05.11.2007 / 15:14 / Stese Wagner liest: Der grosse Gatsby (F. Scott Fitzgerald)

East Egg Girls and West Egg Boys (9-29)

Die ersten Seiten und der erste Besuch in East Egg liegen hinter mir. Ich gestehe: Ich habe keinen Tropfen Champagner getrunken und statt auf einer Seidenchaiselongue auf einer geschmacklos gemusterten U-Bahn Sitzbank gelesen. Trotzdem bin ich meinem Ziel deutlich näher gekommen. Ich weiss jetzt, dass man die echte Dandyette nicht am Liebreiz oder der Wasserwelle erkennt, sondern daran, dass sie die perfekte Sinnlosigkeit wie ein Schwert in unangenehmen Gesprächen und Momenten anzuwenden weiss.

Dort wo normale Frauen weinen oder sich zumindest das Haar raufen, da bleibt die Dandyette gelassen. Schliesslich hat sie (vermutlich auf einer teuren Privatschule in East Egg) gelernt, welche Art von niedlich-verwirrten Sätzen man sagen muss, um Gäste z.B. davon abzulenken, dass der Ehemann im Flur lautstark mit seiner Geliebten telefoniert.

Ach, ich wünschte, ich hätte gleich morgen Abend die Möglichkeit, solche Sätze auszuprobieren. Am besten mit ein paar Männern aus West Egg um meinen Tisch. Denn das sind wunderbare Männer, die einen auch nach dem irrsten Geplapper nicht für verrückt halten, sondern nur gerührt denken:

"Ich sehe auch nicht im entferntesten einer Rose ählich. Daisy hatte das nur improvisiert."

29 von 188 Seiten

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05.11.2007 / 11:42 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Evolutionäre Matrix (65-69)


Descartes von hinten. (Bild: Pixelsior.)
Nehmen Sie einmal an, es gibt auf einem Planeten X eine intelligente Spezies Y, die glaubt, die Welt bestehe aus Mengen von grünem Schleim und diese werden durch psychische Geisterkräfte in ihrer Interaktion gesteuert. Die Psychoschleimtheorie der Spezies Y ist so ausgefuchst, dass sie damit perfekt durch's Leben kommt. Auch ihre Sinnesorgane melden den Y-Leuten stets brav "grüner Schleim", die angenommenen Gespensterkräfte sind geschmeidig mit der Wirklichkeit in Einklang und die Y'ler bauen Häuser und Fabriken, fahren unfallfrei mit Schleimvehikeln durch die Landschaft und ihre Schleimgesellschaft brummt. Der Glaube daran, dass die Welt tatsächlich aus grünem Schleim und Gespenstern besteht, ist für das mentale Funktionieren der Spezies Y absolut essentiell. Wenn sie erfahren würden, dass dem nicht so ist, würden ihre mentalen Zustände so gestört, dass sie sich vor lauter Verzweiflung umbringen.

Das könnte für uns doch auch zutreffen. Spezies Mensch lebt auf der Erde, hat seine naturwissenschaftlichen Theorien, sein conceptual framework und seine folk ontology, und die menschlichen Sinnesorgane sind so konstruiert, dass sie auch die passenden Bilder liefern (dass die Bilder falsch sind, kann niemand empirisch überprüfen, da empirische Daten ja durch das Welt-Geist-Interface der Sinnesorgane gefiltert werden, und ein zweites, neutrales Interface haben wir nicht). Alles funktioniert weitestgehend reibungslos und alle sind zufrieden. Aber wenn diese Menschen erfahren würden, wie die Welt wirklich ist, dann könnten sie das gar nicht ertragen, sie würden sich alle umbringen. Und weil die Wirklichkeit so scheusslich und schrecklich ist, hat Mutter Evolution den Menschen diese Täuschung eingebaut, damit uns die Wirklichkeit nicht mit nacktem Arsch ins Gesicht springen kann: Ein eindeutiger Überlebensvorteil. (So wie uns die Evolution auch vorgaukeln könnte, dass das Dasein sinnvoll ist, obwohl es in Wirklichkeit völlig sinnlos ist – damit wir nicht zu einer Spezies aus lauter frustrierten Selbstmördern werden.)

Die Evolution, die uns die Täuschung eingebaut hat: Das ist nur eine andere Paraphrasierung des Descartes'schen genius malignus, des mächtigen Betrügergottes, der uns alle hinters Licht führt und uns glauben macht, die Wirklichkeit sei so, wie wir sie wahrnehmen und uns denken. Und das ist auch kein aus den Fingern gesaugtes modernes Szenario, das hat Descartes selbst in Erwägung gezogen. In der 6. Meditation schreibt er: "Daher gibt es für mich keinen Grund, warum ich nicht durch meine natürliche Anlage selbst bei dem irrte, was mir ganz wahr erschien." (Reclamausgabe, S. 187, Meiner S. 66). – Durch meine natürliche Anlage könnte ich also so massiv irren. Das klingt recht zeitgemäss, ähnliche Fragen werden z.B. heute in der sog. Evolutionären Erkenntnistheorie diskutiert. Da braucht es diesen mittelalterlichen Betrügergott gar nicht mehr im Argument (interessanterweise bringt dieses Naturargument zuerst Gassendi in den 5. Einwänden gegen Descartes [Meinerausgabe, S. 233f.]. Dort grummelt Descartes noch dagegen, in der 6. Meditation hat er es aber übernommen – gefiel ihm dann also doch).

Es kann natürlich auch sein, dass die Welt da draussen überhaupt nur eine substanzlose Fata Morgana ist (auch unser Körper und die anderen Personen, das wäre sehr peinlich), alles vorgegaukelt von einer allmächtigen und verschlagenen Matrix. Es ist alles wie immer, es sieht real aus wie immer, fühlt sich real an wie immer, funktioniert wie immer, an unserer Wahrnehmung hat sich nichts geändert – aber der ontologische Status der Aussenwelt ist ein komplett anderer: Alles ist möglicherweise virtuell. Und all unsere wissenschaftlichen Theorien darüber sind falsch. Ok, das ist nun ziemlich abgedrehte Science Fiction, aber es ist logisch möglich und das reicht für Descartes schon, um es methodisch anzunehmen.

Also: Universaler Zweifel an allem Existierenden und allen naturwissenschaftlichen Wahrheiten. Genauer gesagt: Alle konkreten Entitäten sind weggezweifelt, mitsamt derjenigen Wissenschaften, die sich mit ihnen befassen. Aber was ist mit den abstrakten Entitäten, wie z.B. Zahlen? Und mit Mathematik und Logik, die sich damit beschäftigen? Doch dazu nächstes Mal. Da kommt dann auch eine Stelle im Text, die ich partout nicht verstehe.

(Extraservice für Leute, die die grüne Meinerausgabe haben: Einwände gegen die Erste Meditation finden sich an folgenden Stellen (wenn ich alle gefunden habe, das Zeug ist quer über's Buch verteilt): 4. Einwände (Arnauld): S.195 (Antwort Descartes: S.223/224.); 5. Einwände (Gassendi): S.233/234 (Antwort: S.321f.); 6. Einwände: S.359, Nr.4 (Antwort: S.371); 7. Einwände (Bourdin) + Antworten: S.391-413.)

69 von 229 Seiten

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04.11.2007 / 23:49 / Aleks Scholz liest: The Road to Reality (Roger Penrose)

Zahlen, bitte (51-70)


Quelle, Lizenz
Brahmagupta. Brahmagupta. Wenn ich jemals einen Sohn haben werde, soll er Brahmagupta heissen, denn Brahmagupta war der Mann, der die Null erfunden hat. "Sohn! Du heisst wie der Mann, der das Nichts erfunden hat", werde ich ihm sagen, während es ihm etwas schwerfällt, das Bonbon aus dem goldenen Papier zu wickeln, "deshalb soll nichts dein Lebenszweck sein." Und dann löst er sich in Luft auf und wieder stehe ich kinderlos da, und verbringe meine Abende damit, auf den Spielplatz zu starren, der gegenüber in der tiefstehenden Sonne verheissungsvoll glitzert.

Heute wieder drei Dinge weggeworfen: zwei nicht-laminierte Landkarten (sinnlos im Regen) und einen Folder mit Powerpoint-Dateien (sinnlos überall). Damit beläuft sich die Anzahl der Dinge, die ich besitze, nur noch auf 956, und ich kann berichten, dass es ein besonderes Hochgefühl neulich war, als ich die tausend unterschritt (ich musste dafür mein eigenes Buch verschenken). 956 also. In meinem Universum gibt es nur noch 956 natürliche Zahlen, und es werden täglich weniger. Alle natürlichen Zahlen grösser 956 haben hier absolut keinen Sinn mehr, sind blosse Fiktion, ohne jeden Bezug zur realen Welt – meiner realen Welt. Draussen im Dunkeln lauert alles ab 957.

Seit neuestem (Seite 64) bin ich übrigens in der Lage, alle diese 956 Zahlen aus dem Nichts zu erschaffen. Hier das schlichte Rezept zur Zahlenerfindung: Man beginne mit der leeren Menge, also einer Menge, die kein einziges Element enthält. Baut man jetzt eine Menge, die nur die leere Menge enthält, so hat man eine Menge mit genau einem Element mehr als in der leeren Menge. Jetzt hat man aber schon zwei Mengen, die leere, und die, die als einziges Element die leere Menge enthält. Fasst man beide zusammen, hat man eine Menge mit zwei Elementen. Womit man aber schon drei Mengen hat, nämlich die leere, die, die die leere enthält, und die, die die leere und die, die die leere enthält, enthält, was man wieder in einer Menge zusammenfassen kann, die dann schon drei Elemente hat. Und so geht es immer weiter, bis man zu einer Menge kommt, die 956 Elemente enthält, und ab dem nächsten Schritt tauchen Tiere mit glühenden Tentakeln auf und Risse bilden sich im Fussboden.

No half measures steht auf jeder Dose des britischen Energiegetränks Relentless (ausserdem: Suffer for your art! Hello to the grind! Und weiterer Quatsch.). Absurde Vorstellung, dass man Getränke nur in ganzzahligen Mengen zu sich nehmen kann. No half measures – das ist jetzt seit den Griechen, die verdutzt auf die Wurzel aus zwei starrten und ihren Kram deprimiert einpackten, der hinterletzte Versuch, den Eintritt von Fliesskommazahlen in die Wirklichkeit zu verhindern. Nobody ever said it would be an easy ride! Man muss sich eben unrealistische Ziele setzen. Unendlich viele Kommazahlen kommen mir jedenfalls nicht ins Haus; die muss man beim Umzug dann doch nur durch die Gegend tragen.

70 von 1049 Seiten

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04.11.2007 / 15:48 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Folk Ontology (1-65)


Zweifellos prachtvoll: René Descartes.
Ich zerstöre jetzt meine bisherigen Meinungen und Überzeugungen. Zuallererst diejenige, dass das Vorwort eines Werkes zum sofortigen Lesen da ist. Ich überblättere die Grussworte von Descartes an die Doktoren der Sorbonne-Fakultät in Paris, die Vorrede an den Leser und die Übersicht über die Meditationen und fange gleich mit der 1. Meditation an – was in diesem Falle eigentlich eine Sauerei ist, denn vor allem auch in der Übersicht über die Meditationen steht sehr Wichtiges, aber das wird vorerst bis zum gegebenen Zeitpunkt warten müssen.

Also, 1. Meditation aufschlagen. Kurz das historische Drumherum zum Einstieg: Frankreich, 1641, René Descartes sitzt mit einer Flasche Rotwein vor seinem Kamin, der barocke Kragen leger geöffnet. Der Vater der Neuzeit wird sich gleich systematisch in die Krise stürzen. Die Philosophie seiner Zeit ist nicht mehr Hort von Gewissheiten, es gibt hunderte verschiedene Lehrmeinungen, wilde Spekulationen, frustrierende Debatten. Michel de Montaigne und Pierre Charron haben die antike Skepsis wiederbelebt, jene These, dass man überhaupt nichts sicher wissen kann. Pedro Calderón hat unlängst sein Drama "Das Leben ist ein Traum" herausgebracht und damit das Lebensgefühl der Zeit getroffen. Auch Descartes merkt, wieviele seiner früheren Meinungen nicht stimmen, an wieviel Mist er von Jugend auf geglaubt hat, wie unsicher sein Weltbild ist. Doch jetzt will er seinen weltanschaulichen Augiasstall einmal gründlich ausmisten. An welchen Überzeugungen kann er zweifeln, was alles könnte Mumpitz sein, was wird am Ende übrigbleiben? Sein Ziel lautet: Radikaler Neuanfang ohne alle Vorgaben. Im Speziellen: Gewissheit der Wissenschaft. Denn damals waren die Naturwissenschaften noch jung und wenig etabliert. Ihre Thesen widersprechen vielfach dem Augenschein und bisherigen Annahmen (Erde kurvt um Sonne, nicht umgekehrt; die Sonne ist grösser, als sie aussieht; es gab mancherlei Eklats, man denke nur an den Galileiprozess, etc.) – so ein komisches Wissenschaftsding, das uns dauernd widerspricht und unsere Weltbilder umkrempelt, das macht nicht sehr zuversichtlich.

Descartes ist ein ziemlicher Systematiker. Er will mit seiner Reflexion über Zweifel und Gewissheit den Weltenbau hinabsteigen bis zum rock bottom, dem Punkt, wo sich der Spaten der Reflexion umbiegt. Dorthin, wo man also etwas in der Hand hat, was wirklich da ist und wirklich so ist, wie man es begreift. Von diesem sicheren Fundament aus will er dann Stück für Stück weitergehen und rational erschliessen, was noch alles sicher existiert. Es geht darum, die Tragfähigkeit unserer alltäglichen folk ontology zu prüfen, und zu zeigen, dass eine durch den Zweifel gereinigte Ontologie keine kulturelle, religiöse oder persönliche Geschmacksfrage mehr ist. Wäre die Ontologie eine reine Geschmacksfrage, dann wären auch die Naturwissenschaften eine reine Geschmacksfrage, da sie auf ontologischen Voraussetzungen aufbauen (z.B.: Es gibt eine physikalische Realität unabhängig von unseren mentalen Zuständen. Die Interaktion der Materie erfolgt aufgrund mathematischer Gesetze. Wir sind in der Lage, diese Gesetze zu erkennen und zu beweisen, etc.).

Das Prinzip, das Decartes anwendet, ist ziemlich pedantisch: Woran man auch nur den geringsten Zweifel anmelden kann, das fliegt raus. Wenn 0,0001% Zweifel möglich sind, dann ist es aus für die betreffende Behauptung. Der Zweifel, der dabei vorgebracht werden darf, unterliegt selbst aber strenger Rationalität. Beliebiges Herumzweifeln ist nicht drin. So ein bequemes Herumgeeier à la "Es könnte ja auch alles ganz anders sein", das zählt für Descartes nicht. Für den Zweifel gilt das Kausalprinzip: Es muss jeweils eine hinreichende mögliche Ursache für den Zweifel aufgezeigt werden (dahinter steckt die interessante und gar nicht so einfach zu beantwortende Frage: Warum können wir eigentlich irren?). Und wenn Sie sich die 1. Meditation schonmal angeguckt haben, wird Ihnen aufgefallen sein, wie schwierig so ein rationaler Zweifel ist. Es ist gar nicht so leicht, alles Mögliche sinnvoll anzuzweifeln, Descartes muss ziemlich schwere Geschütze auffahren (z.B. den genius malignus, das Matrix-Szenario). Doch dazu im nächsten Text, ich brauche jetzt erstmal eine Pause.

Eine Frage gleich zum Vordenken: Wie ist es eigentlich mit den rationalen Gründen für den Zweifel selbst, sind die auch bezweifelbar? Wenn ja, dann wäre das recht misslich für das Unterfangen, denn dann ist der Zweifel bezweifelbar, also obsolet.

Footnote: Hier unten in dem Progress-Balken sind die Seitenzahlen der zweisprachigen Reclam-Ausgabe angegeben.

65 von 229 Seiten

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04.11.2007 / 11:29 / Sascha Lobo liest: Der ewige Spiesser (Ödön von Horvath)

Der ewige Spiesser


Eine gewisse Ähnlichkeit mit Joachim Lottmann muss man Ödön von Horváth zugestehen
Einen besseren Vornamen als Ödön von Horváth kann man schon mal gar nicht haben. Dabei ist es sehr leicht, schlechte Namen zu haben, exotische Gemüse etwa heissen oft hässlich. Topinambur hört sich noch nicht einmal ausgedacht an, Portulak mutet wie ein verunglücktes Portugal an und Tapioca wie der uneheliche Bruder von Noriega. Ödön aber ist die ungarische Version von Edmund, was wiederum Schützer des Besitzes heissen soll, was jedoch so wenig mit irgendwas anderem zu tun hat, dass ich diese Faktensackgasse verlassen möchte und direkt zum Buch "Der ewige Spiesser" komme.

Vielleicht sollte ich sagen, dass ich dieses Buch schon mal gelesen habe. Ich weiss nicht mehr ganz genau wann, aber es war in einer schwierigen emotionalen Gesamtsituation, es kann sich also nur um die Jahre 1991, 1992, 1993, 1995, 1997, 1998, 2000, 2001, 2002, 2003 oder 2004 handeln. Erinnerlich ist mir das Buch, weil es, so schrieb ich damals irgendwo auf, mir die beste halbe Stunde des gesamten Halbjahrs bescherte. Eventuell handelte es sich um 2004. Der Grund dafür ist einfach: Das Buch "Der ewige Spiesser" von Ödön von Horváth, ein Kurzroman aus dem Jahr 1930, enthält den lustigsten Satz der Literaturgeschichte. Ich muss wiederum etwas ausholen und erläutern, dass mich der Begriff "Bohème" seit vielen Jahren verfolgt, er gärte praktisch in meinem Kopf innen drin, bevor er sich dann in einem auch für mich überraschenden Seitenschlot 2006 heftig entlud. Dementsprechend heftig habe ich bei der Lektüre des Buchs reagiert, als auf Seite 181 kurz hintereinander erst der Begriff Bohemien und dann sofort der beste Satz der Literaturgeschichte auf mich einstürzte, ich erinnere mich doch wieder, es muss im Herbst 2004 gewesen sein, ich sass mit einer Flasche Augustiner in der abgewracktesten Strand- bzw. viel mehr Stegbar Berlins, dem Club der Visionäre, las diesen Satz und meine Atmung setzte aus. Mein Bewusstsein hatte sich regelrecht an dem Satz verschluckt, obwohl er sehr kurz ist, aber in seiner Wirkung glich er einer verschluckten Gaspatrone mit Zeitzünder.

Eventuell hat mich dieser Satz gerettet, denn ich war damals in eher desolater Stimmung und brauchte den monatlichen Weltvorrat an Selbstmitleid in der Regel in drei bis vier Stunden ganz allein auf. Von mir verfasste Texte aus dieser Zeit zeigen ein heute kaum mehr nachvollziehbares Mass an mir selbst vorgespielter Verzweiflung. Der Satz aber riss mich jählings heraus, ich bekam wieder Luft, der Himmel klarte auf, die Nacht wurde warm und der folgende Tag strahlte golden über meinem Kopf bis heute.

"Soziologisch betrachtet, stammte er aus k. u. k. Offiziers- und Beamtenfamilien, aber er hatte nie was übrig für das Bürgerliche. Er war der geborene Bohemien. Bereits 1905 ging er ohne Hut."


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