28.11.2008 / 20:12 / Ruben Schneider liest: Struktur und Sein (Lorenz B. Puntel)

Toward a philosophical Theory of Everything... In der Philosophie redet man gewöhnlich viel über Leute, die schon seit Jahrhunderten in zwei Metern Tiefe zwischen Schichtenbrettern liegen. Die Frage ist berechtigt, ob's da nicht auch mal was Aktuelles gibt. Der aktuellste Zweig der Philosophie ist die sogenannte Analytische Philosophie, aber in ihr werden meist lauter hochspezifische Einzelprobleme in schwer verdaulichen Fachartikeln behandelt, die kaum den Weg in ein grösseres Publikum finden. Epochale Würfe wie die der grossen alten Denker wird man schwer finden.
Eine wuchtige Ausnahme jedoch gibt es: Das 687 Seiten starke Werk des münchner Philosophieprofessors Lorenz B. Puntel mit dem volltönenden Titel "Struktur und Sein". Das Buch ist 2006 erschienen und seit diesem Jahr auch ins Englische übersetzt (Structure and Being). Es ist das wohl umfassendste, systematischste und modernste Werk der gegenwärtigen Philosophie. Fachleute sind sich einig: Über dieses Buch wird man noch in 200 Jahren sprechen. Das hier ist definitiv keine philosophische Eintagsfliege. Für jeden, der sich ernsthaft für systematische Philosophie und nicht nur Historisches interessiert, ist es ein echtes Muss.
Seine knapp 700 Seiten sind voll von formaler Logik, Mathematik, Semantik und Ontologie. Das werden richtig dicke Bretter zu bohren sein, kein wolkiges Herumsinnieren über Himmel und Erde. Hier wird auf dem höchsten wissenschaftlichen Niveau der ganze philosophische Kanon durchgearbeitet: Die theoretische Systematik, die Erkenntnistheorie, die Frage nach der Wahrheit, die Frage nach den tiefsten Strukturen des Seins, Physik und Kosmologie und die Frage nach Gott, aber auch die Ethik und das Leib-Seele-Problem. Es ist einfach alles drin.
Es handelt sich um eine imposante Wiederauferstehung der abendländischen Seinsmetaphysik in modernem Gewande. Nachdem die Metaphysik durch das Fegefeuer der Neuzeit gegangen ist, ist sie durch die Hintertüre der Analytischen Philosophie wieder da und mit ihr die ganz grossen Fragen der Menschheitsgeschichte. Der Autor, Lorenz Puntel, ist einer der seltenen Fälle, dass ein Gelehrter in mehreren bedeutsamen Denkschulen der Philosophie zuhause ist. Er war erst Scholastiker und dann einer der Jungstars des deutschen Hegelianismus, bis er sich der Analytischen Philosophie zuwandte und auch dort zu einem der führenden Denker aufstieg. Hier schreibt also jemand, der sich wirklich auskennt. – Wer also quasi live miterleben will, wie die Philosophie einen gewaltigen neuen Schritt tut, oder wer einfach nur den geistigen Overkill sucht, der schlägt dieses Buch auf und liest.
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23.11.2008 / 17:21 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Materie, beobachtet. (Bild: Coradia1000, Lizenz.) René Descartes hat seine philosophische Agenda jetzt im Wesentlichen durchgezogen. Der Argumentationsweg war seit der 1. Meditation ganz heftig rationalistisch, empirischer Input musste aufgrund des universalen Zweifels vor der Tür bleiben. Jetzt aber, zum Ende der Meditationen, wird die materielle Welt wieder in einen gebührlichen ontologischen Status gehoben – damit wir alle beruhigt nach Hause gehen können. Hoffentlich.
Es ist von Nutzen, sich zum Beweis der Existenz der Materie nochmal das Szenario vor Augen zu führen, das den universalen Zweifel mit Leben füllt:
Die ganze Aussenwelt mit ihrem Leben und Geschehen, das wir tagtäglich durchmachen müssen, ist nichts als eine dicke virtuelle Fiktion, die uns von einer externen Matrix eingespeist wird: Unser Geist läuft auf einer Art Mental-Plasma und ist mit einem mentalen Interface versehen, das ihm ein komplettes Set an Sinnesreizen liefert, eine dreidimensionale Welt mit allen optischen und sonstigen sensorischen Eindrücken (Geräusche, Gerüche, mechanische Krafteinwirkungen und auch Körpergefühle, etc.). Wie ein perfektes Computerspiel. Diese virtuelle Welt existiert nicht real, sie ist lediglich ein Programm der grossen Matrix. Alle Räume mit ihren Dingen und Ereignissen darin sind mentale Hologramme und existieren nur so lange, als einer oder mehrere "Spieler" anwesend sind; ansonsten verschwinden sie wieder. Man könnte jetzt sagen: Geh doch bei Rot über die Ampel, dann siehst du schon, wie real die Welt ist. Aber auch Unfälle können von der Matrix vorgespielt sein: Ein heftiger virtueller Reiz-Input und dann wird unser Geist runtergefahren.
Materie, unbeobachtet. (Bild: Niemand.) Für dieses Szenario gibt es in der Tat harte Argumente: Die beobachtbaren Eigenschaften eines externalen Objekts entstehen überhaupt erst, wenn ein Beobachter da ist, der sie beobachtet – und sie existieren auch nur so lange, wie sie beobachtet werden. Ein Ding "sieht" nicht aus, wenn niemand da ist, der es anschaut, es macht keine Geräusche, wenn niemand da ist, der hört – beobachtbare Eigenschaften existieren nur als aktuell beobachtete Eigenschaften. Auch wenn man versucht, sich das Objekt vorzustellen, während man es nicht mehr beobachtet, kann man dies in der Erinnerung nur anhand bereits beobachteter Eigenschaften tun. Das äussere Objekt hat an sich auch keine den beobachteten Eigenschaften ähnliche Eigenschaften, denn entweder sind diese ähnlichen Eigenschaften dann selbst beobachtbar und somit in ihrer Existenz von einem Beobachter abhängig und nicht an sich existierend, oder sie sind nicht beobachtbar – dann sind sie beobachtbaren Eigenschaften auch nicht ähnlich. Über ein geistunabhängiges Objekt können wir, so wie es an sich jenseits aller Beobachtbarkeit und Denkbarkeit existiert, überhaupt nichts wissen; auch nicht durch Rückschlüsse, denn man kann nur Rückschlüsse auf etwas ziehen, das irgendwie bekannt sein kann. Was nicht bekannt sein kann, kann auch nicht erschlossen werden. Folglich ist das external-materielle Objekt nicht der Träger der beobachtbaren Eigenschaften. Damit kann man es dem ontologischen Sparsamkeitsprinzip zufolge elimineren (Ockhams Rasiermesser). Denn wozu braucht man einen rein hypothetischen Eigenschaftsträger, von dem man überhaupt nichts wissen kann? Die Objekte unserer Wahrnehmung sind von der Matrix koordinierte Bündel von beobachtbaren (d.h. von beobachteten) Eigenschaften. Wenn mal kein Beobachter anwesend sein sollte, wird die Kontinuität der Objekte dadurch gewährleistet, dass sie als für uns potenziell beobachtbare Dinge im Programm der Matrix enthalten sind (und somit von der Matrix selbst permanent als ihre eigenen Gedanken aktuell wahrgenommen werden). Es gibt also keine substanziell existierende materielle Welt hinter den empirischen Beobachtungen.
Diese These lässt sich nicht empirisch widerlegen, denn man kann nicht mit empirischer Beobachtung hinter die empirische Beobachtung gucken, ob da was Reales ist oder nicht. Descartes widerlegt die These also metaphysisch, indem er die Existenz Gottes bewiesen und damit die Existenz der betrügerischen Matrix ausgeschlossen hat. Gott täuscht uns nicht, ergo gibt es die Materie als Objekt unserer Beobachtungen.
Ich habe ein grosses Problem mit diesem Argument. Descartes sagt, es wäre Betrug, wenn Gott uns die materielle Welt nur vorgaukeln würde. Aber andernfalls hätte er Dinge geschaffen, von denen wir niemals irgendetwas erfahren können – wer erzeugt dann jedoch unsere Beobachtungen? Die materielle Welt ausserhalb aller Beobachtbarkeit vermag dies nicht, denn was von sich her ausserhalb aller Beobachtungen steht, ist per definitionem unbeobachtbar – und etwas, das per se unbeobachtbar ist, kann keine Beobachtungen erzeugen, sonst wäre es ja nicht unbeobachtbar. Kurz: Eine jenseits aller Beobachtungen existierende Materie wäre ein komplett unerkennbares und zudem völlig nutzloses Etwas. Sinnlose Dinge zu erschaffen geziemt sich aber für Gott ebensowenig, wie uns zu betrügen.
Meine provokatorische Frage an Descartes wäre jetzt: Warum sollte es Betrug sein, wenn es hinter den Beobachtungen eben nichts gibt ausser Gott? Die Ontologie, die nur Beobachter und einen Beobachtungen erzeugenden unendlichen Geist annimmt, ist sparsam und einfach und erklärt den ganzen Laden bestens. Dass wir im Alltag glauben, es gebe da tatsächlich so etwas wie geistunabhängige Materie, ist halt nur ein nützliches Feature zur einfacheren Handhabung. Betrug wäre für mich viel eher, wenn da irgendwo ein Zeug herumexistiert, von dem per se niemand jemals etwas wissen kann.
Ich verlasse die Descartes-Lektüre im Dissens mit dem grossen Meister. Was er beweisen wollte, nämlich die externale Existenz der Materie, hat er für mich noch lange nicht bewiesen. Ich werde zum radikalen Idealisten: Es gibt nur Mentales – meinen Geist, den Geist anderer Leute und den unendlichen Geist Gottes.
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