12.11.2007 / 00:13 / Angela Leinen liest: Klagenfurttexte

Borsalino weg?Gestern kündigte ich Zeitsparen durch Selberlesen an, aber heute ist ja Sonntag, Zeitvergeudungstag. 1980 las Bodo Kirchhoff in Klagenfurt den fast zwanzig Seiten langen Text An den Rand der Erschöpfung weiter (Anfang, der ganze Text steht in Klagenfurter Texte 1980). Kirchhoff gewann dafür keinen Preis, bekam aber von Sten Nadolny ein Achtundzwanzigstel von dessen Preisgeld (100.000/28 Schillinge). Siehe Bachmannpreis-Archiv des ORF .
Inhalt: Der Ich-Erzähler sitzt zwischen 23 Uhr und gegen Mitternacht zu Hause am Telefon, stoffwechselt und vermisst seinen Borsalino:
Auf einem anderen Fotod.. welches etwa hier hing.. gefähr dort hinten da, waren die Geschlechts.. zuteil.. gehörigkeit.. die erste Hörigkeit, die erste und die letzte.. Te Woche.. hatte ich noch meinen Hut.
Nach ein paar Seiten kam mir der Text lang und unlesbar vor. Ich stellte fest, dass es sich bei dem Text um ein Stück Musik mit komponierten Mikrofonaussetzern handelt. Ein Hörspiel.
Ich las darum den ganzen Text zügig in ein MP3 hinein. Das dauerte 36 Minuten, obwohl ich schnell las. Sind die liegenden Doppelpunkte Atemzeichen? Zum Stoffwechseln kam ich nicht. Mit dem anschliessenden Anhören hatte ich die Zeit für meine innere Jurydiskussion aufgebraucht. Ab jetzt ist also alles Dreingabe.
Schweiss, Stuhl, Urin, Sperma, Tränen.. was darüber hinaus noch an Resten so anfällt, wie Haare, Fingernägel, Nasenschlacke, Schuppen und und wieder kleine Hautpartikel von den Beinen.. sich über den Raum verteilen zu einem Polster, einer natürlichen Isolation, einer Wärmedämmung, einem Humusboden, dem Schnittlauch und Radieschen gedeihen.. aller Voraussicht nach.. sogar Kartoffeln.
Vorsicht mit Ausscheidungen bei Lesung am Morgen. Bei schwerem Kater hören die Juroren sich womöglich lieber appetitlichere Texte an.
Zeit, den Text zu verstehen, habe ich nun nicht mehr. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass nicht doch geschossen wird. Die Musik des Textes gefällt mir, die Lücken füllen sich beim Hören im Hirn. Es geht gut aus: Er findet seinen Borsalino wieder. Ich lese Ihnen das einfach mal vor:
10.11.2007 / 01:05 / Angela Leinen liest: Klagenfurttexte

Hier liess Marcel Reich-Ranicki 1977 eine Hose kürzen. Oder hätte können. Im Juni 1977 konnte ich bereits fliessend lesen, Pucki zum Beispiel, aber Fernsehgucken war reglementiert auf den Kinderfunk im Kalmückenfernsehen1. Der ORF war in unserem Fernseher (Telefunken) sowieso nicht drin. Bei der "Woche der Begegnung" in Klagenfurt lasen Leute, die noch älter waren als meine Eltern und die heute zum Teil schon tot sind. Was, wie ich gerade merke, neuerdings auch auf meine Eltern zutrifft, ich habe mich bloss noch nicht daran gewöhnt.
Ich lese hier alte Klagenfurttexte, weil ich mich nicht auf mehr als zwanzig Seiten verpflichten will. "Ein Buch kann man zuschlagen und in die Ecke werfen, mit einer Messehalle ist das schwieriger."2 Ersteres trifft nur auf das müßige Lesen zu – einmal zum Lesen verpflichtet, erweist sich Krieg und Frieden vielleicht als Messehalle von Oswald Matthias Ungers. Dann hängt man drin und findet im Gedränge den Ausgang nicht. Klagenfurttexte aber dauern nie länger als 30 Vorleseminuten, außerdem gibt es rund 600 davon, unter denen ich wählen kann. Also: Jeden Tag was Neues, Auswahl und Reihenfolge lege ich hoheitlich fest. Leider gibt es die rund 600 Texte nicht in einem Buch. Manche auch in keinem. Die lasse ich weg. Quellen: "Klagenfurter Texte" 1977-1997, ab 1998 das Bachmannpreis-Archiv des ORF, allerlei aus meinem Bestand.
Um mir spätere Diskussionen mit meiner inneren Simone3 zu ersparen, lege ich vorab ein paar Statuten fest: Der Text sollte für mich neu sein (innere Unveröffentlichtheit), ich lese ihn in einem durch und kommentiere im Anschluss nicht länger als 30 Minuten (innere Jurydiskussion). Die Statuten kann ich jederzeit ändern (innerer Reich-Ranicki). Die Zeit, die ich spare, weil ich schneller lese, als die Autoren vorlesen, fülle ich anders und werde den Leser daran teilhaben lassen.
Vorhersage: Es wird sehr wenig geschossen werden. Noch weniger als im Tatort.
1 Alfred Tetzlaff meint den WDR.
2 "Wie können es Menschen, die nicht zufällig bei Ritter-Sport beschäftigt sind, tagelang in Messehallen von Oswald Mathias Ungers aushalten, ohne gewalttätig zu werden wie in dem Film "Cube"?" – aus der "Suada" im Feuilleton der FAS am 7. Oktober 2007, Verfasser nicht genannt.
3 Bettina Balaka, "Blaue Augen"