06.11.2007 / 07:43 / Bruno Klang liest: Ein unauffälliger Mann (Charles Chadwick)
Charles Chadwick ist ein langsamer Autor. An seinem Debüt hat er mehr als 30 Jahre geschrieben, bis es 2005 im Original erschien. Immerhin hat er 928 Seiten geschafft, also eine Länge, die irgendwo zwischen "Generationenroman" und "Portrait einer Epoche" steht.
Schwer vorstellbar, wie Chadwick sich gefühlt hätte, wenn sein Roman nach 30 Jahren überall abgelehnt worden wäre. Das wäre ungefähr die Vergeblichkeitsklasse, als würde man eine Chinesische Mauer bauen, und dann hätten die Mongolen keine Lust mehr aufs Angreifen. Oder eine Pyramide einzuweihen, – aber der alte Pharao ist inzwischen Hindu geworden. Charles Chadwick aber hatte Glück, und so ist er endlich Debütant, mit 72 Jahren.
Ich habe ein paar Beschreibungen und Rezensionen beiläufig gelesen, und habe bis jetzt erfahren: wir begleiten einen Jedermann namens Tom Ripple über 30 Jahre seines alltäglichen englischen Lebens. Es wird nicht allzuviel passieren, und der eine oder andere Rezensent ist unzufrieden über die Behandlung des Romanpersonals, über den Stil, über die Länge im allgemeinen und Mr. Ripple im besonderen.
Im Regelfall bemühen sich Autoren um aussergewöhnliches Personal oder um aussergewöhnliche Ereignisse oder um beides zusammen. Der Alltagsroman (so erkläre ich es mir einmal) ist von gewöhnlichen Personen bevölkert, denen auch nichts Besonderes widerfährt. Das kann langweilig werden, und deshalb lassen Autoren die alltäglichen Helden auch gerne einmal sterben. Oder das Personal des Romans ist so jung, dass sich der Leser wenigstens am ähnlich Erlebten wärmen kann. Weder das eine oder andere ist im Unaufälligen Mann zu erwarten.
Den letzten Alltagsroman, den ich gelesen habe, war Everyman/Jedermann von P. Roth. Um mir noch einmal die Zeitspanne zu vergegenwärtigen: Als Chadwick mit seinem Roman begann, waren Portnoys Beschwerden noch nicht mal an der Wand getrocknet. Mein letztgelesenes Debüt war Frl. Pessl aus der Feuerwerksabteilung. Für diese Vormieter kann Herr Chadwick nichts. Ich kann es aber auch nicht mehr ändern.
Zustand: mittlere Spannung, so auf dem Niveau der 2. Hauptrunde im DFB-Pokal.
Prophezeiung: es geht so langsam los wie Zufussgehen auf einer Rollstuhlrampe.
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06.11.2007 / 01:12 / Aleks Scholz liest: The Road to Reality (Roger Penrose)

Das Aoudad, ein Supertier (Quelle, Lizenz)Ich habe schon wieder keine Lust mehr auf das Universum.
Es ist nämlich leider so: Ich habe schon cirka dreimal versucht, dieses Buch zu lesen. Beim ersten Mal kam ich bis Seite 100, beim zweiten Mal bis 200 ("hypercomplex numbers"), beim dritten bis Seite -3 ("Notation"), und das, wo man doch erst ab knapp vor 400 so langsam die Abgründe der Mathematik verlässt und sich um die richtige Welt kümmert. Was denkt sich dieser, naja, Mensch? Vierhundert Seiten Mathematik, nur um das Universum zu verstehen? Bzw. was denkt sich das Universum? Wieso braucht es komplexe Zahlen, um sich zu artikulieren, gar nicht zu reden von hyperkomplexen? Rede ich vielleicht chinesisch mit den Schafen auf dem Felde?
Übrigens: Das gesamte Kapitel 4, immerhin 16 dicht beschriebene Seiten mit Fussnoten, habe ich bereits vor Monaten auf Seite 170 des Lexikons des Unwissens zusammengefasst, und man sollte solche Steilvorlagen zum Selbstzitat nicht ungenutzt verstreichen lassen:
Eine nochmalige Ergänzung erfuhr der Zahlenbegriff, als eine unglückliche Seele auf die Idee kam, die Quadratwurzel aus -1 zu ziehen – mit normalen Zahlen ein unlösbares Unterfangen. Resultat war die Einführung der "komplexen Zahlen": Man fügt jeder normalen Zahl einen sogenannten Imaginärteil hinzu, der einfach ein Vielfaches von "i" ist, wie man die Wurzel aus -1 genannt hat. Eine handelsübliche komplexe Zahl lautet z.B. 3+8i. Diese neue Art Zahlen erweist sich als äusserst praktisches Hilfsmittel im Hausgebrauch von Physikern. Genau genommen beruht ein Grossteil unseres modernen Weltbildes auf einer Mathematik, die mit komplexen Zahlen arbeitet. Und das, obwohl wir im Supermarkt kein einziges Produkt zu imaginären Zahlen kaufen können.
So geht's nämlich auch, Sir Penrose und Ihr Klient, das Universum: kaum eine Drittelseite mit grossen Buchstaben und schlichten Worten vollgeschrieben, billigen Scherz drangeklatscht, fertig.
Aleks Scholz / Dauerhafter Link / Buch kaufen und selber lesen
05.11.2007 / 22:30 / Kai Schreiber liest: The Power Broker (Robert A. Caro)
Es gibt Tage, an denen sich im Laufe der Stunde eine einzelne Information entfaltet, an anderen Tagen passiert sogar gar nichts. Aber dann gibt es welche, an denen erfährt man viele unterschiedliche Dinge. Man erfährt vielleicht, dass der eigene Vater im Sterben liegt, einen Kontinent weit weg, oder dass der aus dem Haus geklagte alkoholkranke Nachbar beim Raustragen der Möbel Schabeneier und Bettwanzen in den Hausflur purzeln liess. Man erfährt vielleicht auch, aus einem Buch, dass vor hundertfünfzig Jahren Menschen aus Bayern weg wollten, weil man ihnen dort das Leben schwer machte, ihres Namens und ihrer Religion wegen. Also gingen diese Menschen nach Amerika, in der Hoffnung auf zivilisierteres Verhalten. Vetter und Base fanden einander, weichgezeichnet vermutlich, und fanden einander anziehend, zeugten Kinder, pflanzten Bäume, trieben Gewerbe und verzehrten Nahrungsmittel. Dann starben sie, ihre Kinder wiederholten den Kreislauf, und das Kind der Tochter dann ist Robert Moses, der nun auch schon seit 1981 tot ist. Gelebte Leben häufen sich zu einem kleinen Stapel um mich her. Das Buch würde mich interessieren, so hatte ich mir das ausgerechnet, weil ich, neu nach New York gekommen, seinen Text über die Architektur und Geographie legen könnte, und einen Klassenkonflikt darunter. Die Gegenstände der Postkartenbücher, die Symbole des Molochs Gotham, sollten sich kondensieren in eine Person, der ich dann von der belagerten Eizelle zum Verfall ihrer politischen Macht folgen könnte. Politische und soziale Stadtgeschichte als Seifenoper. Stattdessen verdichtet sich beim Lesen dieser Vorgeschichte hier aber nur ein Gefühl staubiger Vergangenheiten. Diese Menschen, die vor dem Judenhass ein Weltmeer weit weg flohen, und so auf merkwürdige Weise die Grundlage für New Yorks heutige Gestalt schufen und für die Vertreibung Hunderttausender aus ihrem Wohnraum, spüren lange schon nichts mehr, keinen Schmerz und keine Freude, und ich habe ihnen nichts zu sagen. Warum also soll ich von ihnen lesen, und nicht stattdessen von denen, die heute ihre Wohnungen verlassen müssen, oder ihr Leben?
Kai Schreiber / Dauerhafter Link / Kommentare (1) / Buch kaufen und selber lesen
05.11.2007 / 18:06 / Bettina Andrae liest: Meine wichtigsten Körperfunktionen (Jochen Schmidt)
Fast wäre das Buch auf dem Sofa liegen geblieben, ich hatte nur an das MacBook gedacht und musste auf halbem Weg im Treppenhaus noch einmal umkehren deshalb. Im Grunde war kein Platz mehr für Schmidts Körperfunktionen in meiner Reisetasche, ich musste sie sehr rabiat hineinstopfen. Gott, sah die schöne Tasche nun scheisse aus. Ich hätte das Geschenk für meinen Gastgeber in Zürich stattdessen auspacken können, aber der sollte sich damit schliesslich nachts in Zürich Treichels Verlorenen beleuchten, um den hier an diesem Ort bald zu lesen.
"Ich wollte nicht wirklich ein Aalbrötchen, das will ich an der Stelle noch mal sagen!" sagte die Frau mir gegenüber gerade in ihr Telefon, als ich auf dem Tisch mein Zeug nach ästhetischen Gesichtspunkten fertig drapiert hatte. Laptop, das Telefon fürs Internet, drei Wal- und zwei Haselnüsse, das Notizbuch, die weissen Lederhandschuhe und: Schmidt. Blöderweise störte das Buch mein Arrangement. Ich nahm es wieder vom Tisch und überlegte, wohin damit. Ich würde es jedenfalls benötigen, wenn ich darin lesen wollte. Unter dem Tisch war es zu dunkel und auch nicht geräumig genug. Ich fummelte ein wenig an ihm herum – dabei ergab sich die Lösung wie von selbst. Die eigenwillige Buchdeckelgestaltung erwies sich also doch als nützlich: ich klappte sie vorn und hinten so ein und um, dass das Bild von Schmidt in der Sauna und das, wo er auf der Bank im Museum sitzt, nun nach innen geschlagen waren. So hatte ich ein Buch im herrlichsten Weiss, dessen hübsche rote Lettern einen dezenten, aber wirkungsvollen Kontrast zu meinem unschuldigen Ensemble herstellten. Ich war sehr zufrieden und rückte es in eine 90 Grad-Position zum weissen Laptop. Dann checkte ich, ob das Internet aus dem Telefon funktionierte und lehnte mich zurück. Die Frau gegenüber sagte "Du Schlingel" in ihr Telefon. Das machte mich irgendwie scharf. Ich schlug den Schmidt auf.
Eines Tages beginnt es in Der lange Weg zur Tür, dem ersten der zweiunddreissig Texte. Wie – sollte das hier ein Märchen werden? Fiktion? Ich hatte auf Tatsachen gehofft. Die Enttäuschung über Schmidts erste beiden Worte wich nach zehn Zeilen endlich. Bis dahin bringt er es zustande, aufzuzählen, was er wie und wo einsteckt, bevor er seine Wohnung verlässt – Taschentuch, Telefon, ein Buch – wen interessiert das! In Zeile elf kommt er zur Sache: Die ideale Jacke war immer die Jacke, die man gar nicht bemerkte. So kann man das sagen – absolut treffend – aber man muss schon Schmidt für diese Worte sein. Ich hatte die Erfahrung zwar geteilt und an ihm auch immer am allerliebsten diese "Jacke" gemocht, wäre aber nie auf den genialen Gedanken gekommen, es so zu formulieren. Ich sollte ihn bei Gelegenheit vielleicht bitten, sie auch wieder einmal für mich anzuziehen, ich habe ihn schon lange nicht mehr darin gesehen. Ab Zeile dreizehn verfällt Schmidt leider wieder in das Aufzählen langweiliger Haushalts- und Alltagsverrichtungen; Müll fortschaffen, Gesicht eincremen, aufräumen. Alles nachvollziehbare Dinge, doch wozu? Auf Seite elf unterläuft ihm dann ein schlimmer Patzer. Da ich mich in meinem ersten Studium zwei Semester mit der Logik als Disziplin befasste, werde ich über bestimmte Dinge einfach nie mehr hinwegsehen können. Ich nahm die Bahncard und die Geldkarte aus dem Portemonnaie, sollte ich die verlieren, wäre es besser, die nicht dabei zu haben. Da stellt sich schon die Frage, ob es vom Lektorat nur schusslig oder schon böswillig ist, den Autor so auflaufen zu lassen. Ich schickte Schmidt sofort eine Nachricht, in der ich ihn auf diese Stelle aufmerksam machte. Vielleicht bekamen sie das ja wenigstens in der zweiten Auflage gerichtet, falls sich nicht zu schnell herumspricht, wie es um bestimmte qualitative Aspekte des Buches bestellt ist, und eine solche überhaupt zur Debatte steht.
Bei Seite elf, die mit einem Komma nach dem Wort rausreissen endet, was ein echtes Schmidtwort ist, beendete ich meine Lektüre vorerst und bot der Frau gegenüber eine von meinen Walnüssen an. Sie wollte nicht.
Bettina Andrae / Dauerhafter Link / Kommentare (4) / Buch kaufen und selber lesen
05.11.2007 / 17:17 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)
Ein weiterer Grund, warum die Natur in der Stadt besser ist als auf dem Land: Auf dem Land ist der Sternenhimmel ein verwirrendes Gewimmel von vielen tausend Himmelskörpern. In der Stadt bildet er exakt das ab, was auch auf der Sternkarte zu sehen ist; alle Sterne unterhalb der ungefähr 4. Grössenklasse werden benutzerfreundlich ausgeblendet. (Das mit den Grössenklassen kann man bei Your Sky ausprobieren.)
Nach diesem kurzen Wissensabstecher müssen wir uns tief in die Sümpfe der Ahnungslosigkeit hinabbegeben und das versprochene französische Buch lesen. Drei Schuljahre à sechs Wochenstunden Französisch sind spurlos an mir vorübergezogen, obwohl ich Sprachen schätze wie die Ziege den Salzleckstein. Das liegt daran, dass ich wie alle deutschen Schüler nette Englisch-, aber widerwärtige Französischlehrer hatte, es ist also, wie so oft, die Gesellschaft schuld. Zum Glück erinnere ich mich noch vage an die Buchverfilmung und bin daher fest entschlossen, in den Rorschachflecken der ersten 20 Seiten eine Vergewaltigung zu erkennen.
Auf der ersten Seite guckt eine Frau einen Pornofilm, vorausgesetzt, ein "magnétoscope" ist wirklich ein Videorecorder und kein Instrument aus dem Physiklabor. Jedenfalls ist viel von Urin und Kameras die Rede, eine Kombination, die man schon unter statistischen Gesichtspunkten dem Pornogenre zuordnen kann. Jetzt kommt eine zweite Frau herein. Es scheint, dass sie die Pornographie nicht schätzt, "ça me dégoûte". Wiederbegegnung mit einem schönen Wort, wie konnte ich dégueulasse vergessen? Falle mehrmals auf die Täuschung herein, der Text handle von einer Frau namens Elle. Tatsächlich sind es zwei Frauen, Nadine und Séverine, die aus raisons purement pratiques zusammenwohnen. Séverine ist fondamentalement masochiste, ich weiss nicht, ob ich diese Namenswahl gutheissen soll, aber vielleicht ist Séverine ja der drittgebräuchlichste französische Frauenname und die Autorin trifft keine Schuld. Am Ende des ersten Kapitels onaniert eine der beiden Protagonistinnen, vermutlich erfolgreich. Aus dem Zusammenhang erschlossen: écran, queue, mégot, paume.
Weiter geht es mit einer Frau namens Manu. Wenn "dans le vomi" heisst, was ich vermute, hat Manu nicht viel zu lachen. Sie streitet sich mit jemandem herum, jemand anders ist tot aufgefunden worden. Jemand namens Radouan tritt ein, ach, das ist mir jetzt zu mühsam, denn schon beim Vorblättern sieht man, dass bis zum Ende von Kapitel drei mitnichten vergewaltigt, sondern weiterhin nur herumgeredet wird. Aber wenn ich immer so weiterlesen würde, könnte ich eines Tages Französisch. Eine schöne Vorstellung.
Fundort: Ungelesene Bücher, eigene