14.11.2007 / 16:38 / Kathrin Passig liest: Alles (von allen)

Beowulf (xxii-3)

Also. Dieser Tage ist es soweit, und die neue Beowulf-Verfilmung kommt in die Kinos. Zeit, endlich mal die zweisprachige Beowulf-Ausgabe von Seamus Heaney zur Hand zu nehmen und wenigstens das Vorwort zu betrachten. Er sei, schreibt Heaney, Mitte der 80er Jahre von den Herausgebern der Norton Anthology of English Literature gebeten worden, eine neue Beowulf-Übersetzung anzufertigen.

Very soon, however, I hesitated. It was labour-intensive work, scriptorium-slow. I worked dutifully, like a sixth-former at homework. I would set myself twenty lines a day ...

Man ahnt es schon: Der schöne Plan scheitert. Hier wirft nicht nur die Prokrastination ihren Schatten voraus, Heaney ahmt nebenbei auch den altenglischen Duktus nach, die gleichförmige Satzteilbrandung, die nachgestellte Metapher. Was weiter geschah, geht aus der Vorbemerkung "About this translation" nicht so ganz hervor, erst aus den Danksagungen ganz hinten erfahren wir, dass Heaney die Arbeit wohl erst in den späten 90er Jahren wieder aufnahm. Egal! Vor einem tausend bis tausendfünfhundert Jahre alten Text sind zehn, fünfzehn Jahre nur ein Augenblick. Deadlines kommen und gehen, aber eine gute Metapher1 ist für die Ewigkeit gemacht.

Und dann geht es los:

Hwæt we Gar-Dena in gear-dagum
þeod-cyninga þrym gefrunon
hu ða æþelingas ellen fremedon.

Wie es sich anhört, wenn ein hühnerhafter Anglistikprofessor diesen Text vorträgt, kann man hier erfahren. Die Marginalspalten der Heaney-Ausgabe fassen die Handlung serviceorientiert zusammen und befördern so die schöne Kunst des Immereinsmehralsdu: Sagt der Kinobegleiter nach dem Film abfällig, das Abhacken von Grendels Arm, der blutige Tod von Grendels Mutter oder der Kampf gegen den Drachen sei "im Original viel besser", können wir jetzt kontern, die eigentliche Strahlkraft der Handlung entfalte sich in den Versen 499-528 "Unferth erzählt von einem Schwimmwettbewerb" oder 1232-1250 "Schlafenszeit in Heorod".

1 Tipp: Was mit Walfischen wählen. Walfischmetaphern haben sich in den letzten tausend bis tausendfünfhundert Jahren als sehr haltbar erwiesen.



Prokrastinationsbuch: 10 von 200 Seiten geschrieben.


14.11.2007 / 14:01 / Ruben Schneider liest: Meditationen (Descartes)

Gottesbeweis (98-103)


Scholastik heute
Als ob es nicht schon spooky genug wäre, jetzt kommt auch noch ein Gottesbeweis in der 3. Meditation.

Aber so abwegig ist das nicht: Descartes hat die Existenz seines Ich gezeigt. Die Aussenwelt wird aber weiterhin möglicherweise von einer mächtigen betrügerischen Matrix vorgegaukelt. Will er die Existenz der Aussenwelt beweisen, muss er die Matrix aushebeln. Das kann man mit Cyberwaffen machen, oder, wenn man sein vielleicht doch real existierendes Mobiliar schonen will, folgendermassen: Man muss beweisen, dass es etwas gibt, das gewaltiger als die Matrix ist, das wahrhaftig ist und das von seiner Beschaffenheit her keine Möglichkeit mehr zulässt, dass es etwas Mächtigeres als es selbst geben kann: Gott. Dann schaut die Matrix alt aus.

Wenn Sie Atheist sind, dann keine Sorge jetzt: Die 3. Meditation ist nicht so eine Kinderei wie das heutige Kreationistenzeug. Es ist ein scholastischer Gottesbeweis nach allen Regeln der Kunst: Gedankenanalyse, Kausalprinzip, Syllogismen ... Wenn sie jedoch gläubig sind, dann legen Sie sich schon mal die Rufnummer der Telefonseelsorge bereit. Denn der in dieser Meditation aufgezeigte Gottesbegriff ist etwas ganz anderes als das, was man landläufig in zumeist einfacheren religiösen Kreisen als "Gott" untergejubelt bekommt (z.B. dass Gott irgendein Objekt mit Superkräften ist, das irgendwo ausserhalb der Welt in einer Art Himmel sitzt und von dort aus permanent in die Welt reinpfuscht. Oder überhaupt, dass Gott eine Entität sei, ein Seiendes unter anderen Seienden). Klassische Gottesbeweise beweisen nämlich auch, was Karl Rahner einmal erleichtert feststellte: Zum Glück existiert das, worunter sich die meisten Menschen Gott vorstellen, tatsächlich nicht.

Die 3. Meditation ist ein ziemlich wuchtiger Gedankenklotz. Es gibt heute zu diesem Beweis wie zu jedem alten Gottesbeweis riesige Rekonstruktionen mit Hilfe mathematischer Logik. Das ist zwar spannend, aber vor allem auch eine moderne Fortführung der scholastischen Logikwut. Das Wichtigste ist, glaube ich, das Tiefenargument des Beweises zu finden. Das kann man vor allem auch leichter behalten als komplizierte Formallogik. Die überzeugendsten Beweise, egal für was, sind immer diejenigen, die so kurz sind, dass man am Ende des Beweises noch weiss, worum es am Anfang ging.

Doch dazu in der nächsten Sendung.

103 von 229 Seiten

Ruben Schneider / Dauerhafter Link / Buch kaufen und selber lesen


14.11.2007 / 10:58 / Bettina Andrae liest: Meine wichtigsten Körperfunktionen (Jochen Schmidt)

Das Fest (12-16)


Schmidt hatte nur an etwas Obst für sich selbst gedacht
Fünf Seiten lang hatte ich mich auf die Folter spannen lassen. Vollkommen nutzlos, wie sich herausstellen sollte. Ob Schmidt seine Wohnung tatsächlich jemals verlässt, ist dem Text nicht zu entnehmen, auch nicht den letzten sechseinhalb Zeilen. Wer könnte ihn da besser als ich verstehen, wenn er das vielleicht einfach nicht möchte. In Schmidts Wohnung kann man gut wohnen. Ich selbst versuchte es zeitweise recht hartnäckig und, wie ich behaupten möchte, nicht ungeschickt. Ich lobte seinen Einrichtungsstil: die herrliche Keramikschale, die ich ihm einmal geschenkt hatte, die schönen Vorhänge (er hatte sich erst gegen sie gewehrt, aber die sollten mir schliesslich gen Morgen ein paar Minuten länger in seiner Wohnung verschaffen), das Körbchen für die Damenhygiene im Bad – alles nicht geschickt genug für Schmidt. Er schmiss mich immer wieder pünktlich bei Sonnenaufgang hinaus. Ich gerate in nostalgisches Fahrwasser. Der Zukunft jedoch gehört die Zukunft.

Schmidt listet seinen zweiten Streich unter Meine Einsamkeit. Ich hatte das Gefühl, er könnte ein wenig übertrieben haben, als ich las Das Kind schreit und tobt, es will mich partout nicht berühren. Dies will ihm passiert sein, als er sich im Streichelzoo unter die Schafe mischte, um sich so ein wenig Zuneigung zu erschleichen. Wüsste ich nicht, dass es gelegentlich des Stilmittels der Übertreibung bedarf, um komplexen Sachverhalten wie Schmidts Einsamkeit literarisch gerecht zu werden, riefe ich hier aus: ER LÜGT! ERST NEULICH SAH ICH, WIE SEINE TOCHTER NICHT DAVOR ZURÜCKSCHRECKTE, SICH VON IHM BEI DER HAND NEHMEN ZU LASSEN, ALS EINE BULLDOGGE AUF SIE ZUSTÜRMTE! UND DAS HATTE GEWISS NICHT MIT IHRER TIERPHOBIE ZU TUN, JEDENFALLS NICHT NUR, UND AUCH NICHT DAMIT ALLEIN, DASS ICH IHR EINE PACKUNG FREDFERKEL-GUMMITIERE FÜR DIESEN FALL VERSPRACH. SONDERN ES WAR EINE MISCHUNG AUS DIESEN ZWEI ASPEKTEN! Aber ich weiss um die Stilmittel, die es braucht in der Kunst, nur allzu gut. Jene der Typographie sind im übrigen zu stiefmütterlich behandelt. Meine Meinung. Auch auf dem Flughafen will sich Schmidt in der Erpressung von Zuneigung erprobt haben und schliesslich in der Kirche bei Gott, um sich dort beleidigt das Leben zu nehmen, weil ihn Jesus vom Kreuz her flieht. Auf diese Stelle hatte ich ihn am Sonntag auf seinem Geburtstagsfest eigentlich ansprechen wollen, weil ich der Überzeugung war (und es genau genommen noch immer bin), dass er sich das ausgedacht haben musste. Eine Jesusfigur, die wie ein echter Mensch losrennt, für wie blöd hielt er seine Leser eigentlich?

Es kam leider nicht dazu. Zwar hatte Schmidt nicht ohne Talent versucht, das Fest als solches unkenntlich zu machen, indem er verbot, irgendwen mitzubringen, sich zu betrinken und schon im Vorfeld klarstellte: "Zu essen gibt es nichts!", es liess sich aber doch nicht ganz vermeiden, dass gegen Mitternacht ein wenig Stimmung aufkam, wie es von einfachen Menschen genannt wird. Das Getränkeangebot bestand aus den verschiedenen Rotweinen, die sich so im Laufe der Jahre in seiner gemütlichen Wohnung angesammelt hatten und durchweg verschiedener Herkunft und Rebsorte waren. Deshalb verschob ich die Formulierung meiner Kritik auf einen Zeitpunkt, der für die Art Präzision geschaffener sein wird.

16 von 144 Seiten

Bettina Andrae / Dauerhafter Link / Buch kaufen und selber lesen


14.11.2007 / 03:02 / Michaela Gruber liest: Über die Liebe (Stendhal)

Über die Liebe

Mein Lieblingsroman ist Stendhals "Rot und Schwarz". Schon beim ersten Lesen, mit Anfang Zwanzig, war ich von der Hauptfigur Julien Sorel fasziniert, "dessen innere Rebellion gegen die herrschenden Verhältnisse und sein Idealismus mit gleichzeitiger Korrumpierbarkeit und dem Willen gesellschaftlich aufzusteigen einhergehen."*

Und der dabei nicht mal unsympathisch wirkt. Präzise geschildert, machte mir das Buch eine Haltung bewusst, die so in meinem bisher klaren Weltbild nicht denkbar gewesen wäre. Jetzt musste ich mich fragen, ob ich sie nicht selbst gelegentlich lebte.

Wie auch immer, Stendhal war toll und ich wollte mehr. Mit seinem zweiten grossen Roman und mir wurde es aber irgendwie nichts – über die Jahre immer wieder zur Hand genommen, überkommt mich jedes Mal nach einigen Seiten eine grosse Müdigkeit, und ich kann den Sätzen nicht mehr folgen. Das könnte damit zu tun haben, dass mich das Thema, also Kriege im allgemeinen und die Napoleonischen im besonderen, nicht so interessiert. Im Grunde fängt es schon beim Titel an: "Die Kartause von Parma". Parma mit Melone, gut, aber was zum Teufel ist eine Kartause? Mag sein, dass da beim Leser des frühen 19. Jahrhundert die Assoziationen nur so sprudelten, bei mir bleibt der innere Bildschirm dunkel.

Deshalb bin ich sehr froh, dass ich jetzt noch ein weiteres Buch von ihm entdeckt habe. "Über die Liebe" das ist ein Titel nach meinem Herzen, mit "Liebe" kann ich was anfangen. Der Leser von damals übrigens nicht, das Buch war ein beispielloser Misserfolg, seit der Veröffentlichung 1822 bis zum Jahr 1833 wurden genau siebzehn Exemplare verkauft. Stendhal selbst hat sich das, ganz Türsteher des eigenen exklusiven Clubs, in einem späteren Vorwort schönzureden versucht: ** "Ich schreibe allein für hundert Leser, und zwar für jene unglücklichen, liebenswerten und anziehenden Gemüter, die ein Leben frei von Heuchelei und Voreingenommenheit führen." Ich werde das Buch mit dem schönen Titel trotzdem lesen.

* Walter Hoyer in "Über die Liebe" von Stendhal, Inselverlag, 1975. Das Buch hat auf fast jeder der 387 Seiten eine Fussnote, ich übe das schon mal.

** Vorwort zur zweiten Auflage 1942. Stendhal hätte unterstrichene Links sicher praktisch gefunden.


13.11.2007 / 18:05 / Murmel Clausen liest: The Kid Stays in the Picture (Robert Evans)

To see or not to see (1-1)


Das sehen Filmschaffende, wenn sie Proust lesen
Wir Filmschaffenden lesen Bücher nicht wie normale Menschen, denn wir haben eine ausserordentliche Gabe, die uns hilft, während des Lesens Filmideen zu kreieren. Die bildliche Vorstellungskraft. Wir können uns ein innerliches Bild von einem Garten machen, den zum Beispiel ein Herr Proust beschreibt. Vor unserem inneren Auge sehen wir den Garten tatsächlich. Das ist ein enormer Vorteil gegenüber dem Normalleser, der lediglich die Tatsache wahrnimmt, dass 30 Seiten lang Wörter zum Thema Garten stilvoll aneinander gereiht wurden. Er legt daraufhin das Buch weg, weil ihm langweilig geworden ist, wir hingegen überlegen, eine Gartendokumentation zu machen, verwerfen die Idee und lesen auch nicht weiter.

Daher kommt auch mein Problem mit Büchern über Hollywood: ich habe zu viele Filme nicht gesehen und dementsprechend bei ihrer Erwähnung kein Bild vor Augen. Deswegen habe ich "Easy Riders, Raging Bulls" von Peter Biskin abgebrochen, der auf jeder Seite mindestens zwei Filme aufführt, von denen ich in meinem Leben nichts gehört, geschweige denn gesehen habe. Robert Evans hingegen hat bis 1993 ausnahmslos Filme produziert, die ich kenne. The Godfather, Rosemary's Baby, Chinatown, Marathon Man, Popeye, The Cotton Club, The Two Jakes und Sliver. Was danach kam, ist nicht der Rede wert, zumindest nicht hier, denn sein Buch erschien 1994. Ich gehe also davon aus, dass ich während der Lektüre nicht ständig zur Videothek rennen muss, um mich neben Evans Autobiographie auch noch mit seiner Filmographie vertraut zu machen.

Evans leitet sein Buch mit dem Satz ein:

"There are three sides to every story: yours ... mine ... and the truth."

Im Gegensatz zu Ihnen sehe ich Robert Evans nun vor mir. Supatopcheckerbunny meets Hollywood. Gute Filmidee.

1 von 462 Seiten

Murmel Clausen / Dauerhafter Link / Kommentare (3) / Buch kaufen und selber lesen


... 5 6 7 8 9 [10] 11 12 13 14 15 ...