesbeweise auf unzulässige Weise aus der eigenen Erfahrungswelt in eine behauptete objektive Welt springen, trifft also auch hier."
Mit besten Grüssen und Wünschen: RKS

07.05.2008 / 11:10

Kommentar #9 von Ruben:

Da möchte ich als Antwort gerne Kant selbst zitieren, direkt aus der Kritik der reinen Vernunft:
"[...] aber können wir doch (wird man fortfahren zu fragen) einen einigen weisen und allgewaltigen Welturheber annehmen? Ohne allen Zweifel; und nicht allein dies, sondern wir müssen einen solchen voraussetzen. Aber alsdenn erweitern wir doch unsere Erkenntnis über das Feld möglicher Erfahrung? Keineswegs" (B 725).
Verblüffend, nicht? Nach Kant müssen wir ohne allen Zweifel die Existenz Gottes annehmen, und das schon in der theoretischen Vernunft und nicht nur als ein regulatives Ideal. Passt so gar nicht zu dem gängigen Kantbild. Aber steht da, schwarz auf weiss. – Man muss seeehr aufpassen bei dem, was Kant eigentlich kritisieren will an den Gottesbeweisen. Mein Hinweis: Die Möglichkeit von Gottesbeweisen ist es nicht. Es ist nur die Gleichsetzung des in den Gottesbeweisen Bewiesenen mit einem vollständig inhaltlich gefüllten Gottesbegriff (ens realissimum – und "realitas" bedeutet bei Kant Sachgehalt, res = die Sache). Aber das tut kein klassischer Gottesbeweis (das tun nur Kants Lehrer der Barockscholastik).

07.05.2008 / 11:30

Kommentar #10 von RKS:

Was nützte es dem Menschen, wenn er die Welt gewönne und hätte der Liebe nicht? Dem wird gewiss jeder zustimmen: Ohne Liebe wäre tatsächlich alles nichts.
Jedoch was nützte es mir, wenn Descartes einen wasserdichten Gottesbeweis vorzulegen in der Lage gewesen sein sollte, gesetzt den Fall, Sie, lieber Ruben, machten uns das tatsächlich plausibel. Es ergäbe doch sogleich ein Riesenparadox: Der einwandfrei bewiesene Gott wäre ein alles Begreifen übersteigender, also ein letztlich doch unbeweisbarer Gott. Es bliebe dabei: Der Zusammenhang und Zusammenhalt des Universums bliebe undurchschaubar, weil Hyperkomlex, und er, der bewiesene unbewegte Beweger müsste dann doch wohl noch eine Nummer komplexer sein. Da hat man als Mensch – auch eingedenk aller Gödelisierung – bescheiden zurückzutreten und dem verehrten Descartes zu antworten: Gut, dein bewiesener Gott kann von mir nicht widerlegt werden. Ich beuge mich ihm und seiner unbegreiflichen Gewalt, mich aber gleichzeitig bei ihm zu bedanken für das uneinschränkbare Geschenk der Gedankenfreiheit. Wenn es mit den Mitteln aller Sprachen, die das Seinmüssen eines Gottes zu beweisen gestatten, dann wiederum nicht möglich ist, mit eben diesen Sprachen wegen dieser sprachlichen Selbstfesselung dagegen anzugehen, dann bleibt doch nur noch der Triumph Gödels: Die Sprache kann selbst nicht mehr beweisen, ob das, was sie beweist, auch richtig bewiesen ist. Also gebe ich dem Wettangebot des Pascal nach und sage mir: Wenn er mir auch noch nie begegnet ist, dieser Gott, bevor ich riskiere, wegen seiner Leugnung in die ewige Verdammnis zu geraten, setze ich doch lieber auf die Karte: ER IST!
P.S. Die Widersprüche bei Kant – vorsicht, Motivverdacht – sind doch wohl darauf zurückzuführen, dass er zuviel verständlichen Respekt vor der Macht der preussischen Kultusverwaltung hatte. Er wäre ungern aus seinem geliebten Königsberg wegggegangen.

07.05.2008 / 14:27

Kommentar #11 von Ruben:

Was Sie hier bringen, Herr Sander, ist ein alter und sehr ehrwürdiger Einwand, der seit mehr als zweitausend Jahren allen Vertretern von Gottesbeweisen vorgelegt wird: Was ihr da beweist, können wir doch nicht einmal annähernd fassen. Auch Descartes wird dieser Einwand gemacht. Die klassische positive Theologie ist dagegen immer ihren dreigliedrigen Weg zur analogen Erkenntnis der Gottesattribute gegangen: 1. Die via negationis: Alles, was von seinem Wesen her nicht vollkommen steigerbar ist, wird von Gott negiert, 2. die via affirmationis: Alle positiven (reinen) Vollkommenheiten (was von sich her keine Beschränkung besagt) wird von Gott bejaht: Sein, Akt, Denken, Wollen,... 3. daran anschliessend die via eminentiae: All diese Vollkommenheiten sind Gott nochmal in absolut überragender, für uns nur analog fassbarer Weise zuzuschreiben (Gott ist epekeina tés ousias, das Überseiende, das Übergute, etc., wie man seit dem Neuplatonismus sagte). Dann kommen Sie zu den 5 entitativen und 3 akzessorischen Attributen Gottes.
Wenn ich mich recht entsinne, sagt Descartes irgendwo gegen diesen Einwand, dass ihm die formale Einsicht in die Unbegreiflichkeit Gottes genüge für seinen Beweis, diese sei logisch klar und deutlich begreifbar.
Bei Kant ist hingegen genau der Punkt, dass er in der Kritik der reinen Vernunft sagt, wir können mit der theoretischen Vernunft nur die Existenz des Absoluten beweisen, seine inhaltliche Füllung muss allerdings erst durch die Moralphilosophie erfolgen (wenn Sie mal die Kritik der reinen Vernunft aufmerksam lesen, wird Ihnen auffallen, dass Kant überall da, wo er die Gottesbeweise kritisiert, nur von einem bereits von ihm vorausgesetzten, inhaltlich maximal gefüllten Gottesbegriff spricht. Und da ist ihm auch recht zu geben: Totalitätsbegriffe wie die Gottesattribute gehorchen einer anderen Logik. Nimmt man diesen maximal gefüllten Begriff nicht an, und so laufen eigentlich die klassischen Beweise, dann akzeptiert er sogar die Gedankengänge. Das ist bei Kant nicht aus Respekt vor der preussischen Regierung, sondern aus eminent sachlichen Gründen.)
Sagen Sie also mit Kant: Er ist! – Aber bei Descartes warten Sie besser ab, da ist mir ein neues übles Problem hochgekommen. Dazu aber nächstes mal.

07.05.2008 / 23:11

Kommentar #12 von Ruben:

P.S.: Dass es jedoch ein 'Riesenparadox' sei, von etwas einen Existenzbeweis zu haben, das sich des begrifflichen Erfassens letztlich entzieht, teile ich nicht. Denn beim eigenen Ich ist es doch dasselbe: Dass es existiert, ist unbezweifelbar, aber wissen Sie deswegen schon genau, was Ihr Ich ist? Versuchen Sie mal, ihr Ich klar in den Blick zu bekommen, sie werden scheitern. Individuum est ineffabile, das Individuum ist nicht fassbar. Und dass das Ich zweifelsfrei existiert, ist nicht Schlusssatz eines formalsprachlich gefassten Beweises, sondern unmittelbare Einsicht, es ist eine sogenannte transzendentale Einsicht (transzendental im Sinne Kants: Ihr zu widersprechen wäre kein formallogischer Widerspruch, sondern ein transzendentaler oder retorsiver Widerspruch, den Möglichkeitsbedingungen der Aussage widerstreitend). Es gibt ein paar Stellen bei Descartes, die darauf hindeuten, dass die Gotteserkenntnis bei ihm ebenfalls eine eigentlich transzendentale Einsicht ist und keine hehre Conclusio eines komplexen formalen Beweises.

08.05.2008 / 02:11

Kommentar #13 von RKS:

Eigentlich fühle ich mich mit all dem, was Sie allgemein und speziell in Bezug auf Ihren Lesewiderstand namens Descard so sorgfältig ausgebreitet haben, sehr wohl. Ich kann folgen und fühle mich nicht vor den Kopf gestossen. Dem, was Sie zum ICH gesagt haben, beuge ich mich mühelos, denn zum unerfassbaren ICH hat auch die moderne Soziologie, die ja die "Menschen" als soziale "Adressen" in die "Umwelt" der gesellschaftlichen Funktionssysteme "entlässt", keinen Deut mehr vorzubringen, als Sie es getan haben. Mir Ernst Bloch liesse sich sagen: Ich bin, doch ich habe mich nicht. Da gefällt mir schon der theologische Trost aus glaubensvoller Einsicht: Zaget nicht, denn ER hat uns.

08.05.2008 / 18:30

Kommentar #14 von RKS:

Herr Schneider,
Sie machen offensichtlich – verdienten – Pfingsturlaub. Es sei Ihnen herzlich gegönnt.
Ich bin inzwischen einmal versuchsweise einige Nebenwege – vielleicht Abwege in Ihren Augen – gegangen. Es wurde ein bisserl viel Text, den ich hier nicht ausbreiten kann; habe deshalb meinen BLOG als Bühne gewählt. Sie kennen die Adresse; vielleicht schauen Sie nach dem Urlaub mal kurz hinein.

10.05.2008 / 21:57