30.10.2008 / 13:12 / André Fromme liest: Bücher (von Autoren)

Scharbock adé. (Bild: bascht, Lizenz: CC 2.0)Georg Forster war Sauerkraut-Fan. In seiner »Vorrede« zur eigentlichen Beschreibung der »Reise um die Welt« wird er nicht müde, die Vorteile des guten deutschen Sauerkrauts zu preisen, von dem die Verpflegungsspezialisten der englischen Krone in ihrer Weisheit unzählige Fässer in den Bäuchen der beiden Schiffe HMS Resolution und HMS Adventure verstaut hatten.
Sauerkraut ist – wie auch die Engländer finden – prima gegen den Scharbock, hält ewiglich und schmeckt vorzüglich, wie Forster nicht müde wird zu betonen. Aufgrund seiner Zeilen halte ich ihn inzwischen allerdings für einen derart grossen Sauerkraut-Fan, dass ich mir nicht sicher bin, ob die Engländer wirklich so begeistert vom deutschen Sauerkraut waren wie Forster es darstellt.
Die Wirklichkeit sah vermutlich so aus: Forster fragt beim Essen alle zwei Minuten nach, ob dieses deutsche Sauerkraut nicht sagenhaft sei. In den ersten Tagen lässt man sich hierüber noch auf Diskussionen ein, lernt daraus aber schnell und nickt bald auf Forsters Drängen hin nur noch freundlich. Einige werden sogar etwas keck und loben das Sauerkraut über den grünen Klee hinaus – um dann, sobald Forster sich zufrieden und mit stolzgeschwellter Brust seiner eigenen Portion zuwendet, den Teller mit einer eleganten Handbewegung über Bord zu befördern. Die der Bordwand abgewandt Sitzenden haben, um Sauerkrautflugunfälle zu vermeiden, recht bald einige der Bordratten darauf trainiert, Sauerkraut zu vertilgen. Zur Hilfe kommt ihnen dabei, dass Ratten relativ einfach konditionierbar sind und sich obendrein nicht erbrechen können.1
Nach diesen kulinarischen Beschreibungen folgt nun endlich das erste Hauptstück – die »Farth von Plymouth nach Madera«. So hofft man jedenfalls, doch vor der ersehnten Abfahrt wird die Geduld der Mitreisenden auf eine harte Probe gestellt – die Fahrtbefehle wie auch Captain Cook höchstselbst müssen zunächst noch eintreffen, bevor man in See stechen kann. Zum Zeitvertreib schaut man sich die Zinnbergwerke der Gegend um Plymouth an, wo man »Vergnügen und Unterricht« findet. Daran kann sich noch heute jede Schülergruppe auf Klassenfahrt ein Beispiel nehmen. Kaum zehn Tage später, am Montag, dem 13. Juli 1772, segeln die Resolution und die Adventure gemeinsam ab, was Forster mit den folgenden unsterblichen Worten beschreibt:
Ich kehrte einen Abschieds-Blick gegen Englands fruchtbare Hügel zurück, und lies dem natürlichen Gefühl der Verbindungen, woran mich diese Aussicht erinnerte, freyen Lauf [...]
Dem mag ich kaum noch etwas hinzufügen.
Einige Tage später scheinen Forsters Tränen getrocknet und er ist nachgerade empört über das weibische Verhalten der beiden königlich-britischen Schiffe gegenüber einer kleineren spanischen Flotte. So sehr Forster ja in der Fremde auch Feingeist sein mag, so sehr scheint er im heimischen Europa dafür zu sein, dass man sich gegenseitig auch ruhig mal zeigt, wo der Bartel den Most holt.
Das kann noch eine spannende Weltumseglung werden.
1 Bevor sich hier jemand darüber beschwert, ich betreibe hier Anti-Sauerkraut-Propaganda: ich persönlich mag Sauerkraut ganz gern, halte es aber für etwas, womit man aufgewachsen sein muss, um es gut zu finden. So ähnlich wie Vegemite oder Marmite also.
André Fromme / Dauerhafter Link / Kommentare (2)
14.10.2008 / 23:33 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Auch so ein Ding: Ein gutes Buch. Einem schlichten, aber geschätzten Weltbild zufolge besteht die Wirklichkeit aus einer dicken Raumzeit-Blase namens 'Universum' und einem Haufen Gerümpel, welches in dieser Blase herumfliegt: Galaxien, Sterne, Moleküle, Elementarteilchen, Bäume, Tiere, Hemdknöpfe und Hochhäuser insolventer Kapitalgesellschaften. Aber auch Beine, Nasen, Nieren und Gehirne. All diese Dinge haben gemeinsam, dass sie eben Dinge sind. Der Philosoph David McNaughton sprach vom 'furniture of the universe', dem Mobiliar des Universums – all die Gegenstände, mit denen das Universum so eingerichtet ist. Aber was ist mit Gedanken, Zahlen, Symmetrien, ethischen Werten, Gefühlen, Insolvenzhaftungen oder dem nackten Ich in mir? Sind das auch Gegenstände wie Hochhäuser und Nierensteine?
Als wir unsere schweifende Aufmerksamkeit der 6. Meditation von Descartes zugewandt hatten, haben wir gesehen, dass es für Descartes eine mögliche Welt gibt, in welcher der Geist ohne Körper existieren kann. Mein Geist und mein Ich sind also treffliche Kandidaten für Universumsmöbel. Und so sagt Meister Descartes auch: Der Geist ist ein Ding, eine res cogitans. Oder, im Fachjargon: Eine vollständige Substanz (wobei mit 'Substanz' in der Philosophie kein chemischer Stoff gemeint ist, sondern einfach ein, nunja, Ding). Und dies war für Descartes' zeitgenössische Kritiker eine ziemlich heftige Ansage. Denn die Philosophen hatten vorher jahrhundertelang gelehrt, dass der Geist nur eine sogenannte 'unvollständige Substanz' sei. Das heisst: Der Geist ist ohne Körper so unvollständig, dass er in keiner möglichen Welt als eigenes Ding herumexistieren kann. Er kann höchstens ausserhalb aller möglichen Welten unter bestimmten Sonderkonditionen sein Dasein halten: Nach dem Tod von Gott getragen, solange, bis am Jüngsten Tag die Welt renoviert und ihm ein neuer Leib geschenkt wird.
Descartes hat also recht wuchtige Vorstellungen von der Natur des Geistes und seiner Unabhängigkeit vom Körper: Er hat den Geist quasi verdinglicht. Für eine breite Tradition an Denkern, die von Aristoteles über Thomas von Aquin bis zu Ludwig Wittgenstein reicht, ist das Mentale hingegen kein 'Ding', sondern eher ein komplexes System von Dispositionen und Kapazitäten eines ganzen Organismus im Zusammenspiel mit seiner Umwelt.
Letztens hatte ich oben abgebildetes Buch in den Händen, von einem gewissen David Braine über Philosophy of mind. Er vertritt eine hochinteressante These: Der heutige Materialismus, der alles Mentale auf Materie reduzieren will (insbesondere auf das Gehirn und sein Funktionieren als Zentralprozessor der Körpermaschine) bekämpft Descartes bekanntlich bis aufs Messer. Descartes ist schliesslich nicht umsonst der grosse Anti-Materialist in Sachen Geist und Seele. Aber: Indem Descartes den Geist verdinglicht hat, hat er überhaupt erst die Möglichkeit geschaffen, ihn mit dem Gehirn zu identifizieren. Um etwas mit einem Ding zu identifizieren, muss man es erstmal zu einem Ding machen. Wenn aber der Geist gar keine solche Ding-Entität ist, kann man ihn schwerlich mit einem paar Kilogramm schweren Klumpen Eiweissschleim gleichsetzen.
Mit anderen Worten: Der Anti-Materialist Descartes ist der Vater des modernen Materialismus. Ich finde das ziemlich überzeugend und ein schönes dickes Ding zum langsamen Ausklang der Dingsbums-Lektüre.
Ruben Schneider / Dauerhafter Link / Kommentare (4) / Buch kaufen und selber lesen