13.11.2007 / 12:03 / Bruno Klang liest: Ein unauffälliger Mann (Charles Chadwick)
Jetzt muss ich aber mal von dieser negativen Einstellung herunter! Das Buch habe ich mir selber ausgesucht, und es hat 24 Euro 90 gekostet. Wäre ja gelacht, wenn wir uns den Herrn Ripple nicht schönlesen!
Sprache. Das Buch liest sich nicht schwer, aber etwas hinderlich sind die weitgreifenden Appositionen, die einen Satz immer länger und länger drücken. Ob das auf die Übersetzung zurückzuführen ist, kann ich leider nicht sagen. Ich habe einmal nachgeschaut, was der Übersetzer Klaus Berr sonst noch übertragen hat, und ich war recht erstaunt: Michael Crichton, Noah Gordon, Arthur Hailey und Kathy Reichs, die mit den Knochenromanen. Wie ist das eigentlich mit Übersetzern? Kann man sich die Karriere mit Unterhaltungsliteratur versauen oder ist das den Verlagen egal, heute Crichton, morgen Pynchon?
Jetzt aber wieder zurück zum Text. Teil 1 ist nach 227 Seiten beendet. Tom Ripple notiert dazu:
Bis hierher bin ich also gekommen. Ich weiss noch immer nicht, was das Ganze soll, aber ziemlich lange gedauert hat es schon.
Schön gesagt. Teil 2 setzt 10 Jahre später ein. Mrs. Ripple hat mit den Kindern ihren Mann verlassen, Tom Ripple ist Frührentner und wohnt mittlerweile in Suffolk. Davon war ich ehrlich überrascht: mühsam hat er die Romanumgebung eingerichtet, und dann ist alles weg und der Roman muss vollständig neu möbliert werden. Das heisst, die Kinder kommen auch in Teil 2 an, dazu auch mal ein längeres Zitat, recht typisch für den Chadwickschen Stil:
..., dass Kinder immer weniger an einen denken (von einem halten), als man selber an sie denkt (von ihnen hält). Und warum auch nicht, werden sie doch zu einem immer grösseren Teil der eigenen Vergangenheit, je weniger Zukunft man selber hat, und man selber wird zu einem immer kleineren Teil ihrer Zukunft, die wiederum zu ihrer Vergangenheit wird, während zu diesem Prozess ständig andere hinzukommen, die einen selber zunehmend herausdrängen.
Genau, liebe Eltern, und irgendwann einmal, dann ist euer Anteil nämlich null.
Zustand: Warmgelesen. Was ist wohl in dem vergessenen Koffer von Nanny Phipps, der Vormieterin in Suffolk?
Prophezeiung: Der neue Verlobte der Tochter Virginia, das ist ein ganz schlimmer Finger.
Bruno Klang / Dauerhafter Link / Buch kaufen und selber lesen
13.11.2007 / 03:57 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Descartes (weiss & wahrhaftig), isoliert. (Bild: Jono Rotten) Als nächstes kommt das sogenannte Wachsbeispiel auf den Seiten 89 – 97 in der Reclamausgabe (S. 22 – 26 Meiner-Ausgabe). Dazu können Sie sich selbst was zusammenreimen, ich muss jetzt noch etwas anderes loswerden.
Da sind, finde ich, zwei ziemlich ungeheuerliche Bemerkungen im Descartestext. Erstmal behauptet er, dass nichts evidenter und leichter erkennbar sei als der eigene Geist. Er will damit sagen, dass es ein naives Vorurteil sei, dass die empirische Erkenntnis evidenter sei als die geistige – geschenkt. Es ist evidenter, dass ich denke, als dass ich irgendetwas so wahrnehme, wie es ist. Das sollte bei der ganzen Zweifelsmaschinerie in der 1. und 2. Meditation klar geworden sein. Aber leichter, ist das Geistige wirklich leichter zu erkennen? Sowas kann doch nur ein Mathematiker wie Descartes behaupten. Das sind Leute, die dann auch an Tafeln unter verzwickte mathematische Sätze schreiben: "Beweis: Trivial." – Und auch sonst sind Geist und Denken nicht immer so leicht transparent. Wissen Sie immer so genau, was Sie gerade denken? Ich nicht.
Dann behauptet Descartes noch, dass der Geist immer denke. Der Geist hat keine Aussetzer. Interessanterweise ist das eine These, die man weder beweisen noch widerlegen kann. Wenn man z.B. einen Filmriss hat, kann es ja dennoch sein, dass man in der Zeitspanne, die dem Gedächtnis fehlt, sich angeregt unterhalten hat oder komplexe Träume hatte. Aber was ist, wenn ich mich wirklich mal bewusstlos gesoffen habe und der res cogitans die Lichter ausgehen? Höre ich dann auch auf zu existieren, ich, dessen Existenz darin besteht, eine res cogitans zu sein? Darf man mich im Zustand tiefsten Rauschkomas ohne moralische Bedenken ins Jenseits befördern oder ähnliches? Meines Wissens nach taucht bei Descartes das erste mal in der Geschichte der Gedanke auf, das Wesen des Geistes bestehe in seinem aktuellen Vollzug. Vor Descartes war der Geist auch noch etwas Potenzielles (Stichwort intellectus possibilis in der Scholastik). Später wird Geist dann auch noch auf reines Bewusstsein reduziert (das ist er bei Descartes noch nicht). Heute diskutiert man fast nur noch über Bewusstsein, wenn man vom Geist-Körper-Problem spricht. Das sind massive Bedeutungsverschiebungen von Worten im Laufe der Geschichte, die man immer im, ähm, Geiste behalten sollte, wenn über 'Geist' diskutiert wird.1
Damit aber genug zur 2. Meditation. Was ist das Fazit bis jetzt? Der Vater der Neuzeit suchte die absolute Wahrheit, zweifelte alles an, was sich auch nur im Geringsten anzweifeln lässt, fand sein Ich als absolut wahrhaftig existierend, und sitzt nun da in seiner splendid isolation. Hände und Taschen sind leer, die Welt ist weggezweifelt, der eigene Leib ist weggezweifelt, Wissenschaften und Mathematik sind weggezweifelt, alles ist weggezweifelt. Sackgasse. Wie Gilbert Ryles 'Geist in der Maschine', ohne Ausweg. Er kann jetzt mit sich selbst Scrabble spielen, sein Weg als Wissenschaftler scheint hier zu Ende sein. Wie findet er wieder raus in die Welt, wenn er nur sein Ich zur Verfügung hat?
1 Z.B. ist auch das klassische Leib-Seele-Problem nicht dasselbe wie ein Geist-Körper-Problem oder gar ein Bewusstsein-Gehirn-Problem.
Ruben Schneider / Dauerhafter Link / Buch kaufen und selber lesen
12.11.2007 / 19:13 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)
Wie fast alle bisher hier gelesenen Bücher habe ich auch "Zeno Cosini" auf Empfehlung von Herrn Rutschky gekauft. Es soll darin, so hört man, um, nun ja, das Thema mit P. gehen, und tatsächlich versucht der Erzähler auf den ersten Seiten bereits so tapfer wie vergeblich, das Rauchen aufzugeben. Betrachten wir also heute das Unterthema "Gute Vorsätze".
Die Wände in Cosinis Wohnungen sind über und über mit den Daten bedeckt, an denen er seine ein für allemal letzte Zigarette geraucht hat. Aber lernt er daraus? Natürlich nicht. Ein Merkmal herausragender Prokrastinierer scheint zu sein, dass sie eine überaus verwegene Vorstellung von der Selbstdisziplin hegen, die sie gleich ab morgen aufbringen werden. Wenn man öfter als, sagen wir, dreimal am selben Problem gescheitert ist, drei sinnlose Diäten gemacht, sich dreimal vorgenommen hat, ab morgen immer sofort nach dem Essen abzuspülen – warum ist es dann so schwer, einzusehen, dass der Lösungsansatz grundsätzlich verfehlt ist? Ich habe dazu bisher noch nicht einmal eine Theorie, werde mir aber bald eine ausdenken.
Gestern ging es um Dinge, die man eigentlich tun sollte, aber nicht tut. Heute geht es um Dinge, die man unterlassen sollte, aber trotzdem tut. Beides wäre mit dem lateinischen Gerundivum leichter ausgedrückt, und irgendwer müsste mal untersuchen, ob die Blüte des Römischen Reichs damit zu tun hatte, dass To-Do-Listen dort ihren Niederschlag in der Grammatik gefunden haben. Wo ist die Sprache, die eine gesonderte Wortform für Tätigkeiten hat, die man ebensogut unterlassen kann, einen Spezialausdruck für Egales? Aber auch das Litauische verfügt über ein Gerundivum, das dem Land bisher nicht viel geholfen hat, deshalb zurück zu den praetermittenda:
"Ich schloss damit, dass es mir leichter wäre, auf die drei täglichen Mahlzeiten zu verzichten als auf die Zigaretten; denn dazu muss man sich immer wieder mit derselben Anstrengung entschliessen, jeden Augenblick, den ganzen Tag lang. Und wenn man mit diesen aufreibenden Entschlüssen ununterbrochen beschäftigt ist, bleibt einem für nichts anderes mehr Zeit (...)"
Was Cosini hier beschreibt, hat auch die Wissenschaft gerade erkannt: Selbstkontrolle nutzt sich ab, wenn man sie betätigt. Wer den ganzen Tag damit beschäftigt ist, auf Zigaretten zu verzichten, hat keine Energie mehr für sinnvolle Tätigkeiten übrig. Ich werde mich daher jetzt mit dem Buch aufs Sofa zurückziehen, um die restlichen 600 Seiten aufzusaugen. Widerstand ist mir zu riskant, ich habe schliesslich noch Dinge zu erledigen.
12.11.2007 / 16:08 / Jan Bölsche liest: Mecki im Schlaraffenland (Eduard Rhein)

Hat auch eine harte Tür: die Grenze zum Giraffenland (Foto: regular)Wir schreiben das Jahr 1952 und Eduard Rhein "Mecki im Schlaraffenland". Die Sowjetunion befindet sich offiziell noch immer im Kriegszustand mit Deutschland, stellt Zäune an der Zonengrenze auf und montiert Alarmanlagen. Das Amt des Bundeskanzlers der BRD ist eben erst erfunden und mit Konrad Adenauer besetzt worden. Der entdeckt das stets zielführende Konzept "Sprich nicht mit den Schmuddelkindern" für die deutsche Aussenpolitik und schreibt es drei Jahre später in der Hallstein-Doktrin fest, die besagt, dass die BRD es blöde fände ("acte peu amical") wenn andere Länder diplomatische Beziehungen mit der DDR aufnehmen würden. Kalter Krieg heisst diese Innovation.
Niemand – also echt jetzt – hatte damals die Absicht, eine Mauer aus Honigkuchen zu errichten.
Genau vor der stehen jetzt aber Mecki, seine sieben echt syrischen Goldhamster und auch noch zwei walking-talking Teddybären, deren Existenz mir bislang irgendwie entgangen war. Diese munteren Ausflügler sehen sich nun mit der schlaraffischen Einwanderungspolitik konfrontiert. Diese steht jener der Schweiz in nichts nach, wie durch ein Gebirge aus Hirsebrei, das das Staatsgebiet zusätzlich umschliesst, recht unsubtil angedeutet wird.
Es gilt unter Beweis zu stellen, das Appetit und Schlafbereitschaft der Einreisewilligen den schlaraffischen Standards genügen, da ansonsten eine Unzufriedenheit der Neuankömmlinge über das allgemeine Arbeitsverbot im Lande zu befürchten wäre. Diese Sorge ist nicht ganz unberechtigt, wie uns Ferriss lehrt: Auf seiner Suche nach dem Rezept zum Glücklichsein identifiziert er zunächst das Gegenteil von Glück, um es ausmerzen zu können. Und das Gegenteil von Glück sei nicht etwa Unglück, sondern Langeweile. Ferriss betont daher ausdrücklich, es sei unabdingbar, einen Plan zu haben, was man mit der vielen freien Zeit anfangen wolle, wenn es erst gelungen sei, das nötige Arbeitspensum auf 4 Stunden die Woche zu reduzieren.
Noch vier Wochenstunden mehr haben Mecki und seine Freunde jenseits der Grenze zu füllen. Und zwar mit Essen und Schlafen, denn alles andere ist verboten.
Totalitäre Staaten klären die Tauglichkeit potenzieller Staatsbürger noch vor Ort an der Grenzanlage. Das ist elegant und spart Unkosten. So macht es zum Beispiel Robot Planet:
Robot #1: "Administer the test."
Robot #2: "Which of the following would you most prefer? A: a puppy, B: a pretty flower from your sweety, or C: a large properly formatted data file?"
Robot #1: "Choose!" (Leela and Fry whisper)
Fry: "Uh, is the puppy mechanical in any way?"
Robot #2: "No, it is the bad kind of puppy."
Leela: "Then we'll go with that data file!"
Robot #2: "Correct."
Robot #1: "The flower would also have been acceptable."
Robot #2: "You may pass."
(Futurama – Fear of a Bot Planet)
Im Falle des Schlaraffenlandes spart man zusätzlich noch Personalkosten, indem man die Grenze gleich als essbaren Einreisetest anlegt. Zugegeben: die Schlaffähigkeiten bleiben ungetestet. Und wer mal zwei Sekunden darüber nachdenkt, erkennt, dass man eine mit Hirsebrei gefüllte Hohlwand aus Honigkuchen auch überwinden kann, ohne dabei eine einzige Kalorie zu sich zu nehmen. Mit Fleiss und Arbeitseifer nämlich. Wir haben es hier mit einem fundamentalen Designfehler zu tun.
Das fällt ihm auch gerade auf, als er versonnen auf die beiden bereits friedlich schlafenden Kinder im Gitterbett blickt. Walter Ulbricht klappt vorsichtig das Igel-Buch aus dem Westen zu und blickt noch eine Weile gedankenverloren auf die Gitterstäbe, die die Kinder umschliessen: Eine Mauer. Die Idee ist so schlecht nicht. Aber aus Honigkuchen?
12.11.2007 / 00:13 / Angela Leinen liest: Klagenfurttexte

Borsalino weg?Gestern kündigte ich Zeitsparen durch Selberlesen an, aber heute ist ja Sonntag, Zeitvergeudungstag. 1980 las Bodo Kirchhoff in Klagenfurt den fast zwanzig Seiten langen Text An den Rand der Erschöpfung weiter (Anfang, der ganze Text steht in Klagenfurter Texte 1980). Kirchhoff gewann dafür keinen Preis, bekam aber von Sten Nadolny ein Achtundzwanzigstel von dessen Preisgeld (100.000/28 Schillinge). Siehe Bachmannpreis-Archiv des ORF .
Inhalt: Der Ich-Erzähler sitzt zwischen 23 Uhr und gegen Mitternacht zu Hause am Telefon, stoffwechselt und vermisst seinen Borsalino:
Auf einem anderen Fotod.. welches etwa hier hing.. gefähr dort hinten da, waren die Geschlechts.. zuteil.. gehörigkeit.. die erste Hörigkeit, die erste und die letzte.. Te Woche.. hatte ich noch meinen Hut.
Nach ein paar Seiten kam mir der Text lang und unlesbar vor. Ich stellte fest, dass es sich bei dem Text um ein Stück Musik mit komponierten Mikrofonaussetzern handelt. Ein Hörspiel.
Ich las darum den ganzen Text zügig in ein MP3 hinein. Das dauerte 36 Minuten, obwohl ich schnell las. Sind die liegenden Doppelpunkte Atemzeichen? Zum Stoffwechseln kam ich nicht. Mit dem anschliessenden Anhören hatte ich die Zeit für meine innere Jurydiskussion aufgebraucht. Ab jetzt ist also alles Dreingabe.
Schweiss, Stuhl, Urin, Sperma, Tränen.. was darüber hinaus noch an Resten so anfällt, wie Haare, Fingernägel, Nasenschlacke, Schuppen und und wieder kleine Hautpartikel von den Beinen.. sich über den Raum verteilen zu einem Polster, einer natürlichen Isolation, einer Wärmedämmung, einem Humusboden, dem Schnittlauch und Radieschen gedeihen.. aller Voraussicht nach.. sogar Kartoffeln.
Vorsicht mit Ausscheidungen bei Lesung am Morgen. Bei schwerem Kater hören die Juroren sich womöglich lieber appetitlichere Texte an.
Zeit, den Text zu verstehen, habe ich nun nicht mehr. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass nicht doch geschossen wird. Die Musik des Textes gefällt mir, die Lücken füllen sich beim Hören im Hirn. Es geht gut aus: Er findet seinen Borsalino wieder. Ich lese Ihnen das einfach mal vor: