22.11.2007 / 17:30 / Kai Schreiber liest: The Power Broker (Robert A. Caro)

Leitern. Besteigen? Vom Bahnsteig aus sieht man am Journal Square – seine Geschichte kennt ihr ja schon – auf beiden Seiten Felswände, drüber ein von Jahrzehnten durchrumpelnder Züge schwarz gewordener Schatten. Bei der Einfahrt in die Höhle sprühen Funken immer an derselben Stelle, als schweisse draussen vor dem Wagen jemand den Sprung in der Welt notdürftig zusammen: Aufhebung der Ursünde im Lichtbogen des abbremsenden Nahverkehrs.
Oben an der schwarzen Decke, auf den Pfeilern, wohnen Tauben. Man sieht das zuerst nicht, so wie man die Mäuse auf den Schienen und zwischen dem Müll nicht sieht, muss ein paar Minuten hinsehen, und dann treten sie aus der Schwärze auf ihre kleine Bühne und spielen ihr Leben vor. Dort unter der dunklen Decke wird der Vogel bald sein Nest bauen, oder vielmehr ja ein "Nest", einen Haufen Dreck und Taubenscheisse zusammenscharren, ein Ei reinsetzen, ein Kind rauswerfen, ehe er dann vom Habicht zerfetzt und vom Taxi überfahren wird. Ein kleines Leben ist das, aber die Ähnlichkeiten mit meinem eigenen rühren mich doch, die Ambitionen, die Hoffnungen. Dabei werde ich selbst vermutlich weder ein Ei legen noch von einem Taxi überfahren werden.
Am anderen Ende der Skala stehen Biografien wie die von Al Smith, dem Gönner und Förderer unseres Helden, wie ich Moses von jetzt ab nennen werde, aus Scheiss. Das Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen, das an Dimensionen gewinnt, wenn man den Spaziergang über die Brooklyn Bridge schon mal selbst gemacht und die Tenements in der Lower East Side selbst gesehen hat, und die wacklige Flugbahn nach oben und nach Norden, bis zum Einschlag im Gouverneurspalast, die Ähnlichkeitsmaschine sucht nach Parallelen. Die Gesetzestexte, von denen Smith nichts versteht, und in denen er sich dennoch Jahr um Jahr vergräbt, sind sie nicht wie ein Flug quer über einen Kontinent, den man sich nicht leisten kann, und den man antritt nur um dort vor einer Prüfungskommission kampfzutanzen? Oder wie das Taubenei, schnell gelegt und schneller noch zu Gips getauscht.
Nein, sind sie nicht.
Kai Schreiber / Dauerhafter Link / Kommentare (1) / Buch kaufen und selber lesen
22.11.2007 / 12:54 / Jochen Schmidt liest: Liebe als Passion (Niklas Luhmann)

patior – pati – passus sumLuhmann gilt als Autor, bei dem jeder Satz ein Türsteher für einen Club ist, in dem Männer sitzen und erfolgreich kommunizieren. Ich will ja auch gar nicht rein, nur mal gucken, ob wer da ist, den ich kenne. Komisch, dass Luhmann als trocken gilt, nur weil er unverständlich schreibt, und Celan mit denselben Mitteln die Frauenherzen erobert. Aber gibt es überhaupt zwei verschiedene Unverständlichkeiten auf der Welt? Ist nicht jeder Text, den ich nicht verstehe, ein Gedicht?
Wie in jedem meiner Bücher steckt auch im Luhmann ein Bleistift, an der Stelle, wo ich bei der Lektüre aufgegeben hatte, hier auf Seite 42. Ich könnte also diesmal einfach nur die beim ersten Anlauf angestrichenen Stellen lesen, aber das würde bei Luhmann nicht mal schneller gehen, eine der Eigenheiten seines Stils. Ausserdem stelle ich bei einer Stichprobe fest, dass mir dann der Satz: "Parsons hatte bereits gelegentlich den Gedanken, dass ein differenziertes System nur deshalb ein System ist, weil es durch Differenzierung entstanden ist", entgangen wäre. Es gibt Tage, an denen ich ihn verstehe.
Ein Vorwurf von Seiten der Frauen an mich war immer, ich würde "alles" zerreden. Dabei kann man über "alles" gar nicht reden. "Entsprechend wird Liebe hier nicht [..] als Gefühl behandelt, sondern als symbolischer Code, der darüber informiert, wie man in Fällen, wo dies eher unwahrscheinlich ist, dennoch erfolgreich kommunizieren kann." Beim nächsten Mal versuche ich es mit diesem Kompliment: "Sie wirken wie jemand, mit dem man erfolgreich kommunizieren kann." Schöner kann man es nicht sagen, nur dass es in der Liebe bekanntlich keinen Schönheitspreis gibt.
Die Theorie wird zeigen "dass Liebe nicht nur eine Anomalie ist, sondern eine ganz normale Unwahrscheinlichkeit." Das klingt beruhigend, auch wenn es nur ein geringer Trost ist, dass das eigene Leid lediglich unwahrscheinlich ist und nicht anomal. Dass der Code dazu ermutigt, entsprechende Gefühle auszubilden, und ohne Liebesromane niemand verliebt wäre, ist ja ein alter Hut. Luhmann hat für seine Untersuchung Romane des 17. und 18.Jahrhunderts gelesen, sich bewusst zweit- und drittrangige Literatur gesucht und "ein unsachliches Prinzip der Zitatauswahl gelten lassen, nämlich die sprachliche Eleganz der Formulierung." Wie schön, wo doch in der Wissenschaft Eleganz heute das fest verrammelte Tor ist, durch das sich die Unsachlichkeit keinen Einlass mehr verschafft.
Wörter, zu schön, um in der Soziologie zu versauern: – "anplausibilisieren", "Selbstbeweglichkeit"
Jochen Schmidt / Dauerhafter Link / Kommentare (1) / Buch kaufen und selber lesen
22.11.2007 / 11:28 / Sascha Lobo liest: Der ewige Spiesser (Ödön von Horvath)
Angenommen, jemand bräuchte ein Beispiel für das Stilmittel Untertreibung, dann würde derzeit gut passen: Sascha Lobo hat extrem schlechte Laune. In Wirklichkeit ist Sascha Lobos Laune von einer erdkernnahen Unterirdik, von der man noch in vielen Jahren nicht sprechen wird aus Angst. Über die Gründe möchte ich schweigen. Der Leser muss jedoch keinesfalls befürchten, dass dieses Launeloch sich negativ auf mein Lesemaschinenverhalten auswirkt. Im Gegenteil! Hier hilft mir ein Gehirnenzym, das Aggressivität in Produktivität umwandelt – was auch der Grund ist, weshalb ich Kathrin Passig, wenn sie in anderthalb Wochen aus Schottland zurückkommt, einen so grossen Brocken Prokrastinationsbuch vorlege, dass sie vor Freude nichts sagt. Bei derartig gigantischen, riesigen, notwendigen und weltverändernden Aufgaben wie diesem Buch ist es sinnvoll, wenig Respekt davor zu haben und es nicht unnötig gross zu reden. Das Gehirnenzym wandelt leider nicht sämtliche Aggressivität um, und so gehe ich ungewohnt kantig, man kann fast sagen: ungeschmeidig in die Lektüre. Es hilft, den Protagonisten ersteinmal in Grund und Boden zu hassen und das ist ja nun bei Kobler besonders leicht, diesem widerwärtigen Teilzeitfaschisten. Gleichzeitig kann ich meine Aufregung über die derzeitige sozialpolitische Entwicklung dort mithineinbringen, die sich am konservativen Widerstand gegen den Mindestlohn festmacht.
Nun ist in alten Büchern Parallelen zur Gegenwart zu suchen ebenso gefährlich wie alte Theaterstücke in die heutige Zeit zu übersetzen; Romeo als DJ kann schnell noch bedeutend unfrischer wirken als das Original und schliesslich zerfasert alles zu Metaphernbrei ohne tiefere Aussage. Der ewige Spiesser aber ist von von Horvath schon im Titel so angelegt, dass er universalverwendbar ist und so kann man Hauptfigur Kobler bescheuert finden und Spiesser, den Neokonservativen von heute meinen. Ich sehne mich nach einem Neocon, der aufsteht und sagt: "Also, ich bin gegen den Mindestlohn, weil ich den verdammten Pöbel nicht ausstehen kann, weil ich mich für etwas Besseres halte und weil ich glaube, dass das dumme, ungebildete Volk es nicht besser verdient hat: wenn es nicht hart arbeitet, soll es ihm ruhig schlechtgehen. Das mit dem Markt ist mir im übrigen gar nicht so wichtig, wie ich immer sage, Subventionen für meine Branche finde ich zum Beispiel super. Früher wäre ich bestimmt adelig gewesen." Kobler denkt ganz ähnlich, sicher wäre auch er gegen den Mindestlohn, aber: er denkt es eben nur. Es ist sehr geschickt von von Horvath, seinen Figuren im Buch mitten in Dialogen überraschende, entlarvende Sätze unterzuschieben, die aber mit "dachte er" schliessen. Die Differenz zwischen gedachtem und gesagtem Mut, das ist das Hauptmerkmal des Spiessers von von Horvath ebenso wie das des heutigen Spiessers.
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21.11.2007 / 22:18 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)
Dieses Buch stinkt. Obwohl es nagelneu ist (2. Auflage der Sonderausgabe vom Dezember 1999, Rowohlt), riecht es wie fussschweissige Turnhallenmatten. Von welchem Teil des Buchs das Muffeln herrührt, Hochglanzseiten, normale Seiten, Klebebindung, Pappeinband, ist nicht auszumachen. Warum werden Verlage nicht klüger, was stinkende Bücher angeht? In allen Lesememoiren berühmter Leute ist vom Wohlgeruch neuer Bücher die Rede, da kann man doch mal in den Auftrag an die Druckerei schreiben: Das Buch soll bitte nicht nach Turnhallenschweiss stinken.
Ich habe "Götter, Gräber und Gelehrte" wie jeder normale Mensch schon mal mit 14 gelesen. Die Leseontogenese rekapituliert die Lesephylogenese, und in der Pubertät arbeitet man sich allmählich durchs zwanzigste Jahrhundert, bis sich die Lesekiemen verwachsen. Später muss man dann ersticken, wenn man auch nur die erste Seite eines Buchs von Heinrich Böll aufschlägt.
Der erste Satz lautet:
Schon aus Misstrauen muss ich jetzt natürlich alles ganz von vorne lesen, wer weiss, worüber der Autor hier hinwegtäuschen will. Und es ist leider immer noch alles so interessant wie damals, das ganze Erwachsenwerden war für die Katz, ich hätte genausogut 14 bleiben können. Wahrscheinlich stimmt das alles überhaupt nicht, was Ceram da behauptet, aber ist mir ein Funken Kritikfähigkeit zugewachsen? Willenlos fahre ich auf der Kindereisenbahn durchs antike Wunderland, rechts Herculaneum, links Winckelmann. Wäre nicht der beissende Gestank, ich hätte noch einmal alle 447 Seiten lesen und neue, grossartige Berufswünsche fassen müssen. Aber dafür reicht die Zeit nicht, denn ich habe zu tun, vom Nichtstun wird man nicht zum C.W. Ceram der Prokrastinationsforschung. "Götter, Gräber und Gelehrte" ist in einer Auflage von fünf Millionen erschienen, da müssen Lobo und ich noch hin, und was ist daran bitte unrealistischer als an Heinrich Schliemanns Jugendplänen?Ich rate dem Leser, das Buch nicht auf der ersten Seite zu beginnen.
21.11.2007 / 14:31 / Stese Wagner liest: Der grosse Gatsby (F. Scott Fitzgerald)

Stese Wagner (unfassbarerweise nicht eingeladen). Foto: Jan BölscheWenn man das Buch vom grossen Gatsby liest, hofft man natürlich von Anfang an, dass man irgendwann sein Anwesen in West Egg betreten wird – und herausfindet, was ihn so "great" macht. Irgendwann (genauer gesagt, ab Seite 45) verändert sich das. Die Neugier auf Gatsby als Person verblasst neben dem grossen nagenden Wunsch, einfach nur auf eine seiner Gartenparties gehen zu dürfen.
Ach, was für Gartenparties! Honigsüss fliessen die Worte über die Seiten, die diese Parties beschreiben. Und man selbst, die angehende Dandyette, sieht sich natürlich gleich mittendrin: Beim Sonnenbaden am Privatstrand, beim Trinken von zuckrigem Apfelsinensaft (den Butler mit Spezialmaschinen hergestellt haben!), beim Bewundern von Paradiessalaten am opulenten Buffet, beim Luftküsschen-Tausch mit schicken Bubikopfmädchen, beim Tanzen mit Männern in gutsitzenden Anzügen und – natürlich! – beim Flüstern und Sekt unter Sternenhimmel. Herrlich!
Die Enttäuschung ist dann verständlicherweise gross, wenn statt einem selbst der langweilige Ich-Erzähler auf die Party geladen wird. Und man zusehen muss, wie er sich dort nicht mal richtig amüsiert: Er trinkt zwei Schalen Champagner, hält kurz mit einer Tennisspielerin Händchen und sinkt dann vor Begeisterung fast in Ohnmacht, weil er den leibhaftigen Gatsby kennenlernt. Nun, Gatsby ist recht jung, hat ein Segelflugzeug und redet gerne über den Krieg. Das ist nicht wirklich schlecht. Aber eben auch nichts, was man nicht genausogut in jeder Berliner Bar treffen würde.
Ach, was hätte ich alles aus diesem Abend rausholen können, wenn man mich stattdessen geschickt hätte! Getanzt hätte ich und getrunken, so lange, bis mich ein schöner Mann mit den Worten "Die Musik ist schon seit einer halben Stunde gegangen" über die Schulter geworfen und über das taunasse Gras nach Hause getragen hätte.
Stese Wagner / Dauerhafter Link / Kommentare (4) / Buch kaufen und selber lesen