03.12.2007 / 15:19 / André Fromme liest: Esra (Maxim Biller)

Die Wege der Natur sind unergründlich. So langsam nimmt das Buch selbst überhand. Wurde auch Zeit. Der Ich-Erzähler ist immer noch tendenziell unsympathisch, aber das muss, wie auch Lesemaschine-Kollegin Leinen bereits feststellte, nichts Schlimmes sein (Evelyn Waugh, anyone?).
Dazu kommt: ich merke, wie sich meine Einstellung ändert. Zuerst war ich frustriert. Einerseits, weil mir permanent die Authentizität der Romanfiguren unter die Nase gerieben wurde. Andererseits, weil sich alles so kleinlich-verletzt abrechnend las. Also insgesamt ein bisschen wie ein Nachmittagstalkshowmonolog mit besserem Vokabular daherkam. Inzwischen wurmen mich gelegentliche Bezüge zu – beispielsweise – Esras Biografie zunehmend weniger (man lernt, viel zu ignorieren) und einiges rührt mich tatsächlich ein wenig an.
Esra und Adam (der Ich-Erzähler) diskutieren und streiten gelegentlich. Naja, meistens, wenn man es genau nimmt. Es geht um Eifersucht auf Esras Ex, auf Esras Mutter, auf Esras Tochter, und natürlich um Lügen. Man ahnt: es geht auch darum, dass beide wissen, dass die ganze Geschichte in Wirklichkeit absolut keinen Zweck hat. Er hofft, dass es nicht so ist, sie hofft, dass er merkt, was Sache ist. Klassisches Motiv, bekannt und beliebt aus Freundes- und Verwandtenkreisen, gern auch mit umgekehrter Rollenverteilung.
So umschiffen sich die beiden in Gesprächen weiträumig. Man fasst sich eher kurz und ergeht sich in Andeutungen, die man im Zweifelsfall immer noch umdeuten kann, wenn sie tatsächlich so verstanden werden, wie sie gemeint waren. Zu dem Knall, den man als Leser erwartet, kommt es nicht, weil sich keiner von beiden traut, das merkwürdige Gleichgewicht, in dem sie miteinander stecken, zu stören. Adam nicht, weil er an Esra hängt, oder weil sein Ego sich das zumindest einbildet. Und Esra nicht, weil sie augenscheinlich eine Ahnung hat, dass eine Trennung von Adam keine hübsche Sache würde.
Die Gespräche tröpfeln also melancholisch-angespannt vor sich hin – erst als Adam Esra, die gerade im Urlaub ist, am Telefon eifersüchtig anschreit, kommt es endlich zu dieser Szene:
Esra blieb kurz stumm – und dann schrie sie zurück. Sie hatte mich nie vorher angeschrien, und wenn ich beschreiben müsste, wie sich Esras sanfte, dunkle Stimme anhörte, wenn sie schrie, könnte ich es gar nicht, weil ich mich daran absolut nicht erinnern kann. Ich weiss nur, als sie fertig war, hängte sie nicht ein und zog nicht den Stecker raus – sie warf das Telefon gegen die Wand.
Und das hat sehr viel Tragisches. Aber auch sehr viel Schönes, denn es verrät ebenso viel über die condition humaine (die Unfähigkeit zu kommunizieren) wie – übertragen – über die condition kakapodienne (der ewige und wegen Pummeligkeit zum Scheitern verurteilte Versuch, zu fliegen, ohne überhaupt zu wissen, was Fliegen genau ist).
Bei der Lektüre gehört und für empfehlenswert befunden:
• Yeah Yeah Yeahs – Show your bones (2006)
(Zieht im direkten Vergleich sowas von den Längeren gegenüber Standing in the way of Control von The Gossip.)
• The Stooges – Fun House (1970)
André Fromme / Dauerhafter Link / Kommentare (2) / Buch kaufen und selber lesen
Kommentar #1 von JaK:
Ist nun das Foto von dem Huhn von Dir, oder auch das Huhn? Das Bild assoziert, in Esra wird viel gegackert; nicht unbedingt von glücklichen Hühnern. Das Huhn blickt etwas ambivalent aus der Keramik.
"Versuch, zu fliegen, ohne überhaupt zu wissen, was Fliegen genau ist" – So sieht das auch Huhn aus. Oder sitzt es auf dem aus der Wand gerissenen Telefon?
03.12.2007 / 23:02
Kommentar #2 von André Fromme:
Fragen über Fragen... Antworten ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die Zeit drängt:
Das Huhn wurde mir persönlich nicht vorgestellt, liess sich aber gern fotografieren, also warum nicht.
In Esra wird eigentlich nicht viel gegackert (bisher jedenfalls) und auch das Huhn verhielt sich eher still (jedenfalls als ich in der Nähe war).
Das mit dem Fliegen stimmt allerdings.
05.12.2007 / 10:53