21.11.2007 / 11:04 / Bruno Klang liest: Ein unauffälliger Mann (Charles Chadwick)
Sollte jemand da draussen (Ich stelle mir das Internet immer als "drinnen" vor, die restliche Welt ist "draussen"; ich weiss, das ist strittig) gerade an einem brisanten Roman arbeiten, in dem sehr junge Mädchen den Helden zum Fernsehgucken besuchen, und dieser anschliessend unschuldig dreckiger Absichten verdächtigt wird, so sei er hiermit gewarnt. Es kommt in Kempowskis "Hundstagen" vor, dort schauen die Mädchen immer Tom & Jerry, und es passiert mit Ripple, dort knabbern die Mädchen Jaffa-Kekse, bis ihre Mutter erbost sein Wohnzimmer stürmt:
In erster Linie jedoch dachte ich daran, was für eine Dreistigkeit es gewesen war, in einem fremden Haus den Fernseher auszuschalten, vielleicht sogar zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit.
Aber was ist schon unschuldig? Hier bitte:
Aber die Wahrheit ist, auch wenn ich sie nie anrührte, so wollte ich es doch ... ein nackter Arm, eine Wange, ein nacktes Bein, sie mir aufs Knie setzen ... Mehr gibt es nicht, was ich mir noch eingestehen könnte.

William Holman Hunt, Awakening Conscience Quelle Damit ist Tom Ripples Zeit in Suffolk auch schon vorbei. Wir schreiben mittlerweile 1990, er geht zurück nach London und zieht nach Highbury in eine kleine Mietwohnung. Ja, natürlich sind auch wieder seltsame Nachbarn da, nicht zuletzt die beiden kleinen Balletttänzerinnen in der Wohnung unter ihm, immerhin sind die volljährig. In seine Wohnung hängt er eine Reproduktion von William Holman Hunts "Awakening Conscience", mit der wir, Chadwick und Ripple den Bogen erwachend zur Unschuld wieder schliessen.
Übrigens: Wie finden Sie das eigentlich als Leser, dass man Bilder, die in Romanen herumhängen, sofort und problemlos drinnen googeln kann? Einerseits: Sie wissen dann, wie das Bild aussieht. Andererseits: Sie wissen nicht mehr, wie dieses Bild hätte für Sie aussehen können, wenn es nicht mehr so leicht erreichbar ist, und Sie es vielleicht erst Jahre später in einer Monographie entdecken und Sie längst vergassen, von woher und warum Sie dieses Bild einmal suchten.
Zustand: Ich habe noch immer nicht über Humor und Mitleid geschrieben.
Prophezeiung: Balletttänzerinnen, au weia.
Bruno Klang / Dauerhafter Link / Kommentare (5) / Buch kaufen und selber lesen
21.11.2007 / 01:34 / Aleks Scholz liest: The Road to Reality (Roger Penrose)

Auf mehrfachen Wunsch: Die Penrose-Punktwolke, angewandt auf eine beinlose Ente.Eigentlich das Schwierigste beim Umgang mit der Wirklichkeit ist das Management der eigenen Dummheit. Es ist ein diabolischer Balanceakt: Ganz schlecht ist es, mit der eigenen Dummheit hausieren zu gehen, sie als Feigenblatt für mangelnde Sekundärtugenden vor sich herzutragen oder, noch schlimmer, sie kokett als nächstes grosses Ding zu verkaufen. Ebenfalls schlecht aber auch das andere Extrem: Die eigene Dummheit derart ernst zu nehmen, dass man von ihrer Allgegenwart, und sie ist allgegenwärtig, man wird seinen Kopf ja nicht los, erdrückt wird. Man darf sich wegen der eigenen Dummheit weder besonders toll fühlen noch besonders schlecht; man darf sie weder gutfinden noch darüber klagen. Die Dummheit existiert vollkommen entkoppelt vom Versuch, sie zu verkaufen oder sich ihr zu unterwerfen. Dummheit ist eine leidenschaftslose, unmenschliche Substanz – etwa so wie Meer oder Bier.
Ich gebe zu, dass ich eher dazu neige, meine Dummheit als Last zu empfinden, was falsch ist, denn was man als Last empfindet, ist auch eine. Dann wiederum neige ich dazu, die eigenen Lasten in Leuchtfarben auf grosse Plakate zu schreiben und durch Fussgängerzonen zu tragen, sinnbildlich wenigstens. Die erstgenannte Neigung stört beim Penrose-Lesen, die zweite beim Schreiben über das Penrose-Lesen, so dass ich mir wie im Zweifrontenkrieg vorkomme. Make this three, denn Penrose selbst ist natürlich auch ein Problem. Zum Beispiel in seinem leichtsinnigen Umgang mit den Cauchy-Riemann-Gleichungen, die, man hörte bereits davon, die Bedingungen für die Differenzierbarkeit komplexer Funktionen liefern. Erst erwähnt Penrose die CR-Gleichungen in Kapitel 7, und zwar ohne sie hinzuschreiben. Und dann erwähnt er sie nochmal in Kapitel 10 aus einer anderen Perspektive, wieder ohne sie hinzuschreiben. Merke: Etwas von zwei verschiedenen Seiten betrachten hilft nicht, wenn man es in einem dunklen Raum tut.
Ansonsten handelt Kapitel 10 von Oberflächen. Es geht um Skalar- und Vektorfelder auf Oberflächen, was langweilig klingt, aber, ach, fuck it, ich erkläre es zur Abwechslung mal: Wenn man über einen schottischen Berg geht, sagen wir über Beinn Mheadhoin (gespr.: Behn Vion), dann nimmt man vom Berg normalerweise nur seine Oberfläche wahr, eine interessant gewölbte zweidimensionale Struktur. Jetzt kann man zum einen an jedem Punkt dieser Oberfläche die Temperatur messen. Im Moment zum Beispiel zwei Grad plus auf dem Gipfel, brütende Hitze. Da Temperaturen keine Richtungen haben, obwohl es sich manchmal so anfühlt, heissen sie skalare Grössen, die Verteilung der Temperaturen über Beinn Mheadhoin also ein Skalarfeld. Zum anderen aber hat der Berg an jedem Punkt des Weges eine Steigung. Diese allerdings hat eine Richtung, wie man unschwer durch Herumklettern feststellen kann. Dinge mit Richtungen heissen Vektoren: ein Vektorfeld. Genaugenommen sogar ein Vektorfeld, das das Differential eines Skalarfeldes ist, nämlich das der Höhe über dem Meeresspiegel. Total kompliziert, so ein Berg.
Ich war jetzt seit Samstag nicht mehr am Meer und zum Dudelsacküben kommt man auch kaum noch. Entweder ist es schon dunkel draussen oder es ist Nacht und der Nachbar schläft schon. Drecksjahreszeit.
Sekundärliteratur: Die Ableitung der Cauchy-Riemann-Gleichungen. Nicht etwa zum Abschrecken, auch nicht zum Ergötzen, sondern als Service.
Aleks Scholz / Dauerhafter Link / Kommentare (27) / Buch kaufen und selber lesen
20.11.2007 / 22:20 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Das hat mit Descartes jetzt fast nichts zu tun. René Descartes ist nicht da. Er ist in der U-Bahn liegengeblieben, und ehe sein Lesemaschinenleser dies bemerkte, waren die vollautomatischen Türen des Untergrundzuges schon wieder ins Schloss gefallen und das Buch wurde unter Getöse in den dunklen Tunnelschlund hineingezogen.
Darum erfolgt nun abwechslungshalber der Blick in ein anderes Buch, um mich nicht dem dieser Tage umgehenden Vorwurf des Untätigseins auszusetzen. Ich bleibe auch möglichst themennah, also zog ich heute Nachmittag aus den Regalen der Universitätsbibliothek wach und zielsicher eine Monographie aus dem Themenkreis "Cartesische Philosophie" heraus. Auf dem Heimweg merkte ich, dass es sich um ein hier abgebildetes Taschenbuch über deutsche Geschichte und bei näherer Betrachtung sogar über den "Deutschen Bund im europäischen Staatensystem" handelte. Nun. Das ist ja ebenfalls ein wichtiges Thema. Meine historische Landkarte gleicht nämlich einem halbherzigen Bombenteppich, ein leeres Feld mit vereinzelten Einschlägen, die ungefähr präsente Ereignisse in der Weltgeschichte darstellen: Das bewegende Ende des Pleistozän, der Niedergang von Byzanz, die nützliche Erfindung des Rades, des Schiesspulvers und des Grammophons, die Französische Revolution, der Tod von Reichspräsident Hindenburg, die Explosion des Zeppelins Hindenburg, um nur die Mehrzahl mir bekannter Daten zu nennen.
Also, Wiener Kongress, 1814/1815. Man liest gleich am Anfang klangvolle Aussenministernamen, Klemens Lothar Wenzel von Metternich, Robert Steward Marquess of Castlereagh, Karl August von Hardenberg. Diese Herren agierten nach den napoleonischen Kriegen, als es – wie so oft in der Weltgeschichte – um die Neuordnung zerrütteter Neuordnungen ging. Die Devise lautete vernünftigerweise: "Richtig gezogene Grenzen, das ist die beste Friedensgarantie", im Gegensatz zu unverbindlichem Herumvertrauen in die Ortskenntnis blaublütiger Landesherren – eine Devise, die nicht nur der russische Zar als persönlich ziemlich kränkend empfand. Sympathischer ist da Fürst Metternich, sein diplomatisches Geschick entfaltete sich offenbar vornehmlich auf Bällen, Konzerten, in Damenzimmern und Herrensalons. Polen und Sachsen sollten – wie auch so oft in der Geschichte – zwischen Russland und Preussen zerteilt, eingereiht und unterjocht werden. Diplomatengeschacher, beleidigte Kaiser, entnervte Staatsminister, militärisches Säbelrasseln, und: Vielfarbige, multikulturelle Friedensdemonstrationen in Österreich, schon 1815! Ich muss deutlich mehr Geschichtsbücher lesen.
Soweit also die ersten zehn Seiten dieses bildenden Buches. Ungefähr in der Mitte finden sich Lieder. Morgen bestelle ich aber einen neuen Descartes.
Ruben Schneider / Dauerhafter Link / Kommentare (2) / Buch kaufen und selber lesen
19.11.2007 / 12:21 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)
Seite xv-xvi von Everything Bad Is Good For You enthalten vorbildlicherweise eine Zusammenfassung des restlichen Buchs, eigentlich könnte man das Lesen an dieser Stelle auch gleich wieder einstellen. Andererseits steht da auch nicht mehr, als man durch Osmose von Zeitgeistthemen ohnehin schon weiss, das Buch enthält aber sicher noch ein, zwei Informationen, die darüber hinausgehen.
Im Prokrastinationsbuch wird man auf die Einleitung verweisen müssen, in der Johnson ausführlich sein Kindheitshobby Baseball-Simulationen auf Papier beschreibt. Der Spielvorgang dürfte dabei für Ausserirdische ununterscheidbar vom Ausfüllen der Steuererklärung sein (bei beidem kommt gemeinhin ein 20-seitiger Würfel zum Einsatz). Was macht also die Arbeit zur Arbeit und das Vergnügen zum Vergnügen? Komplexität kann schon mal nicht das Unterscheidungskriterium sein.
Im ersten Kapitel, "Games", geht es dann um die Frage, warum Computerspiele keine Zeitverschwendung sind. Es ist natürlich genaugenommen in diesen glücklichen Zeiten gar nichts mehr Zeitverschwendung; die Tätigkeit, die einen nicht wenigstens zum Computerspielerezensenten oder Seriendrehbuchautor qualifiziert, muss erst noch erfunden werden. Beim Lesen der Johnsonschen Buch-Computerspiel-Vergleiche wird mir klar, dass die Lesemaschine ein fossiles Gerät aus dem vorigen Jahrtausend ist, man hätte eine Spielemaschine gründen müssen, warum sind wir da nicht selbst draufgekommen? Jetzt ist es zu spät, wir sitzen in der Falle und müssen uns mit einem Unterhaltungsmedium befassen, das seine beste Zeit hinter sich hat. Aber wer weiss, vielleicht kommt uns bald die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne unserer Generation zu Hilfe, alle Autoren verlieren das Interesse an der Lesemaschine, und wir können endlich die von Kai Schreiber intern bereits geforderten Projekte Musikmaschine, Filmmaschine und Belegte-Brote-Maschine in Angriff nehmen.
Fundort: Bücherregal von Aleks Scholz ("Hilft ungemein, wenn man mitreden will. Ich habe letztes Jahr eine ganze Tagung nur mit diesem Buch bestritten.")
19.11.2007 / 08:29 / Angela Leinen liest: Klagenfurttexte
1981 las Ilma Rakusa "Zwei wahre Geschichten"
Ilma Rakusa (rechts) 2006 mit Daniela StriglLesezeit: Donnerstagmittag
Anfang 1. wahre Geschichte: "Treffen in Reykjavik":
Weil ich nicht weiss, was ein Peristyl ist, stelle ich die Lektüre zurück und blättere im Literaturteil der Zeit herum, der ja von Iris Radisch (Jury 1995-2000 und seit 2003) verantwortet wird. Macht auf mit einer Besprechung der "Hefte aus Kriegszeiten" von Marguerite Duras. Bekannte Duras-Übersetzerin: Ilma Rakusa (Kandidatin 1981, Jury seit 2003). Diese nun hat aber Anne Weber (Kandidatin 2005) übersetzt. Hinten schreibt Hanns-Josef Ortheil (Kandidat 1982) über Robert Gernhardt. Ursula März (Jurorin seit 2003) rezensiert ein Buch namens "Manieren 2.0". Und innen bespricht Ulrich Greiner (Jury 1980) das neue Buch von Juli Zeh (Kandidatin 2004).Ann, Er und der Dritte gehen durch einen schütteren Birkenhain auf das Haus zu. ... das Peristyl erinnert nur von ferne an ein Peristyl und steht im Norden von Reykjavik.
Ich finde das umständlich und blutleer, aber vielleicht ist "schwarzes Pulver" ein Hinweis, und später wird doch noch geschossen. In den letzten Tagen Schwierigkeiten einzuschlafen. Verschwunden. Den Text trage ich vom Sofa zum Bett und zurück.Er kommt auf Kaffee zu sprechen, macht schon Anstalten, das schwarze Pulver aufzustöbern, aufzukochen, aufzutischen, als der Dritte das Paar geradewegs anpeilt: "Wie kommt ihr zurecht?"
Marionetten, damit sind bestimmt diese Leute gemeint, Ann und Er. Hölzern, sprachlos, nebeneinanderher. Sowas halt. Das Baumeln macht mich müde. Morgen lese ich weiter. (Baumelnde Tapeten. Sinkende Hoffnung auf Schüsse.)Wände, mit Riesenmarionetten volltapeziert, die leblosen Dinger baumeln freundlich herab ...