09.11.2007 / 01:29 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)
Im Traum fahre ich auf meinem Skateboard eine Strasse entlang, das heisst, ich sitze auf dem Skateboard und schiebe mich langsam, kriechend, mit einem Fuss voran. Dann werde ich von zwei zu Fuss gehenden Freunden eingeholt, ich springe auf und stecke das Skateboard in meinen Rucksack. Bestimmt werden die beiden glauben, ich sei darauf bis gerade eben geschmeidig herumgefahren.
Wenn dieser Traum mir nichts über die Arbeit am Prokrastinationsbuch sagen will, dann weiss ich auch nicht. Auf dem Golfplatz in New Montreal, ("brit. Nordamerika"), wurden 1930 in der Höhlung eines Baumstumpfes 120 Golfbälle gefunden, "die hier von Eichhörnchen zusammengetragen worden waren (...) Aus den Fabrikmarken einzelner Bälle konnte festgestellt werden, dass die Eichhörnchen schon gleich nach der Fertigstellung des Golfplatzes vor sieben Jahren damit begonnen hatten, Bälle zu sammeln." Ich weigere mich, zu glauben, dass Eichhörnchen über so viel Selbstdisziplin verfügen, dass sie zwecks delayed gratification Nüsse für den Winter sammeln; es muss ihnen wohl Spass machen. Noch mehr Spass macht es vermutlich, stattdessen Golfbälle zu sammeln, einfach nur, weil man eigentlich einer anderen Tätigkeit nachgehen sollte. Wie gut hat es das Eichhörnchen, wie schwer dagegen der Mensch. Und dabei hat man noch nicht einmal herausgefunden, was die "Vermischtes"-Meldung auf S. 324 unten, "Änderung der Artmerkmale durch Röntgenbestrahlung" noch für Ärger nach sich ziehen wird.
Fundort: Martin Baaskes Bücherregal, Haus der Frohen Zukunft
08.11.2007 / 20:16 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)
Es ist ein bisschen paradox: Wenn es um das Wissen über die tiefsten Gründe der Welt geht, ist heute die Ungewissheit lieber als die Gewissheit. Da wird gerne Karl Popper nachgebetet, dass alle wissenschaftliche Erkenntnis vorläufig sei und auch falsch sein kann ("falsifizierbar ist", wenn man sich salbungsvoll ausdrücken will). Aber im Alltag wird sich furchtbar aufgeregt, wenn Ungewissheit über die Herkunft von Dönerfleisch herrscht, wenn man nie genau wissen kann, ob ein Produkt auch so sauber oder sicher ist, wie es einem erzählt wird, oder ob die Fahrzeiten der Bahn auch eingehalten werden. Wenn dann vor allem in der Lebensmittelfrage die Resignation Überhand gewinnt, heisst es: Man kann ja eh nichts 100% Sauberes mehr essen, selbst die Sojaprodukte der Veganer sind alle genetisch versaut, nix Gewisses weiss man nicht, es hat doch keinen Sinn mehr, eigentlich darf man gar nichts mehr essen, entweder man frisst das verseuchte Zeug, oder man muss aus der zivilisatorischen Nahrungskette aussteigen, sich in die Viktualienautarkie zurückziehen und abgekapselt auf einem Bauernhof sein Futter selbst herstellen. Ich schweife ab. Was ich sagen will, ist: So ähnlich funktionieren die 1. und die 2. Meditation von Descartes, nur halt auf dem Gebiet wissenschaftlicher Erkenntnis:
Descartes sieht alle Erkenntnis mit Zweifeln verpestet, seien es auch nur 0,1% böser Zweifel, dann konsumiert er die Erkenntnis nicht mehr, er will nur absolut sauberes Zeug, er zieht sich zurück in die Autarkie seines Selbst, weil die Welt da draussen stinkt. Auf dem Gehöft seines eigenen Denkens findet er dann die saubere Quelle: Ego cogito, ego sum, "ich denke, also bin ich". Das kann er nicht mehr anzweifeln, denn er kann nicht zweifeln, dass er zweifelt, man kann nur denkend denken, dass man denkt, Denken setzt voraus, dass es jemanden gibt, der denkt, etc. Heureka!
Aber langsam. Sehen wir zu, wie Desactes seine Entdeckung macht. Er sagt in seinem Geiste: "Ich ... denke ... also ..." – Stop! Sobald er beim Wort 'denke' ist, ist das Wort 'Ich' schon wieder weg. Es ist in der Erinnerung. Ist Erinnerung zweifelsfrei? Ne ne, da kann doch die böse Matrix zugeschlagen haben, die überall lauert. Die kann nicht nur realistische Träume vorgaukeln, sondern auch Erinnerung. Mist. Und auch: Sprache, Sprache, das hab ich doch irgendwo gelernt. Diese erlernte Sprache, mit der ich den Satz "Ich denke, also bin ich" ausspreche, ist die denn sicher? Kann doch auch nur ein Unfugding sein, das nur falsche Sätze produziert, die mir zwar richtig erscheinen, es aber gar nicht sind – genauso wie es Descartes bei den mathematischen Sätzen behauptet hat.
Das wird mir jetzt zu unheimlich. Ich gehe einkaufen. Bis später.
Ruben Schneider / Dauerhafter Link / Buch kaufen und selber lesen
08.11.2007 / 12:20 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

(Bild: Robert Scarth) Dieser Beitrag handelt von den Nummern 6 – 12 (Reclam) der 1. Meditation von Descartes. Er ist in vier Absätze gegliedert. Der erste Absatz ist der erträglichste, der zweite der platteste, der dritte der verworrenste; alle vier zusammen sind zu lang.
1. Also. Descartes These ist: Die ganze Aussenwelt mitsamt unseres Körpers könnte eine reine Fiktion sein. Sogar andere Menschen sind leere Gespenster (metaphysische Zombies). Diese Fiktion ist uns von einer bösen Matrix implantiert oder einfach nur ein allumfassender Traum. Aber geht das überhaupt? Nr. 6 der 1. Meditation bringt ein bemerkenswertes Gegenargument: Träume können nicht komplett fiktiv sein. Man mag noch so irreale Dinge vor sich hinträumen, aber wenigstens die Grundelemente, aus denen die Träume bestehen, sind aus der Wirklichkeit genommen: Farben, Töne, dreidimensionale Räume, überhaupt Raum und Zeit... man kann nicht, sagt Descartes, in jedweder Hinsicht völlig Neues erdichten. Echte Kreativität, die sich alles komplett und ausnahmslos neu aus den Fingern saugt, gibt es nicht. Man kann immer nur aus bereits vorhandenen Realitäten etwas Neues schaffen. (Und selbst in der tollsten Science-Fiction-Serie geht's am Ende ja doch immer um das Altbekannte: Liebe, Hass, Schicksal und Tod.)
2. Ergo: Wenigstens die Grundelemente, aus denen der ganze extramentale Bluff zusammengebaut ist, müssen real und extramental existeren. Für einen rationalistischen Mathematiker wie Descartes sind diese Grundrealitäten aller Dinge natürlich Ausdehnung, Gestalt, Quantität, Raum und Zeit. (Das ist übrigens ganz das neuzeitliche Paradigma: Ohne Mathematisierung der grundlegenden Wirklichkeit keine moderne Physik.)
3. Fiktion ist also nur eine falsche Rekombination der Grundbausteine der Wirklichkeit (z.B. Klingonen, sprechende Tiere, irakische Massenvernichtungswaffen). Die Grundbausteine sind für Descartes mathematische Einheiten und Strukturen. Ohne mathematische Einheiten kann man keine einzige virtuelle Fiktion erschaffen. Also müsste es die Mathematik doch mit unbezweifelbarer Realität zu tun haben. Hier hätte man die von Descartes gesuchte wahre Existenz. Das sagt er in Nr. 8 auch, nur mit einer erstaunlichen Wendung:
Jetzt auf einmal, durch den hier kursiv gestellten Nebensatz, wird von der Existenz der Grundbausteine abgesehen. Eben gerade ging es noch um ihre Existenz. Leute wie Platon und Roger Penrose sind sehr überzeugt davon, dass mathematische Einheiten real existieren. Bei Descartes schweben sie jetzt frei in der Luft, es wird sich "wenig darum gekümmert, ob diese in der Wirklichkeit da sind oder nicht." Descartes hat hier unter der Hand eine neue Ebene aufgemacht: Wir sind auf die Ebene reiner mathematischer Sätze gerutscht, egal, ob die Objekte der Mathematik real existieren oder nicht. Aber das ist doch etwas ganz anderes als die Frage nach realer Existenz, die eben noch das Thema war. Die obige Überlegung, dass die Grundelemente jeder Fiktion doch real existieren müssten, weil keine Fiktion zu 100% aus dem Nichts erdichtet sein kann, ist auf einmal weg und taucht im Folgenden auch nicht mehr auf. Wie kommt Descartes zu diesem plötzlichen Sprung? Ich kapiere das nicht und finde auch nirgendwo eine hilfreiche Erklärung im Text."Somit können wir hieraus wohl zu Recht schliessen, dass die Physik, die Astronomie, die Medizin und alle anderen Wissenschaften, die von der Betrachtung der [aus den Grundbausteinen] zusammengesetzten Körper abhängen, wenigstens zweifelhaft seien, während die Arithmetik, Geometrie und vergleichbare, die lediglich die einfachsten und allgemeinsten Dinge [d.h. die Grundbausteine = die mathematischen Einheiten] behandeln und sich wenig darum kümmern, ob diese in Wirklichkeit da sind oder nicht, etwas Sicheres und Unzweifelhaftes enthalten." (Reclam S. 69, Meiner S. 14.)
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08.11.2007 / 02:22 / Kai Schreiber liest: The Power Broker (Robert A. Caro)

Wenn das die angehenden Stadtplaner sehen. I'll kill you, ruft der alkoholkranke Nachbar offenbar immer, wenn er freundlichen Umgang mit Vermietern pflegt, die ihn grade aus seiner Wohnung geklagt haben, und so rief er es auch dem kleinen Ungarn zu, der scheu im Hausflur stand, I'll jump your bones, so wurde es mir jedenfalls erzählt. Die Wissenschaft hat nachgewiesen, dass bis zu 75% unseres Lebens indirektes und nachvollzogenes Fremdleben ist. Erfundenes, Nacherzähltes, Nachgelesenes, und natürlich nacherzähltes Gelesenes. Das ist toll, aber was bedeutet es? Und stimmt das überhaupt, oder hab ichs grade erfunden? Es passiert jedenfalls was im Apartment über uns, davon zeugen schon die Schabenscharen, die wegen Abriss ihrer Möbel bei uns auf Wohnungssuche gehen, und doch nur ihr Ende finden. Dumme Tiere, wir alle.
Auf dem Weg nach Journal Square zähle ich ein paar Blocks lang die Mülleinheiten auf der Strasse, hunderte kommen da zusammen, ich höre folgerichtig schon nach drei wieder auf, aber müssen denn Strassen in verschnarchten Wohngebieten wirklich aussehen wie das Innere unserer Mülltonne aussähe, wenn wir uns nur von Zigaretten, Kartoffelchips und kostenlosen Zeitungen ernährten? Schon gut, nicht beantworten, wir sind eh alle derselben Meinung, da steht zum Beispiel ein Ladeninhaber und kommt seiner Vision eines sauberen Gehwegs qua Fegens ein wenig näher. Was also fegt er? Er fegt den Müll. Und wo aber fegt der Mann den Müll hin? Er fegt den Müll über den Bordstein auf die Strasse. Nuja, ich will ausnahmsweise mal nicht schimpfen, immerhin ein Anfang ist gemacht, der Gedanke zählt, es wurde hier zwar kein Riverside Park grosspurig geplant, keine Waterfront von einem kleinen Angestellten der Stadtbehörden in die Revitalisierung geträumt, keine matschigen sechs Meilen als Familienausflugspark neu erfunden, aber immerhin ein bisschen Müll vom Gehweg auf die Strasse gefegt, und vielleicht hat ja der brave Mann in seinem Lädchen einfach noch nicht gehört, dass es manchmal Wind gibt, der sowohl den Müll von alleine wegbläst, als auch den weggefegten zurück. Vielleicht hat er aber auch nur Ehrgeiz für zehn und baut in wenigen Jahren schon monströse Brücken über den Fluss Hackensack, der wirklich so heisst.
An Journal Square dann ist die obere Rolltreppe in Betrieb, ich reibe mir ungläubig die Augen, bekomme Angst, es ist aber alles in Ordnung, auf der zweiten Ebene stehen die Absperrungen, so soll es sein. Nach zwanzig Minuten kommt der Zug, eine Durchsage: dieser Zug endet hier, eine weitere Durchsage: Züge nach Newark verschieben sich fünfzehn Minuten, dann noch eine: Zugverkehr nach Newark ist eingestellt, wegen Police Action. Curse you, Moses.
Kai Schreiber / Dauerhafter Link / Buch kaufen und selber lesen
07.11.2007 / 23:33 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)
Es wird schwer werden, Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat nicht zu lesen, denn es fängt schon mal sehr gut an: mit einer Tabelle der Abkürzungen nämlich. "UB" steht für "unbekanntes Buch, "QB" für "quergelesenes Buch". Andererseits wäre es sicherlich die eleganteste Lösung, gerade dieses Buch konsequent nie zu lesen. Allerdings rät mir der weise Herr Rutschky dazu, denn angeblich ist hier Material für das Prokrastinationsbuch zu finden. Ob er das Buch selbst gelesen oder nur so wie ich vorsichtig den Klappentext und das Inhaltsverzeichnis betrachtet hat, weiss ich nicht. Ich werde kompromisshalber versuchen, eine prokrastinationsrelevante Stelle zu finden.
Zum Beispiel das Kapitel "Sich nicht schämen", denn schliesslich muss man sich auch bei der Prokrastination als Erstes über Scham und Schuldgefühle hinwegsetzen lernen. Gleich auf der ersten Seite dieses Kapitels heisst es:
"Wie wir gesehen haben, hat das Sprechen über ein Buch wenig mit seiner Lektüre zu tun. Die beiden Tätigkeiten sind völlig unabhängig voneinander, und ich für meinen Teil rede, seit ich praktisch zu lesen aufgehört habe, nur um so länger und besser über die Bücher, da mir diese Abstinenz die nötige Distanz – Musils "Überblick" – dazu verschafft."
Now we're talking! Allerdings fragt man sich, was da wohl auf den ersten 142 Seiten passieren mag, wenn eine so zentrale Aussage des Buchs jetzt erst auftaucht. Vielleicht steht in jedem Kapitel dasselbe und Bayard glaubt, wir merken es nicht? Weiter geht es wieder mit Lesemaschine zweiten Grades, nämlich Auszügen aus David Lodges Schnitzeljagd. Lodges Protagonist ist empört über das "Scheissbuch" eines Universitätskollegen, das er gar nicht gelesen hat, "das war auch gar nicht nötig, ich hab oft genug mit ihm in diesen öden Prüferkonferenzen gesessen, ich kann mir schon denken, wie es ist." Eine völlig legitime Haltung laut Bayard, denn:
"Im Gegensatz zu dem berühmten Proust'schen Postulat der Trennung von Autor und Werk – oder eher im Gegensatz zu einer bestimmten Lesart dieses Postulats – ist ein Buch kein Meteorit und kein Produkt eines verborgenen Ichs. Es ist oft nichts anderes als die Verlängerung der Person, die wir kennen (unter der Bedingung natürlich, dass wir uns die Mühe gemacht haben, sie kennenzulernen), und es ist absolut möglich, sich wie Dempsey einzig durch den Umgang mit dem Autor eine Meinung zu bilden."
So weit, so gut, das gilt sicher nicht nur für Jochen Schmidt, dem man neulich in irgendeiner Zeitung vorwarf, er schreibe ja wohl keine richtige Literatur, weil es in seinen Büchern immer nur um ihn selbst gehe, und der seitdem vermutlich an flammenden Leserbriefen ("aber Proust!") arbeitet. Problem: Die Autoren sind oft weniger sympathisch als ihre Bücher, so dass man das Werk missmutig zur Bücherspende geben muss, wenn man den Autor einmal auf einer Lesung erlebt hat. Noch schlimmer ist es, wenn der Autor sympathisch, das Buch aber unlesbar ist. Nicht alle Autoren sind so zuvorkommend, ihre Person in ihren Büchern exakt in die passende Richtung zu verlängern.
Wer jetzt beschliesst, dieses Buch auch einmal nicht zu lesen, der sei gewarnt: Der Autor ist Psychoanalytiker, es geht also neben all diesen schönen Dingen auch um verängstigte innere Kinder, durch Literatur zu stopfende Lücken in der Persönlichkeit, und so weiter, das Übliche halt. Aber es ist ja alles für einen guten Zweck, nämlich die Befreiung vom "repressiven Bild einer lückenlosen Bildung ... dem wir vergeblich ein ganzes Leben lang hinterherrennen". Deshalb gehen wir versöhnlich mit einem Zitat auseinander, das die Lesemaschine ganz gut beschreibt:
"In diesem kulturellen Kontext bilden die Bücher – die gelesenen wie die ungelesenen – eine Art zweite Sprache, die wir benutzen, um über uns selbst zu reden, um uns vor anderen auszudrücken und mit ihnen zu kommunizieren."