28.03.2008 / 05:44 / Mehrere lesen: Verschiedenes (von manchen)
Ich erlaube mir, anderer Meinung als Volker Jahr zu sein und Heinz Strunks Fleisch nur <schön, aber nicht so schön> gefunden zu haben. Dabei wusste ich beim Strunk zunächst gar nicht, was mir nicht gefallen hat. Irgendwann einmal sah ich ihn in einer Talkshow, er berichtete vom "Mucke machen", und dabei störte mich ein wenig seine Bröselwernerhaftigkeit. Bölkstoff, hau wech die Scheisse Kann ich nicht leiden. Das ist keine elitäre Abscheu gegenüber volksnahem Bieraustrinken. Ganz im Gegenteil, es ist wohl eher so, dass wir Zustände, in denen wir selber einmal steckten, bei anderen überhaupt nicht sehen und ausstehen können. Das ging mir schon immer so. In der 2. Klasse Grundschule fand ich die frischen Erstklässler fürchterlich. Wie kindisch sie waren! Sie spielen in der Pause auf dem Schulhof Der Plumpsack geht herum. Ehrlich, das ist doch Kindergarten!
Ansonsten ist es natürlich völlig richtig, Schamoni und Strunk miteinander zu vergleichen, so wie man Stifter und Fontane nebeneinander halten kann. Schamonis Held Sonntag ist allerdings deutlich mehr fucked up als Heinz Strunk. Und auch erheblich mehr fucked. In einer sehr hübschen Szene wacht er nackt in einem fremden Bett auf und kann sich nicht mehr erinnern, was überhaupt passiert ist. Mangels Alternativen muss er in Frauenkleidern nach draussen. Er steigt in den Bus, und einige Jugendliche lachen ihn aus. Sonntag kommentiert:
"In jungen Männern wird die ganze Scheisse der Welt gelagert. All der menschliche Unrat gärt in diesen laufenden Psychogüllesilos. Ich weiss das, ich war selber so."
Wahrhaftig, der Plumpsack. Es ist übrigens verblüffend, wie Schamoni zwischen allen Episoden des fucked-up-life immer wieder solche Perlen der Lebensweisheit hineinsteckt. Und wir alle wissen, wie Perlen hergestellt werden: ein Stück Dreck, das über lange Zeit mit Muschelspucke überzogen wird.
Beunruhigend nur, dass auch unser heutiges Leben einmal zu den Zuständen zählen wird, die wir nicht mehr leiden können werden. Dreht euch nicht um.
Bruno Klang / Dauerhafter Link / Kommentare (6)
26.03.2008 / 13:14 / Aleks Scholz liest: The Road to Reality (Roger Penrose)
In Anlehnung an Roger Penrose und Arthur C. Clarke
Das Institut steht auf einer Anhöhe oberhalb der berühmtesten Golfplätze der Welt, weniger hundert Meter entfernt von der Brandung der Nordsee. Wie so oft war Antea die letzte im Haus, andererseits kommt sie auch nie vor Mittag. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich fünf Anträge, die bis Freitag eingereicht sein müssen; davon abgesehen sind Vorlesungen vorzubereiten und Reisekostenabrechnungen zu erledigen. Anteas drängendstes Problem derzeit ist ein ausgeprägter Mangel an Leitsternen in einer Molekülwolke im Sternbild Perseus. Jedes Teleskop braucht Leitsterne, um den Himmelsbewegungen präzise folgen zu können, helle Sterne in enger Nachbarschaft der eigentlichen Zielobjekte. Leider haben Molekülwolken die unangenehme Eigenschaft, Licht zu verschlucken, daher der Mangel an Leitsternen. Andererseits befinden sich gerade in den Molekülwolken, den Geburtsstätten der Sterne, die interessantesten Objekte. Aber ohne Leitsterne kann man sie nicht beobachten. Antea hadert mit dem Universum.
Den ganzen Tag hatte sie sich von Pekannüssen und Cappuccino ernährt. Mittlerweile ist der Akku des Ipod leer, ein kalter Wind zieht durch die undichten Fenster, und der Getränkeautomat ist ausser Betrieb. Das Institut riecht so, wie alle Institute riechen, die einmal damit angefangen haben, sich mit Physik zu befassen: nach Linoleum und warmen Öl. Das Haus ist erfüllt von einem niederfrequenten Brummen, der Nachtwächter in seiner Kabine eingeschlafen. Antea spielt eine Weile mit dem aufblasbaren Planetarium in der Eingangshalle.
Foto, Lizenz
Zwei Stunden später ist Antea keinen Schritt weiter. Sie geht zum Fenster und blickte hinaus in die Nacht. Wie üblich sah man nichts, wer hätte auch etwas anderes erwartet? Die Sterne verborgen hinter der ubiquitären Wolkendecke, und ohnehin waren die interessanten unter ihnen viel zu schwach, um mit blossem Auge gesehen werden zu können. Die Golfplätze, das Meer, die Kampfflugzeuge verschluckt von der Dunkelheit. Noch zwei Stunden bis zum letzten Bus. Noch zwei Tage bis zur Deadline. Das Problem mit der Molekülwolke weiterhin ungelöst. Antea hebt langsam den Kopf und sieht ihr Spiegelbild an. Plötzlich kommt ihr ein Gedanke. Sofort verwirft sie ihn wieder. Es war eine blöde Idee.
Aleks Scholz / Dauerhafter Link / Kommentare (10) / Buch kaufen und selber lesen
24.03.2008 / 12:19 / Aleks Scholz liest: The Road to Reality (Roger Penrose)

Foto, LizenzWas ist die treibende Kraft hinter dem wissenschaftlichen Fortschritt? Aus welchem Loch kommen sie, die neuen Theorien? Ästhetik ist ein wichtiger Punkt; kein ernstzunehmender Mensch würde Jahrzehnte an einer hässlichen Theorie forschen. Warum mathematisch schöne Theorien am Ende auch so oft richtig sind, warum also Massstäbe des Denkens relevant sind für das Erkennen der Welt, das ist ein grosses Rätsel. Verwandte Frage: Warum gehorcht das Universum überhaupt mathematischen Strukturen, die doch, so möchte man naiv annehmen, unserem Denken entspringen? Liegt es daran, dass unser Denken wiederum dem Universum entspringt, mit seinen spezifischen Gesetzen und Konstanten? Angenommen ein Gastwissenschaftler aus einem vollkommen anderen Universum wäre zu Besuch, hätte er eine Chance, unsere Welt zu verstehen? 
Foto, LizenzVollkommen ignoriert von Penrose übrigens der Einfluss von gesellschaftlichen Faktoren oder noch einfacher: des Dahinsterbens von Experten auf die Entwicklung der Forschung. Seit der letzten Revolution des physikalischen Weltbildes sind nichtmal 100 Jahre vergangen, nur zwei Generationen an Wissenschaftlern liegen zwischen mir und Einstein. Penrose gehört zu einer dieser Generationen. Einerseits ist es schwer einzusehen, dass in tausend Jahren niemand mehr über uns reden wird. Newton, Einstein, Mr. X wird es heissen, und wer wäre nicht gern Mr. X? Andererseits kann nicht jedes Jahrhundert die Physik neu erfinden, wo soll das hinführen? Sind wir eben eine mittelmässige Generation, meine Güte. Irgendjemand muss auch die Drecksarbeit erledigen.
Foto, LizenzDie Show ist zu Ende. Seit ich im November beim Prolog anfing, es scheint eine Ewigkeit her zu sein, wurden Kinder geboren, die mittlerweile sprechen und laufen können. Menschenleben wurden gerettet und vernichtet, jedenfalls in Die Hard IV und cirka 40 Folgen House. Ein mir bekannter Hund starb unverdient an einem Karzinom in der Achselhöhle. Orion ging jeden Tag früher unter und ist mittlerweile nur noch in der Dämmerung zu sehen. Eine Dämmerung, die jetzt wieder die halbe Nacht dauert. Es ist ein gutes Buch, jedenfalls wenn man sich vorwiegend mit Hilfe von kalten Duschen, Kniebeugen am offenen Fenster und viel Schnaps am Leben erhält.
Und doch ist da weder Stolz noch Zufriedenheit, stattdessen grosses Bedauern, nicht noch mehr Zeit mit dem Buch verbracht zu haben. Wer auf den ersten 400 Seiten nicht bei der Sache ist, wird später auf der Strecke bleiben, wenn die Sätze so dicht und unverständlich werden wie ein Bericht vom Cricket. Ich hatte die Chance, etwas Aussergewöhnliches zu lernen. Stattdessen nur die übliche Halbleere im Kopf. An jedem einzelnen Tag in diesem Winter habe ich gefroren. Frieren, Dunkelheit, Penrose und ein toter Hund, daran werde ich mich in hundert Jahren erinnern. In einer idealen Welt sollte ich im nächsten Winter noch einmal von vorne anfangen. Ich habe gelogen. Es wird keine Elefanten mehr geben. Stattdessen einen pathetischen Schluss.
Aleks Scholz / Dauerhafter Link / Kommentare (24) / Buch kaufen und selber lesen
20.03.2008 / 20:56 / Aleks Scholz liest: The Road to Reality (Roger Penrose)
Stringtheorie. Schleifenquantengravitation. Twistortheorie. Drei lange Kapitel, drei Gesellschaftsspiele auf dem Weg zur Theorie von Allem. Noch mal das Grundproblem: Die zwei dominierenden physikalischen Theorien der Gegenwart, Quanten und Relativität, funktionieren getrennt beide super, beruhen jedoch auf unvereinbaren Prämissen. Sie zu einer neuen Theorie zu vereinen, das ist das Ziel. Und auch wenn das total einfach klingt, gibt es offenbar diversen Anlass zum Hadern. Abgesehen von den üblichen komplizierten Sachfragen, auf die hier aus, ähm, Gründen nicht näher eingegangen werden soll1, gibt es zumindest zwei leicht überraschende Probleme.
Foto, LizenzDas eine ist, dass niemand so genau weiss, ob man jetzt die Quantentheorie an die Relativitätstheorie anschrauben soll oder umgekehrt. Welche von beiden ist das Klavier, welche der Notenständer? Penrose zum Beispiel hält Einstein für ewig und fordert radikale Umbauten an den Quanten, damit alles zusammenpasst. (Von mir aus sehr gern.) Die zweite Schwierigkeit ist so ähnlich wie das Deep-Thought-Problem bei Douglas Adams: Es besteht keine Einigkeit darüber, welche Art Fragen man eigentlich mit der grossen Theorie, wie auch immer sie aussehen mag, beantworten können sollte. Gelegentlich stehen Stringtheoretiker auf und sagen "42", worauf Penrose nur erwidert: "Sechs mal neun?" So geht es zu in der theoretischen Physik.2
Penrose selbst hat ein halbes Jahrhundert mit Twistoren gearbeitet, so verwundert es nicht, dass er eine gewisse Vorliebe für diese Art Welterklärung unterhält. Geht man allein nach der Eklektizität der Terminologie, so ist die Twistortheorie klar allen Konkurrenten überlegen, vor allem weil es in ihr Hyperkähler Manifolds und Sheaf Cohomology (alles richtig geschrieben) gibt. Letzteres benötigt man zum Beispiel, um das unmögliche Dreieck zu beschreiben, das offenbar an jeder Stelle einwandfrei aussieht, nur insgesamt betrachtet beim Mann von der Strasse Kopfschütteln verursacht. Nicht so für den Kohomologen! Gern würde man mehr davon wissen, aber vielleicht geht es auch ohne.
Foto, LizenzAber dann begreife ich doch noch alles. Am letzten Dienstag stehe ich drei Stunden lang in der Carling Academy Glasgow und starre in Richtung Mars Volta. Die Musik von Marsvolta – Inertiatic, Tarantism, Faminepulse, Tetragrammaton, Meccaamputechture, Metatron – klingt ähnlich fantasmatisch wie die Spezifikationen der Twistor-Theorie. Das grossflächige Gemälde im Bühnenhintergrund rankt sich um ein überdimensioniertes Auge, Mensch oder Tier, das mich unverwandt anstarrt. Ein Metallzylinder mit Lichtschlitzen dreht sich direkt unter dem Auge und schleudert sanfte Blitze durch den Saal. Es dauert ein wenig, bis ich verstehe, dass dies kein Konzert ist, sondern eine Art Therapie, aber als es soweit ist, kommt der Rest ohne Vorwarnung.
Die Welt ist im Halbdunkel meines Kopfes und ich sehe von aussen auf sie herab. Komplex und wirr sieht sie aus, keine Frage, aber sie ist warm, lebendig, wunderschön und zuckt besonnen in einem der zwölf Takte von Wax Simulacra. Man kann gar nichts falsch machen. An jedem Ende schliessen sich Kreise und leuchtende Ströme laufen von mir einmal bis zum Ereignishorizont und zurück. Ich stehe in einem Raum, die Zeit vergeht und Licht macht lichtartige Dinge. Das Gerümpel verwandelt sich in vollkommene Klarheit und Strings, Branes, Spinloops, Twistoren in grosse Horntiere, die friedlich am Ufer grasen3. Das Universum sieht ein für allemal deutlich besser aus als, sagen wir, eine Buchmesse.
1 Unter anderem die zahlreichen Versuche zur Quantisierung der bislang kontinuierlich gedachten Raum-Zeit-Struktur – man hackt kleine Stufen in Raum und Zeit, damit man nicht so leicht runterfällt.
2 Am Grunde dieses Problems liegt erneut die Frage, was eigentlich diese Wirklichkeit ist, auf der wir die ganze Zeit herumhacken. Zwei Theoretiker tasten im Dunkeln einen Elefanten ab, die einen befühlen die Ohren, die anderen den Schwanz. Kein Wunder, dass es so ausgeht, wie es ausgeht.
3 Mehr über Elefanten im grossen Finale.
Aleks Scholz / Dauerhafter Link / Kommentare (3) / Buch kaufen und selber lesen
11.03.2008 / 10:53 / Mehrere lesen: Verschiedenes (von manchen)

Entwurf Kollhoff SS06, ETH Zürich: Schöön, aber nicht sooo schöön. QuelleMein Freund Friedrich hat, bevor er sich wieder auf den elterlichen Hof zurückzog und eine Pferdepension eröffnete, erfolgreich Architektur in Mainz studiert. Anschaulich wusste er von den Projektpräsentationen beim japanischen Professor zu berichten, der zwar eine Kapazität auf seinem Gebiet darstellte, aber des Deutschen nur rudimentär mächtig war: Bei diesen Präsentationen gab es nämlich als höchste Auszeichnung ein "Schöön" zu ernten. Hatte der Mentor allerdings kleine Vorbehalte, setzte er ein ebenso nettes Lächeln wie beim "Schöön" auf, kommentierte den Entwurf jedoch mit einem "Schöön, aber nicht sooo schöön".
Diese Anekdote kam mir in den Sinn, als ich am Samstag nach gut drei Jahren "Fleisch ist mein Gemüse" von Heinz Strunk zum zweiten Mal am Stück weglas, weil ich das Buch verschenken wollte und durch den Kauf inspiriert wurde, auch in mein Exemplar mal wieder reinzuschauen. Stellt man Strunk direkt neben Schamoni, gute Kumpel übrigens die beiden, ist Strunk "Schöön", Schamoni "Schöön, aber nicht sooo schöön". Ansonsten sind die Bücher sich sehr ähnlich, zwei Innenansichten aus der "Warteschleife des Lebens" (Schamoni), ironische Brechung der Ereignisse aus der retrospektiven Perspektive desjenigen, der es geschafft hat, diesen Welten gerade noch so zu entkommen, hochkomische Momente, jedoch warten die nur mit Psychopharmaka zu behandelnden Depressionen schon hinter der nächsten Strassenecke.
Auch Abschnitt Zwei der "Sternstunden" ist schnell zusammengefasst, was aber nicht verwundert, da zentraler Inhalt des Buches ja das Abhängen des Protagonisten ist: Michael Sonntag liest sehr viele Bücher aus der Bibliothek, schaut sehr viele Filme aus der Videothek, führt sehr viele Listen über sehr viele Dinge. Sein Mitbewohner Bruno bringt eines Tages eine Freundin mit, die ebenfalls einzieht. Zumindest einmal hat die Masche trotz Brunos (der andere: Klang) Bedenken also doch gezogen (Selbstverständlich ist das mit den 10% Quatsch, korrekt sind vielmehr 7%, wie ich seit der Sieben von Steffen aus meiner Klasse weiss). Um die unbekannte Schöne von gegenüber kennenzulernen, hängt er einen Zettel ins Fenster, doch der Versuch der Kommunikationsaufnahme scheitert zunächst. Am Ende wieder Alkohol, Absturz, Erwachen im fremden Bett und ein Nachhauseweg in Frauenkleidern, da die eigenen Klamotten verschwunden sind.
Schöön die folgende Selbstreflexion, ihre unmittelbare Dekonstruktion und eine sich trotzig anschliessende zusätzliche halbe Drehung an der Ironieschraube, Postpostirgendwas 2007:
"Weit draussen im All, in einem Saturnring um den Planeten der Normalen herum, schweben wir Überflüssigen kreiselnd in der Kälte wie einsame, traurige Satelliten aus Fleisch, haben nichts zu tun, kriegen kaum Licht ab und treffen auf niemand anderen als auf uns. Pathetische Selbstmitleidsfantasien. Aber ist doch so."
Volker Jahr / Dauerhafter Link / Kommentare (3)
[1] 2